Stillen - Entwicklung, Gesundheit und Bindung

Stillen hat viele Vorteile - Langzeitstillen zunehmend empfohlenStillen wann immer und so lange das Baby danach verlangt? Seit Jahren wird darüber mit Inbrunst gestritten. "Langzeitstillen" ist in Deutschland kein verbreitetes Konzept, wird aber zunehmend von Stillgruppen und Stillberatungen (z.B. La Leche Liga oder der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen) befürwortet - gestützt auf wissenschaftliche Untersuchungen. Hier einige Studien aus jüngster Zeit.

Solche Konzepte, solange sie nicht als "Glaubensbekenntnis" überhöht werden, werden in den vergangenen Jahren in schneller Folge von wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt. Internationale Fachorganisationen passen ihre Empfehlungen diesen Einsichten an. (Die WHO empfiehlt z.B. ausschließliches Stillen bis zum Ende des 6. Lebensmonat, und zusätzliches Stillen neben der "Beikost" bis Ende des zweiten Lebensjahres und darüber hinaus - WHA Resolution 54.2 von 2001).

Hier einige dieser Studienergebnisse allein aus den letzten Monaten.

Stillen "nach Verlangen" unterstützt die Intelligenz-Entwicklung

Kinder, die nach bestimmten Zeitplänen gestillt wurden oder nur die Flasche erhielten, sind in der Schule später weniger erfolgreich als die Kinder, die nach Bedürfnis gestillt worden waren.

So das Ergebnis einer britischen Langzeitstudie mit 10.000 Kinder die Anfang der 90ger Jahre des 20. Jahrhunderts geboren worden waren und als Achtjährige einem IQ-Test und als Fünf-, Sieben-, Elf- und 14-jährige einem SAT-Test (Scholastic Assessment Test) unterzogen wurden. Dieses Resultat änderte sich nicht, auch wenn einige der bekannteren Einflussfaktoren für die IQ-Entwicklung berücksichtigt wurden, wie etwa der Bildungsstand und Einkommen der Eltern, Erziehungsstile oder die Gesundheit der Mutter.

Nicht nur die Babys profitieren vom Stillen nach Bedarf, sondern auch die Mütter, die laut Studie mehr Selbstvertrauen und ein höheres Wohlbefinden zeigten.

Die Forscher selbst warnen allerdings vor voreiligen Schlüssen und übertriebenen Erwartungen.

M. Iacovou, A. Sevilla. Infant feeding: the effects of scheduled vs. on-demand feeding on mothers' wellbeing and children's cognitive development. The European Journal of Public Health, online vorab publiziert, März 2012

L. Luby et al.,  Maternal support in early childhood predicts larger hippocampal volumes at school age, Proceedings of the National Academy of Sciences, 2012, 109(8); 2854-9

Frühes Abstillen hindert die kognitive Entfaltung

Zu dem gleichen Ergebnis kommt eine Studie von der Universität Krakau, Polen. Auch hier wurden Kinder (443 zu Beginn der Studie) wiederholt in aufsteigenden Entwicklungsstadien über sieben Jahre auf ihre Intelligenz-Entwicklung getestet. Je länger die Kinder als Babys gestillt wurden, desto größer der Abstand in den pschometrischen Test zu den nicht gestillten Kindern.

Die Forscher vermuten aufgrund ihrer Daten über einen Zeitraum von sieben Jahren, dass sich dieser Vorsprung der gestillten vor den nicht-gestillten Kindern bis ins Erwachsenenalter fortsetzen wird.

Wieslaw Jedrychowski et al., Effect of exclusive breastfeeding on the development of children’s cognitive function in the Krakow prospective birth cohort study, European Journal of Pediatrics, 171/1 (2012), 151-158

Ähnlich auch eine noch nicht veröffentlichte Untersuchung an den Universitäten von Oxford und Essex in England. Danach hat bereits das Stillen eines Neugeborenen über einen Zeitraum von nur vier Wochen einen messbaren Effekt auf die Gehirn-Entwicklung bis mindestens zum 14. Lebensjahr.

Quelle: Pressemeldung der University of Oxford

Stillen bremst die Entwicklung von Übergewicht und Diabetes

Die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für Mutter und Kind, vor allem für das Immunsystem und als Schutz vor Autoimmunerkrankungen wie Allergien, Diabetes 1 oder Multiple Sklerose, sind seit langem bekannt und belegt. Dennoch gibt es immer wieder neue Einsichten in aktuellen Studien.

Das Studienprojekt SKOT an der Universität von Kopenhagen, Dänemark, berichtete kürzlich über den Zusammenhang von Stillen und Übergewicht. Danach beeinflusst die Muttermilch die Bildung des Wachstums-Hormons IGF-I und des Insulins.

Das führe, so die Forscher, einerseits zu einem etwas langsameren Wachtum der Babys, damit aber gleichzeitig zu einem geringen Risiko, ein Übergewicht und eine Diabetes zu entwicklen. Auch hier zeigte sich: je öfter und länger gestillt wurde, desto deutlicher die positiven Effekte.

Quelle: Science Daily

Stillen schützt vor Asthma und sorgt für stärkere Lungen

Stillen verbessert die Lungenfunktion von Kindern und schützt vor Asthma besonders bei Kindern von Müttern, die selbst unter Asthma leiden.

Die Forscher aus der Schweiz und Großbritannien werteten die Daten von 1.458 in den 90ger Jahren des vorigen Jahrhunderts geborenen Kindern aus und untersuchten die Lungenfunktion mit den üblichen Tests im Alter von 12 Jahren.

Gestillte Kinder hatten bei einigen der Tests einen deutlichen Vorteil gegenüber den "Flaschenkindern" - und zwar um so deutlicher je länger sie gestillt worden waren. Bei anderen Tests zeigte sich die verbesserten Umfang und Funktion der Lunge nur bei Kindern von Müttern mit Asthma.

C. M. Dogaru et al., Breastfeeding and Lung Function at School Age: Does Maternal Asthma Modify the Effect? American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 2012; 185 (8): 874

Gestillte Kinder haben eine "bessere" Darm-Flora

Muttermilch fördert bei Neugeborenen die Bildung von bestimmten Mikroorganismen im Darm, die hilfreich bei der Verdauung sind und die Entwicklung des Immunsystems beschleunigen. Die Mikroorganismen entwickeln sich nicht bei Kindern, die mit der Flasche, gleich welcher Formel, großgezogen werden.

Die Forscher an der Duke University, USA, beobachteten im Labor das Wachstum wichtiger Darmbakterien in der Muttermilch im Vergleich zu verschiedenen Zusammensetzungen von Ersatzformeln für die Flaschenernährung. Der Unterschied erstaunte selbst die Wissenschaftler und veranlasste sie, das Stillen von Neugeborenen über längere Zeit derart emphatisch zu empfehlen, wie es für Forscher bei der Vorstellung ihrer Studienergebnisse eher ungewöhnlich ist.

Quelle: Duke Medicine News, 27. Augsut 2012

Stillende Mütter sind feinfühliger

Mütter, die ihre Babys in den ersten Lebensmonaten stillen, reagiern sensibler auf die Signale ihres Kindes als Mütter, die nicht stillen.

Die Hirnforschung spielt bei der Erforschung der Mutter-Kind-Bindung eine bedeutende Rolle. Jetzt haben Forscher an der berühmten Yale University, USA, die Reaktionen im Gehirn von Mütter auf das Weinen und andere Signale ihrer Kinden mit Hilfe der modernen bildgebenden Verfahren (fMRI) und Video-Beobachtung gemessen.

Vor allem in den ersten Monaten ergab sich eine deutlich stärkere Reaktion in den Gehirnregionen der stillenden Mütter, die für die Mutter-Kind-Bindung und emotionale Zuwendung "zuständig" sind.

Quelle: Pilyoung Kim, et al., Breastfeeding, Brain Activation to Own Infant Cry, and Maternal Sensitivity, J Child Psychol Psychiatry. 2011 August ; 52(8): 907–915. (PDF, kostenlos)

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