Interview mit Anna Groß-Alpers, Autorin des Kinder- und Elternbuchs: "Wie war es in Mamas Bauch?"

Anna Groß-Alpers - unterstützt Menschen bei der Verarbeitung ihrer vorgeburtlichen Lebenszeitfuerkinder: Wie sind Sie darauf gekommen, ein Kinderbuch zum Thema Vorgeburtliche Erfahrungen zu machen?

A. Groß-Alpers: Mit meinem Buch über das vorgeburtliche Erleben möchte ich dem ungeborenen Kind eine Stimme geben. Darüber hinaus ist es mir wichtig, dass Kindern, die sich noch erinnern, wie es in Mamas Bauch war, gehört und ernst genommen werden. Sie können ihren Eltern und anderen Erwachsenen eine Vorstellung davon geben, wie intensiv und bedeutsam das Leben im Mutterleib ist.

Äußerer Anlass war meine erste Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung. Innerlich ist das Buch ein Resultat vieler Lebenserfahrungen: Aus meinen eigenen Schwangerschaften und Geburten resultierte die Frage, wieso Eltern auf das Kinderkriegen und -großziehen nicht vorbereitet werden.

Kinderarzt Dr. Michael Hauch gegen die Therapeutisierung der Kindheit

Dr. Michael HauchSind wir ein Volk der krankgeschriebenen Kinder? Der Kinderarzt und Bestseller-Autor („Kindheit ist keine Krankheit“), Dr. Michael Hauch, meint: ja! (Rezension des Buchs hier)

44 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen haben in Deutschland bis zu ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Physio-, Ergo- oder Logotherapie hinter sich. In drei von vier Fällen war das jeweils völlig überflüssig – und hat den Kindern eher geschadet.

Hauch wehrt sich in Vorträgen quer durch Deutschland gegen den überbordenden Trend, Kinder in einer Art Prokrustes-Bett an eine Norm-Entwicklung anzupassen und alles, was dieser Norm nicht – oder noch nicht – entspricht, als therapiebedürftige Abweichung einzuordnen.

Jedes Kind ist anders und voller Überraschungen

Jedes Kind ist anders! Und jederzeit gut für eine Überraschung. Eigentlich ein Gemeinplatz, der aber immer mehr aus dem Blick gerät. Kinder werden zu Projekten, durchgeplant und ständig optimiert. Im Zeitalter der Machbarkeiten, in der die Lebenssituation von Eltern aber immer unsicherer und unvorhersehbarer wird, muss zumindest der Nachwuchs auf den geraden Weg zum Lebenserfolg gebracht werden. Abweichungen auf diesem Weg, Besonderheiten und Sonderbarkeiten,  werden erschrocken registriert, vermessen und therapiert. Das fängt lange vor der Empfängnis an und begleitet das Kind in immer häufigeren Tests und Therapien durch die Schwangerschaft, das Babyalter, Kindergarten und Schule bis zur Einmündung in die vorgesehene Wunschkarriere.

Wissenschaftliche Studien und was in den Medien daraus werden kann

"Nestwärme" schafft Empathie und soziales EngagementDer Ausgangspunkt: Ein dpa-Artikel in der Freien Presse Chemnitz am 5.7.2016 - machte mich stutzig. Die Überschrift: „Macht Nestwärme träge? – Gute Erziehung schlägt sich bei Kindern später nicht automatisch in allen Lebensbereichen nieder“. Dazu ein Bild mit einem ca. 9 -jährigen Jungen, der eine Schüssel mit Erdbeeren und dicker Schlagsahne isst und dabei von seiner Mutter einen Kuss auf die Wange bekommt. Ich war alarmiert. Entstehen hier wieder neue Missverständnisse über die Entwicklung unserer Kinder durch Medienberichte? Wird Wärme gleich gesetzt mit Essen und eine liebevolle Erziehung in Frage gestellt?         

Verfälschende Überschriften und Illustrationen             

Im Text ging es um eine Studie der Universität Jena in Zusammenarbeit mit den Universitäten Jyväskylä und Helsinki in Finnland unter der Leitung der Entwicklungspsychologin Dr. Maria K. Pavlova, in der aber garnicht Kinder, sondern Jugendliche (!) untersucht wurden und die Auswirkung von Erziehungsstilen auf bürgerschaftliches Engagement 10 Jahre später. Das Foto war also durchaus irreführend: Ein 9-jähriger ist nun einmal noch kein Jugendlicher?    

Nähe und Vertrauen - Stillen gibt Mut zur Erkundung der WeltWenn Kinder anfangen ihre Umwelt zu erforschen, geraten sie in unbekannte Situationen. Sie bekommen Angst vor neuen Dingen, übernehmen sich, um neue Fähigkeiten zu beherrschen. Das Großwerden ist eine ernste Angelegenheit. Manche Kinder kommen gut zurecht, legen das richtige Tempo vor. Andere sind schnell entmutigt, verwirrt oder tun sich weh, schlafen schlecht.

Vertraut entspannen können sich Stillkinder an der mütterlichen Brust in der Gewissheit eine umhüllende Geborgenheit zu finden. Nicht nur das Neugeborene findet beim Stillen tiefe Befriedigung, sondern auch größere Kinder profitieren von einer längeren Stillbeziehung. Alle Aufregung scheint nach dem Stillen im Nu verflogen zu sein.

Zeit und Geld für FamilienIn einem Schreiben an die Mitglieder des Deutschen Ethikrats verweist die Kinderärztin Dorothea Böhm auf die ethische Problematik der aktuellen Familienpolitik mit der Benachteiligung von Familien mit Kindern, vor allem von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien:

Sehr geehrte Frau Professorin Woopen, sehr geehrte Damen und Herren,

Gesundheit, Entwicklung und Wohlergehen von Kindern sind elementare ethische Anliegen und vom dem Geschick der Eltern nicht zu trennen, dies gilt umso stärker, je jünger Kinder sind. Statt mit der Förderung von kindlichem Wohlergehen beschäftigt sich die Bundesfamilienpolitik fast ausschließlich mit der sog. Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei wird als "Familienförderung" etikettiert, was die familiäre Beziehungszeit verknappt und das Familiengefüge unter Kraftverlust- und Zeitnot setzt.

Unter Müttern wird heiß diskutiert: Wieviel Kinderbetreuung ist nötig? Wieviel kann/darf die Mutter arbeiten und wie sehr sollte sie sich um die Kinder kümmern?

Die “Herdprämie” hat diese Diskussion angeheizt. (Als “Herdprämie” wird das Betreuungsgeld bezeichnet, das Eltern erhalten, wenn sie ihre Kinder selbst betreuen und nicht in die Kindertagesstätte schicken.) Gerade unter Müttern wird viel über den “Herd” diskutiert – er ist ein interessantes Symbol unserer Zeit.

Dorothea Böhm, Familie e.V.Kürzlich hat mich eine Bekannte, Ärztin wie ich, mit Verve zur Brust genommen. Ihre Kritik lautete in etwa so:

Gute Erfahrungen mit selbst-organisierter Krippe

"Ich habe gerade einige Ihrer Einträge gegen Krippenbetreuung von Kleinkindern im Internet gefunden und bin sehr verärgert, dass Sie die Krippen pauschal verurteilen. Ihre Sichtweise ist einseitig und Ihre Ausdrucksweise ist apodiktisch. Vielleicht könnten Sie sich ja wenigstens etwas konzilianter ausdrücken.

Frühkindlicher StressFremdbetreuung bedeutet Stress für die Kinder, insbesondere die Kleinsten, mit Langzeitfolgen, die in jüngster Zeit immer häufiger und eindringlicher in wissenschaftlichen Studien dargestellt werden. Hier ein kurzer Überblick über die bisherigen Ergebnisse:

Forschung zur Wirkung der Betreuung von kleinen Kindern in Kindertagesstätten, insbesondere Kinderkrippen, gibt es schon seit über 50 Jahren. Neben beschwichtigenden mehren sich vor allem solche Ergebnissen, die auf das Risiko von späteren körperlichen und seelischen Folgen verweisen (Shpancer 2006). Kinder erleben Stress bei Fremdbetreuung, der auf noch junge und leicht verletzbare Hirne trifft.

 

Dr. Erika Butzmann - Risiken der KrippenbetreuungJe stärker der Krippenausbau vorangetrieben wird, umso mehr steigt die Nachfrage der Eltern. Diese sich durch den Mainstream entwickelnde Eigendynamik fegt über die Köpfe der Kleinsten hinweg und kaum jemand der Akteure sieht die Not der Kinder.
Aus der Krippenforschung geht hervor, wie sehr die Kinder in der Krippe unter Stress stehen. Warum das so ist, wird mit den nachstehenden Ausführungen erklärt. Es wird gezeigt, was sich in den ersten zwei bis drei Jahren in der Entwicklung ereignet und warum die frühe Krippenbetreuung mit Risiken verbunden ist.

Zuwendung und Stillen "nach Bedarf"Szene 1: Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich aus irgendeinem Grund sehr unglücklich oder empfinden unkontrollierbare Angst. In Ihrer Verzweiflung suchen Sie Ihre beste Freundin oder Ihren Partner auf und schluchzen spätestens jetzt, wo Sie die geliebte Person erblicken, los. Sie können kaum sprechen, so sehr verschlagen Ihnen Ihre Gefühle die Sprache. Ihr Gegenüber nimmt Sie liebevoll in den Arm, spricht leise auf Sie ein, streichelt und tröstet Sie so lange, bis Sie sich beruhigt haben.

Szene 2: Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich aus irgendeinem Grund sehr unglücklich oder empfinden unkontrollierbare Angst. In Ihrer Verzweiflung suchen Sie Ihre beste Freundin oder Ihren Partner auf und schluchzen spätestens jetzt, wo Sie die geliebte Person erblicken, los. Sie können kaum sprechen, so sehr verschlagen Ihnen Ihre Gefühle die Sprache. Ihr Gegenüber schaut nervös auf die Uhr und sagt genervt: Warum kommst Du jetzt schon? Ich bin gerade mitten in einer Besprechung. Jetzt nimm Dich zusammen und warte, bis ich hier fertig bin! Ich lasse mich von Deinen Launen doch nicht herumkommandieren…

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