14. Oktober 2015

"Je mehr wir wissen, umso mehr wissen wir, was wir noch nicht wissen"

Nationales Zentrum Frühe HilfenEine Zwischenbilanz der „Frühen Hilfen“ versuchte der Kongress „Stellt die Frühe Kindheit Weichen?“  in der Universität Heidelberg im September 2016– verbunden mit der Verabschiedung eines der führenden Köpfe der vorbeugenden Hilfe für Eltern und Kinder, Prof.  Dr. Manfred Cierpka, als Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin, Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie.

Zu einigen der Vorträge bekannter deutscher und internationaler Wissenschaftler zu den Bedingungen frühkindlicher Entwicklung bei diesem Kongress:

12. Februar 2015

Sensible Kinder brauchen eine besonders sichere Bindung zur MutterKein Kind ist wie das andere. So trivial diese Einsicht ist, so häufig wird sie ignoriert - in Ratgebern, in der Politik und wohl häufig auch bei den Müttern, die auf dem Spielplatz ihre Kinder vergleichen. Ein gut Teil dieser Unterschiede ist "angeboren", genetisch bedingt, ein anderer Teil entwickelt sich durch die Bedingungen, unter denen die Kinder aufwachsen, sogar schon im Mutterleib. Aus diesem Zusammenspiel von Ererbtem und Erworbenen bildet sich die individuelle Persönlichkeit und damit die Lebenschancen und Schicksale im Jugend- und Erwachsenenalter.

Ein anschauliches Bild für diesen Zusammenhang stammt aus der schwedischen Folklore und wurde von dem Londoner Entwicklungspsychologen Jay Belsky, als wissenschaftliche Hypothese populär gemacht: Das Bild von Löwenzahn und Orchidee.

Manche Kinder, die "Löwenzähne" werden mit einem Temperament geboren, das ihnen ermöglicht, auch ungünstige äußere Umständen ohne bleibende Schäden an Leib und Seele wegzustecken. Ihre "Antennen" für die Umwelt sind weniger sensibel, negative Erlebnisse, weniger Zuwendung und Geborgenheit hindert sie nicht an einer "normalen" Entwicklung. Ganz anders die "Orchideen": Ihre Sensoren sind hochempfindlich. Nur bei intensiver, liebevoller Pflege in geschützten Räumen blühen sie zu voller Schönheit auf. Vernachlässigung, Stress oder traumatisierende Erlebnisse lassen sie dahinwelken, ihre feinnervigen Reaktionen, ihre Kreativität gehen verloren - und damit ein Stück gesellschaftlicher Anpassungs- und Innovationsfähigkeit.

Eine aktuelle Studie hat jetzt diesem Bild ein paar neue Striche hinzugefügt.

28. November 2014

Keine Gefahr für Babys im Elternbett - ohne Alkohol und NikotinEine der schlimmsten Horrorvorstellungen von jungen Eltern ist der sog. "Plötzliche Kindstod". Nicht zuletzt deshalb ist er in Elterngesprächen, Medien, Ratgebern ständig präsent. In den vergangenen Jahren ist der "Plötzliche Kindstod" auch regelmäßig als Argument gegen das Schlafen von Babys im Elternbett ge- und missbraucht worden - immer gestützt auf wissenschaftliche Befunde von unterschiedlicher Qualität und Glaubwürdigkeit.

Eine neue, umfassende Studie aus England räumt jetzt mit vielen Vorurteilen, Fehlinterpretationen und einseitigen Deutungen auf.

10. November 2014

Auch die Mütter profitieren, wenn sie ihre Babys stillen

Stillende Mütter erleben die Umwelt positiver als nicht stillende MütterMütter, die ihr Baby regelmäßig stillen, reagieren positiver auf ihre Umwelt und lassen sich weniger als nicht-stillende Mütter von negativen Ereignissen deprimieren.

Dass das Stillen für Gesundheit und Wohlbefinden des Babys von immenser Bedeutung ist und die Mutter-Kind-Bindung gestärkt wird, ist seit langem unumstritten. Dass das Stillen aber auch darüber hinaus die Gefühlswelt der Mutter beeinflusst, das hat erst jetzt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig nachweisen können.

28. Oktober 2014

Mütter mit Angststörungen haben häufiger "Schreibabys"Ungewöhnlich häufiges und langanhaltenden Schreien von Babys ("Schreibabys") kann seine Ursache haben in Angststörungen der Mütter vor, während und nach der Schwangerschaft. Wenn dann noch angstmachende Ereignisse hinzukommen - etwa während der Schwangerschaft - steigt die Wahrscheinlichkeit erheblich, ein "Schreibaby" zu bekommen.

Forscher vom Institut für Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden hatten knapp 300 Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt mit ihren Babys über 16 Monate beobachtet, anhaltende oder kurzfristige Angststörungen bei den Müttern erhoben und die Schreidauer der Babys gemessen.

21. Juni 2014

Kinder mit sicherer Bindung sind bessere SpielgefährtenDie sozialen Fähigkeiten, die notwendig sind im Umgang mit – auch schwierigen – Gleichaltrigen, sind schon bei dreijährigen Kindern mit starken Bindungen zu ihren Eltern früher und intensiver ausgebildet als bei weniger sicher gebundenen Kindern. Die starke und sichere Bindung macht sie zu aufmerksamen und positiven Spielkameraden und hilft ihnen, auch mit “Problemkindern” umzugehen und dabei ihren Willen zu behaupten. 

20. Juni 2014

Geschichten vorlesen mit positivem Ausgang effektiver bei moralischer ErziehungGeschichten erzählen oder vorlesen gehört zu den Standards frühkindlicher Bildung. Aber welche Geschichten?

Auf diese Frage haben Psychologen und Neurowissenschaftler an der McGill Universität in Kanada jetzt eine Antwort gefunden - für den Fall, dass als "Erziehungsziel" die Liebe zur Wahrheit angepeilt wird: Die Bereitschaft der Kinder, die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen, wird deutlich mehr befördert durch Geschichten mit positivem Ausgang als durch Erzählungen, bei denen das Lügen bestraft wird, wie etwa bei Pinocchio oder bei der Geschichte von dem Jungen der dreimal "Wolf" schreit ("Wer dreimal lügt dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht").

Belohnung statt Strafe ist demnach die erfolgreichere Pointe beim Einüben moralischer und kultureller Werte durch das Geschichten-Erzählen.

07. Mai 2014

Zappelphilipp oder traumatisiertes KindDie Diagnose ADHS ("Zappelphilipp-Syndrom") wird von Ärzten immer noch oft vorschnell gestellt und in aller Regel ohne den Versuch, die Lebensumstände und die persönliche Geschichte des "Zappelphilipp" in die Betrachtung einzubeziehen. Dabei könnten die ADHS-Symptome Folgen und Ausdruck besonderer Belastungen im Alltag des Kindes oder die Folgen von traumatischen Erlebnissen sein, wie etwa extreme Armut und Diskriminierung, Gewalt in der Familie oder der Nachbarschaft, Scheidung, Drogensucht oder psychische Erkrankung der Eltern.

Dieser Frage geht eine Studie mit 65,680 Kindern im Alter von 6-17 Jahren nach, die in diesen Tage beim Jahreskongress der kanadischen Pädiater vorgestellt wurde. Zwölf Prozent dieser Kinder waren in der Vergangenheit mit ADHS diagnostiziert und behandelt worden. Und tatsächlich gab es in der Vergangenheit der Kinder mit ADHS-Diagnose wesentlich häufiger und wesentlich mehr traumatische Ereignisse als bei den Kindern ohne ADHS.

29. März 2014

Kinder im Krieg - wenn die Mutter fehltDie Situation der Zivillbevölkerung und vor allem der Kinder im syrischen Bürgerkrieg dramatisiert einmal mehr die verheerende Wirkung von Gewalt und Schrecken auf Geist und Seele der Kinder - eine Wirkung, die lebenslag nachwirkt und mit ihrer zersetzenden Kraft die gesamte Persönlichkeitsentwicklung entgleisen lässt. In einer Situation wie derzeit in Syrien werden auch die Kräfte geschwächt oder gar vernichtet, die einer Zerstörung der kindlichen Persönlichkeit entgegenwirken könnten: Die Liebe und Zuwendung durch die Eltern oder anderer vertraute Personen.

Wie dringend notwendig, aber auch tatsächlich helfend und heilend diese Kräfte in Situationen von Bedrohung und Gewalterfahrung sind, haben jetzt Forscher von der Bar-Ilan Universität in Israel in einer Studie mit 232 Kindern im Alter von 1-5 Jahren und deren Eltern belegt, die in den Grenzgebieten zum Gaza-Streifen leben, wo täglich die Raketen der Hamas einschlagen. Im Alter von 7-8 Jahren wurden die Kinder noch einmal auf die langfristigen Folgen hin untersucht.

25. März 2014

Videospiele beeinflussen das Verhalten von Kindern und Jugendlichen negativ und positivSeit Jahren streiten Sozialwissenschaftler und Pädagogen über den Einfluss von Videospielen auf Einstelllungen und Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Da gibt es reichlich Studien, die diese Spiele für agressives Verhalten und mangelndes Mitgefühl von Jugendlichen verantwortlich machen. Aber fast ebenso viele Studien belegen auch positive Lerneffekte von Videospielen bis hin zu therapeutischen Wirkungen.

Was ist nun richtig? Die Antwort: Beides! Wie immer: Es kommt auf die Inhalte an.