Stillen heute – zwischen Liebe, Luxus und Leidenschaft

Stillen, Nähe, Geborgenheit
Foto: fuerkinder/Pukall

Gestern hat Katharina ihren kleinen Sohn entbunden. Sie will unbedingt stillen und setzt sich großem Druck aus. Doch der Kleine schläft dauernd ein, wenn sie ihn anlegen will. Der Stress für Katharina wird immer größer. Ihre Hebamme verhilft ihr schließlich zu Gelassenheit und zur Geduld mit sich selbst und mit ihrem Baby.

Sabine stillt ihre Tochter schon sechs Monate. Bald muss sie wieder arbeiten, wenn sie ihren Job behalten will, auf den sie als Alleinerziehende angewiesen ist. Also hat sie begonnen zuzufüttern, damit sie die Kleine zu einer Tagesmutter geben kann bis sie einen Krippenplatz bekommt. Das Abpumpen ist ihr zu aufwändig, aber abends will sie noch eine Weile stillen und sich ganz ihrem Baby widmen.

Vanessa hat schon nach knapp drei Monaten abgestillt. Sie traute sich nicht mehr raus, wollte in der Öffentlichkeit nicht mehr stillen. Ein paar Mal haben Menschen sie komisch angesehen und zwei haben sogar abfällig über sie gesprochen. Das war ihr peinlich. Außerdem glaubte sie, dass ihre Muttermilch nicht nahrhaft genug sei, weil ihr Baby oft schrie.

Gesundheit, Bindung und Wohlbefinden

Diese drei kleinen Beispiele zeigen, wie vielfältig die individuelle Situation junger Mütter sein kann. Alle Mütter wollen gute Mütter sein. Und nahezu alle Mütter haben oft Zweifel, ob sie es auch wirklich sind. – Deshalb ist es wichtig zu differenzieren statt verallgemeinernde (Be)Wertungen auszusprechen. Denn so individuell jedes einzelne Leben ist, so individuell sind auch die Bedürfnisse und die Möglichkeiten, (nicht nur) wenn es ums Stillen geht! Und: Ja, das war schon immer so und ist KEIN modernes Thema.

Im Mittelalter zum Beispiel wurde behauptet, dass das Stillen eher etwas für ärmere Familien sei (Konrad von Megenberg, 1352), woraufhin im Spätmittelalter Ammen hochmodern wurden, allerdings ein starker Anstieg der Säuglingssterblichkeit zu beobachten war. Etwas später verordnete die Kirche sexuelle Abstinenz für stillende Mütter, weil angeblich die Milch (erneut) schwangerer Mütter schlecht sein sollte. Der Augsburger Arzt Bartholomäus Metlinger (1472) wetterte aus Gesundheitsgründen gegen die Muttermilch der ersten Tage (Kolostrum) und im 19. Jahrhundert behauptete ein süddeutscher Pfarrer gar, dass Mütter, die stillen, faul seien. Klar, sie sollten ja auch als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen!

Foto: fuerkinder/Pukall

Heute macht man sich (vielfältige) Sorgen und rückt das Thema „Stillen“ wieder stärker in den Mittelpunkt: Ernährungswissenschaftler nehmen die körperliche Gesundheit für Mutter und Kind in den Fokus (1), Neurowissenschaftler forschen über die Bindungsentwicklung beim Kind (2), die Politik setzt sich für eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz in der Öffentlichkeit ein (3), und die Nationale Stillkommission (NSK) unterstützt seit 1994 die Entwicklung einer neuen Stillkultur in der BRD und hat kürzlich mit ihrer Studie „Wer stillt in Deutschland und wie lange“ Schlagzeilen gemacht (4). 

Alle haben durchaus ihre Berechtigung, aber ist es wirklich für Mütter und ihre Babys förderlich, noch mehr zu erfahren und den Kopf mit Fachwissen zu füllen? Als Orientierung sicher ja! Aber ich kenne Schwangere, die sich so perfekt auf ihre Mutterschaft vorbereiten, dass es mich manchmal an ein Examen erinnert, das erfolgreich abgeschlossen werden will. Eine von ihnen, deren Kind mittlerweile zur Schule geht, fragte ich nach ihrer Motivation, und sie erzählte:
Als ich zum ersten Mal schwanger war, las ich mich durch Ratgeber, Fachliteratur, kannte jede Studie und hörte mir viele verschiedene Meinungen an. Ich glaubte, gut gerüstet zu sein, wenn ich nur alles „wüsste“. Ich wollte stillen, weil Muttermilch die gesündeste Nahrung für ein Baby ist, die Bindung stärkt und außerdem viel Zeit spart, da künstlich hergestellte Nahrung zum Beispiel nicht erst gekauft, zubereitet und auf Temperatur gebracht werden muss.

Doch als mein Baby da war und dann auch noch die unzähligen und gut gemeinten Ratschläge vieler Mütter und solcher, die irgendwelche Mütter kannten, auf mich einprasselten, war ich ratloser als je zuvor. Völlig nervös und diesem seltsamen Druck nach Leistung unterworfen, was sich logischerweise auch auf mein Baby übertrug, vergaß ich die ganz individuelle Einstimmung auf mein Kind, das Gefühl für mein Kind und für mich selbst!

Ich packte alles in eine große Kiste, genoss mein Muttersein und gewann an Selbstsicherheit und stoischer Ignoranz Menschen gegenüber, die irgendetwas, das ich tat, unpassend fanden. Ich stillte mein Kind so lange, bis es nicht mehr wollte – egal wo, egal wann und noch egaler, ob es andere als passend oder unpassend empfanden. Mein Kind erlebe ich (m)ein Leben lang, die meisten anderen Menschen nicht.

Alles in allem sind die Vorteile des Stillens für Mutter und Kind eindeutig. Und doch bleibt jedem die individuelle Entscheidung, welcher Weg der beste ist. Und das ist auch gut so.

Schöne Aussichten: Ein Blick in die Zukunft

Stillen in der Öffentlichkeit
Foto: Thierry Marius

2053: Zwei entspannt stillende junge Mütter in einem Café mitten im Trubel ihrer Heimatstadt schauen zurück auf vorige Generationen. Sie konnten einem schon leidtun, unsere Großmütter und Urgroßmütter. Sie kämpften für die Emanzipation und verloren ihre Freiheit, die Freiheit, wirklich und wahrhaft WÄHLEN zu können. Unter dem Druck, sie müssten irgendwie alles schaffen zerbrachen sie: gehetzt von den Vorstellungen der Wirtschaft und aller Bildungsinstitutionen, genötigt von gesellschaftlichen und familiären Erwartungen und zerrissen zwischen den Vorgaben und Gesetzen einer Politik, die es allen recht machen wollte.

Viele von ihnen verzichteten auf Kinder, weil diese einfach nicht mehr in ihren, bzw. den ihnen auferlegten, Lebensplan passten. – Erst unsere Mütter und Väter veränderten etwas. Aus einem tiefen Gefühl heraus besannen sie sich auf das pure Menschsein und ignorierten alles, was dem entgegenstand. Sie haben nämlich erkannt, dass die Natur und jede Form von Natürlichkeit einfach IST und sich weder in von Menschen gemachten Gesetzen, noch in Normen und verstandesmäßig organisierten Handlungsweisen festschreiben lassen.

Heute, im Jahre 2053, müssen wir über den Erwerb von Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Werten nicht mehr diskutieren. Sie und vieles andere sind akzeptiert und individuell. Stillen zum Beispiel ist heute vollkommen selbstverständlich – im Restaurant, auf der Bank am Marktplatz, im Freundeskreis und überhaupt überall. Wir müssen deren Vorteile nicht mehr diskutieren oder gar Argumente dafür finden. Heute sind wir völlig frei in dem, wie wir uns für UNSEREN Lebensplan entscheiden. Alles ist ok und ergänzt sich im Großen auf wundersame Weise, so dass es funktioniert. 

Natürlich gibt es noch Babynahrung, aber sie ist kein „Argument“ für irgendwas, sondern steht völlig neutral als „Möglichkeit“ zur Verfügung. Auch die Arbeitgeber, denen es eher um Kontrolle als um effektive und vertrauensvolle Zusammenarbeit geht, gibt es noch; ebenso ein paar antiquierte Sichtweisen, die einigen Menschen noch ein entsetztes Gesicht verursachen, wenn sie stillende Mütter in allen (gesellschaftlichen) Lebenslagen sehen. Aber unser Bildungssystem steht nach dem großen Crash vor einigen Jahren jetzt auf gesunden Beinen und setzt auf Bindung, Gemeinsamkeit, ehrliche Kooperation, echte (!) Teamarbeit, Individualität und Erfahrungslernen.

Wir danken unseren Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern, dass sie diesen steinigen Weg über den großen Irrtum der „Gleichmacherei“ bis zu wahrer Emanzipation, Mutterschaft, Partnerschaft und materielle wie geistige Lebenschaft für uns gegangen sind.

Fußnoten - mit weiteren Informationen
(1) Es besteht in vielen Studien Einigkeit zu der Frage, dass die beste Ernährung in den ersten 6 Monaten die Muttermilch (ohne Beikost) ist. Danach empfiehlt zum Beispiel die WHO eine zusätzliche Gesamtstilldauer von bis zu 24 Monaten oder darüber hinaus. (Quelle: http://www.bfr.bund.de/de/empfehlungen_zur_stilldauer___einfuehrung_von_beikost-54044.html)

Am 1. August diesen Jahres veröffentlichte die WHO (World Health Organization / Weltgesundheitsorganisation) in Kooperation mit UNICEF und deren neuen Initiative (Global Breastfeeding Collective) eine Studie, an der 194 Nationen teilgenommen haben. Das Ergebnis: Nur 40 % der Kinder bis 6 Monate werden ohne Zusatznahrung gestillt. Lediglich in 23 Ländern ist eine ausschließliche Stillrate von 60 % zu verzeichnen. Als gesundheitliche Folgen dieser unzureichenden Still-Praxis werden etwa die Kindersterblichkeit, mehr Durchfall und Lungenentzündungen sowie etliche Infektionskrankheiten bei Säuglingen und für Mütter ein erhöhtes Risiko für Eierstock- und Brustkrebs genannt. Und so folgert Anthony Lake, Direktor der UNICEF: „Das Stillen ist eines der effektivsten und kostengünstigsten Investitionen, die Nationen in der Gesundheit ihrer jüngsten Mitglieder und in der künftigen Gesundheit ihrer Volkswirtschaften und Gesellschaften unterstützen.“ (Quelle: http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2017/lack-investment-breastfeeding/en/ )

(2) Neurowissenschaftlich ist heute erwiesen, dass frühkindliche Erfahrungen (jeder Art), also Erfahrungen vor dem 3. Lebensjahr im Unbewussten (im impliziten Gedächtnis) gespeichert werden und die Entwicklung der Persönlichkeit bzw. des Verhaltens maßgeblich formen. Dass eine stabile Bindung die beste Voraussetzung für stressfreies Lernen und Bildungsbereitschaft im Allgemeinen ist, dürfte in diesem Zusammenhang einleuchten. – Und so ist das Stillen EIN Teil der Bindungsentwicklung über die ENT-Bindung hinaus.
Im mesolimbischen System, dem grundlegenden Motivationssystem, das bereits während der Schwangerschaft gebildet wird, entwickeln sich in der Zeit nach der Geburt die unbewussten Anteile des Selbst, und zwar aufgrund frühkindlicher Erfahrungen, insbesondere früher Bindungserfahrungen. Hierbei entstehen die Grundstrukturen des Verhältnisses zu uns selbst und zu Mitmenschen (…), die positiv wie negativ zur Gestaltung von Beziehungsmustern beitragen.“ (Quelle: Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit, Klett-Cotta)

(3) Anfang Juni diesen Jahres stand es in allen Medien: Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der im Rahmen seiner Arbeit auch für den Bereich „Ernährung“ verantwortlich zeichnet, will sich für das Stillen in der Öffentlichkeit einsetzen. Trotz moderner Zeiten voller Akzeptanz für eine bunte Gesellschaft, hat sich gezeigt, dass noch immer jeder Vierte dem Stillen im öffentlichen Raum zwiespältig gegenübersteht – vor allem in Restaurants und Cafés. Allerdings lehnen nur 6 % der Bevölkerung das Stillen in der Öffentlichkeit vollkommen ab. Aber immerhin jede 10. junge befragte Mutter, die bereits abgestillt hatten, war die ablehnende Haltung in der Öffentlichkeit ein Grund für das Abstillen. – Das hat die Nationale Stillkommission (NSK) am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die die Bundesregierung seit 1994 berät, ermittelt. (Quelle: http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2017/25/stillen_ist_gesund_und_kann_nicht_warten-201173.html)

(4) Eine Literaturstudie der Nationalen Stillkommission (NSK) zeigt, dass schon nach 2 Monaten ein starker Rückgang der Stillraten zu beobachten ist und auch in Deutschland nach 6 Monaten nur noch etwa 50 % der Säuglinge gestillt werden, obwohl zwischen 70% und nahezu 100 % aller Mütter gleich nach der Geburt zu stillen beginnen. Allerdings gibt es (noch) kein einheitliches Erhebungsverfahren, sodass die Zahlen erstens vage und zweitens die (Hinter-)Gründe verschwommen bleiben. Deshalb fordert die Nationale Stillkommission eine systematische, flächendeckende Datenerhebung, die zum Beispiel über die Kinderfrüherkennungsuntersuchungen oder auch den Prozess der Schuleingangsuntersuchung organisiert werden könnte. (Quelle: http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2017/20/wer_stillt_in_deutschland_und_wie_lange_-200781.html)

Beate Dapper

Beate DapperBeate Dapper
ist langjährige Redakteurin, Autorin und Herausgeberin in unterschiedlichen Medienbereichen. Mit ihrer praktischen Erfahrung als musikpädagogische Kraft hat sie sich auf Bildungs- und Sachmedien mit den Zielgruppen Kindergarten, Grundschule und Kinderzimmer spezialisiert. Ihre Website: www.musik-redaktion.de.


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