In einer entscheidenden Phase, etwa um den 33. Lebensmonat, vollzieht sich im Gehirn von Kleinkindern ein ganz bedeutsamer Wandel. Der Wachstumsvorsprung der rechten Hirnhälfte verlangsamt sich und die Entwicklungsphase der sozialen und emotionalen Intelligenz wird abgelöst von einem Wachstumsschub der linken Hirnhälfte. Mit etwa 36 Monaten wird die linke Seite dominant, und dies fördert die Entwicklung komplexer Sprache, sowie die Fähigkeit, vergangene Ereignisse zu erinnern und zukünftige Ereignisse voraus zu sehen.

Qualitativ gute Vorschulerziehung hilft den meisten Kindern, die älter als ungefähr 36 Monate sind, ihre kognitiven Fähigkeiten und soziale Unabhängigkeit zu entwickeln, aber Forscher haben keine dieser Vorteile für Kinder unter 24 Monaten gefunden. Aus diesem Grund sollte die individuelle Kapazität von Kleinkindern zwischen 24 und 36 Monaten, mit dem Trennungsstress fertig zu werden, sehr sorgfältig eruiert werden. Und das Durchschnittsalter 30 Monate kann nur als ganz grober Anhaltspunkt dienen.

Seit langem ist bekannt und in vielen Studien nachgewiesen, dass die Trennung eines Kleinkinds – vor allem in den ersten beiden Lebensjahren - von der vertrauten Bezugsperson zu erheblichem Stress beim Kleinkind führt, der sich nicht wie unter normalen familiären Bedingungen nach kurzer Zeit wieder abbaut, sondern über den gesamten Aufenthalt in der Krippe unvermindert anhält. (Nachgewiesen wurde dieses Phänomen von Studien, die den Cortisolspiegel, ein eindeutiger Stressindikator, der Kinder über die Zeit beobachteten.)

Je abrupter die Trennung, je weniger konstant das Pflegeumfeld in der Krippe und vor allem je weniger Zeit für die liebevolle Zuwendung durch möglichst eine, immer dieselbe Betreuerin bleibt, desto stärker und anhaltender diese Stresssypmptome.

Neueste Forschung hat nun nachgewiesen, dass dauerhafter und wiederholter Stress zu einem Verlust von Gehirnleistung, von Erinnerungs- und damit Lernfähigkeit führt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind mit 16 Monaten in einer Kita mehr und besser lernt, seine Umwelt zu begreifen und zu „managen“ ist folglich eher gering – hier müssten schon katastrophale häusliche Verhältnisse zusammenkommen mit einer optimalen Betreuung in der Kita. Selbst nach offiziellen Angaben sind aber derzeit deutlich weniger als 10 Prozent der Kitas in Deutschland entsprechend eingerichtet und ausgerüstet.

Mehr dazu:
Burkhard Behnke: Behauptung einer Überlegenheit von Krippen gegenüber Familien in der Bildungsförderung kleiner Kinder

Eunice Y. Yuen et al., Repeated Stress Causes Cognitive Impairment by Suppressing Glutamate Receptor Expression and Function in Prefrontal Cortex. Neuron, 73/5, 962-977, 8 March 2012

Es ist sicher nicht schädlich, Babies und Kleinkinder daran zu gewöhnen, dass sie ab und zu auch einmal von jemand anderem versorgt werden, vom Vater z.B. oder von der Großmutter oder einem anderen Verwandten oder einer Nachbarin.

Aber Kleinkinder zurücklassen, um regelmäßig zur Arbeit zu gehen, erfordert sehr viel mehr Sorgfalt. Das braucht Regelmäßigkeit, und es muss immer dieselbe Person  sein, die für das Kind sorgt. Es reduziert sich letztlich auf die Frage: Hat das Kind eine sekundäre Bindung zu dem Menschen, der für das Kind sorgt, oder hat es diese nicht?

Um sich zu emotional ausgeglichenen und sozial kompetenten Erwachsenen zu entwickeln, brauchen Kinder eine beträchtliche Menge an Zeit sowie die feinfühlige Aufmerksamkeit ihrer Bezugspersonen.

In der Bindungstheorie wird als primäre Bezugsperson der Mensch bezeichnet, zu dem das Kind die wichtigste, lebenslange, emotionale Bindung aufbaut, und von dem es am liebsten getröstet werden möchte, wenn es Angst oder Schmerzen hat. Normalerweise, aber nicht notwendigerweise, ist das seine leibliche Mutter.

Der Ausdruck sekundär gebundene Bezugsperson bezieht sich auf einige wenige besondere Menschen im Umkreis des Kindes, zu denen es eine enge ergänzende Beziehung aufbaut, also Geschwister, Großeltern, Kindermädchen, Babysitter, und besonders natürlich die Väter, die oft ihre eigene ganz einzigartige Bindung zum Kind haben. Diese Personen können Babies und Kleinkindern Trost und Sicherheit bieten, wenn ihre primäre Bezugsperson einmal nicht anwesend ist.

In einem normalen Alltag können Babies, Kleinkinder, Kinder und Erwachsene mit einem jeweils altersgemäßen, vorhersagbaren und kontrollierbaren Stress gut umgehen. Diese Erfahrungen erzeugen normale Cortisol-Level, die sehr wichtig für die Körperfunktionen sind. Cortisol steigt morgens an und fällt dann im Laufe des Tages wieder – abhängig von vielen psychologischen und physiologischen Faktoren.

Die Abwesenheit der Mutter oder einer anderen primären Bezugsperson erzeugt Dauerstress beim Kleinkind. Wenn Babies und Kleinkinder aber hinterher wieder mit ihren primären Bezugspersonen zusammen sind, und sie genügend Zeit und sensible Zuwendung erhalten, dann können sie normalerweise genügend gut getröstet und beruhigt werden, so dass ihr Cortisolspiegel bis zum Schlafengehen wieder seinen normalen Spiegel erreicht.

Auswahlkriterine Kita der  Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung Die Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung hat es in einem Memorandum so formuliert:
"In den ersten drei Lebensjahren wird die Grundlage für die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt. In dieser sensiblen Entwicklungszeit bedeuten regelmäßige ganztägige Trennungen von den Eltern eine besondere psychische Belastung für die Kinder. …

Während der ersten 36 Lebensmonate ist das Kind wegen seiner körperlichen und seelischen Verletzlichkeit ganz besonders auf eine schützende und stabile Umgebung angewiesen. Es bindet sich an die Menschen, die ihm am verlässlichsten zur Verfügung stehen. Bindung ist für das Kind eine Überlebensnotwendigkeit. Sie bildet die Grundlage für sein Selbstwertgefühl und seine Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen. Seine emotio¬nale und kognitive Entwicklung wird in der frühen Kindheit durch die Stabilität seiner Beziehungen gefördert…“.

Die DPV fordert ein stärkeres „gesellschaftliches und individuelles Bewusstsein für die Bedeutung früher Trennungserfahrungen…“

Die derzeitige Diskussion um Krippen und den beschleunigten Krippenausbau für Kinder unter drei Jahren erscheine „zu kurz gegriffen, wenn sie sich nur auf demographische, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte konzentriert…“

DPV: „Es ist Forschungs- und Erfahrungswissen (und keine Ideologie), dass für die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung seiner Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten ist. Gerade in den ersten drei Lebensjahren ist die emotionale und zeitliche Verfügbarkeit von Mutter und Vater dafür von großer Bedeutung.

„Allgemein gilt: Je jünger das Kind, je geringer sein Sprach-und Zeitverständnis, je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe je wechselhafter die Betreuungen, um so ernsthafter ist die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit.“

Wenn zwingende äußere Umstände diese Trennung notwendig machen, sollten Sie diese drei Punkte bei der Auswahl der Krippe oder der Tagesmutter berücksichtigen:

  • Ist eine längere Eingewöhnungszeit möglich, in der Sie in „Reichweite“ Ihres Kindes bleiben können? Denn erst langsam entwickelt das Kind die Fähigkeit, die Abwesenheit der Eltern seelisch zu verkraften, indem es sich an sie erinnern und an sie denken kann.
  • Gibt es ausreichendes geschultes Personal und damit die Möglichkeit, dass für Ihr Kind eine Bezugsperson verlässlich und mit ausreichend Zeit zur Verfügung steht? und sind gleichmäßige Alltagsabläufe und regelmäßige Alltagsstrukturen  garantiert? Ist das nicht der Fall, besteht die Gefahr, dass das im ersten Lebensjahr durch Ihre liebevolle Betreuung erworbene „Urvertrauen“ zerstört wird – mit weitreichenden Folgen für die psychische und auch die physische Gesundheit ihres Kindes.
  • Ist gewährleistet, dass Ihr Kind dauerhaft immer in der gleichen Krippe von den gleichen Personen betreut wird? Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter bedeutet für das Kind eine erneute Erfahrung von Bindungsverlust, mit dem ein Zweijähriger noch nicht fertig wird und oft in psychosomatische Störungen „ausweicht“.


Mehr dazu: Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung zum Krippenausbau in Deutschland

Hier liegt leider häufig der Hase im Pfeffer. Es gibt eine Reihe von Qualitäts-Anforderungskataloge verschiedener pädagogische, medizinischer und psychologische/psychiatrischer Organisationen und der Gesetzgeber selbst hat an verschiedenen Stellen die Ziele und Qualitätsmaßstäbe formuliert (s. Verweise unten), aber die große Mehrheit der vorhandenen Kitas kann diesen Qualitätsmaßstäben bisher nicht gerecht werden.

Damit steigt die Gefahr, dass Ihr Kind auch bei gleitender Eingewöhnung in den Kita-Alltag Schaden nimmt. Bindung an einen oder wenige vertraute Menschen in vertrauter Umgebung ist für das Kind eine Überlebensnotwendigkeit. Nur wenn eine Kita diese Grundvoraussetzung gewährleisten kann, sollten Sie ihre Tochter den dort angestellten fachkundigen BetreuerInnen anvertrauen.

Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) hat einen solchen Mindestkatalog formuliert. Daraus die wichtigsten Punkte. Erläuterungen und Einzelheiten in der Kurzfassung des Dokuments:

  • Das Verhältnis von betreuten Kindern zu BetreuerInnen sollte für Kinder von 12 bis 24 Monaten sein:
    1 Betreuerin für maximal 3 Kinder. „Bei Personalausfall werden nur Erzieher zur Vertretung herangezogen, die den Kindern bekannt sind.
  • Die Räumlichkeiten sollten einen Platzbedarf von 6 m² pro Kleinkind berücksichtigen.
  • In der Krippe muss eine adäquate Säuglings- und Kleinkindergrundpflege gewährleistet sein. Die BetreuerInnen müssen „mit den Standards der Kleinkindernährung und den medizinischen Grundleistungen, die das Versorgungssystem für Säuglinge und Kleinkinder vorhält, vertraut sein“.
  • Es muss gewährleistet sein, dass eine stabile, feinfühlige Bindungen an eine vertraute Bindungsperson über die gesamte Betreuungszeit möglich ist. Voraussetzung: „Aufbau von Sekundärbindung sollte grundsätzlich erst nach Etablierung einer sicheren Primärbindung erfolgen“. Heisst: Die Bindung an Mutter und/oder Vater ist fest und verlässlich etabliert.
    Erzieher müssen in der Lage sein, ein Rollenverständnis als Sekundärbindungsperson zu entwickeln, um die Entstehung konkurrierender Bindungen zu vermeiden.
  • Die Trennung von der/den vertrauten Bindungspersonen (Mutter, Vater) verursacht in jedem Fall beim Kleinkind einen Dauerstress. Wenn dieser Stress nicht durch verlässliche „Sekundärbindung“ an eine Betreuungsperson abgefedert wird, kommt es zu dauerhaften psychischen und Verhaltens-Störungen. Das Kita-Personal sollte darin geschult sein, diese Stresssymptome beim Kleinkind richtig zu deuten und entsprechend zu reagieren.
  • Das Kitapersonal sollte im Umgang auch mit Kindern aus problematischen Betreuungsverhältnissen geschult sein.
  • Die Eltern werden soweit wie möglich in den Kita-Alltag einbezogen.
    „Krippen sollten als Eltern-Kind-Zentren ausgerichtet sein und bereits in der Konzeption ein starkes Augenmerk auf die Kooperation mit den Eltern richten.
    Zwischen Eltern und Erziehern wird eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft aufgebaut, die auf Vertrauen und Transparenz fußt. Eltern werden als Experten für ihr Kind und seine Entwicklung wahrgenommen und behandelt.“

Quelle: Mindestkatalog der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ)

Kinder können besonders dann gut auf andere Kinder zugehen, wenn sie selbst sicher in der Bindung zu ihren Eltern sind. Im ersten Lebensjahr ist es also wichtiger, an der Eltern-Kind-Bindung zu arbeiten, als dem Kind soziale Kontakte zu ermöglichen, die es vielleicht noch gar nicht will.

Im zweiten Lebensjahr fangen Kinder an, sich auch ein bisschen mit anderen Kindern zu beschäftigen. Sie teilen gelegentlich Spielzeug und plappern vor sich hin. Wirklich miteinander spielen werden Kinder aber meist noch nicht, vielmehr sitzen sie nebeneinander, während jeder mit sich selbst beschäftigt ist.

Als am besten für Kinder hat es sich erwiesen, wenn sie in den ersten beiden Lebensjahren nicht zu viel neue Bekanntschaften machen. Sie spielen und kommunizieren in diesem Alter am liebsten mit vertrauten Personen.

Auf die Frage, ob Freunde für ein kleines Kind nötig sind, ist die Antwort: Ja – aber nicht viele, und nicht zu früh!

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