Gestörte Kinder - Ein (Über-)Blick aus der Schweiz

Daniela Niederberger - Gestörte KinderDieser Beitrag der schweizerischen Journalistin Daniela Niederberger fasst knapp, kritisch und informativ die Diskussion - auch in Deutschland - über die forcierte Einführung "flächendeckender" Fremdbetreuung für Kinder unter drei Jahren zusammen. Der Beitrag ist auch in der Weltwoche erschienen.

Krippen sind gut für die Eltern. Aber sind sie auch gut für die Kinder? Ärzte und Psychiater warnen. Es gibt zudem Betreuerinnen, die ihre eigenen Kinder nie in eine Krippe geben würden. Die Einwände verhallen oft ungehört.

Es sei "familienfreundlich", mehr Krippen zu schaffen, heisst es überall. Der Bundesrat will "Politik zum Wohl der Familie" machen und dafür sorgen, dass mehr Kinderbetreuungsplätze entstehen. «Familienfreundlich» klingt gut – wer wollte das nicht sein.

Doch sind Krippen gut für alle Familienmitglieder? Sicher für Mütter und Väter, die arbeiten wollen. Vielleicht notwendig für Alleinerziehende. Aber für die Kinder (die ja auch zur Familie gehören)? Sind Krippen gut oder schlecht für sie? Und was ist mit ganz kleinen Kindern?

Möblierung der Innenwelt

Kinderpsychologen und -psychiater sind skeptisch. "In den ersten drei Jahren sind Krippen nicht sinnvoll", sagte Otto Eder, ehemaliger Co-Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, vor einiger Zeit zur Weltwoche. Und Dieter Bürgin, langjähriger Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Universitätsklinik in Basel, sagt, Kinder seien ausgerichtet auf einige wenige Bezugspersonen, die Mutter, den Vater, die Grosseltern. Mit diesen möblierten sie ihre Innenwelt. "Wenn es ein Kind zu Hause gut hat, dann ist die Krippe schlechter."
"Es ist hundertmal besser, sich einzuschränken und beim Kind zu bleiben", sagt die Psychologin Ursula Büchli. Dies schon deshalb, weil Kinder Bindungsleere nicht aushalten können und sich eng an eine Betreuerin in der Krippe binden. "Kündigt aber genau diese Betreuerin den Job, verliert das Kind einen Menschen, den es gern hat."

Die renommierte deutsche Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer befasst sich mit Fremdbetreuung im frühen Kindesalter. Aus der Säuglingsforschung wisse man, dass jede Trennung des Babys von der Mutter ein Stressfaktor sei. "Kleinkinder brauchen exklusive Beziehungen. Deshalb sind wir Psychoanalytiker sehr skeptisch, was Kinderkrippen angeht."

In den ersten drei Lebensjahren wird das Urvertrauen erworben, der Grundstein für eine stabile Persönlichkeit und ein gesundes Selbstvertrauen.

Man wird damit nicht geboren, man muss es erwerben. Nötig ist vor allem eine affektregulierende Mutter, wie die Psychologen das nennen. Eine gute Bindung zur Mutter und zum Vater sind das Wichtigste.

Ein Warnruf kam letztes Jahr vom deutschen Neurologen und Kinderarzt Rainer Böhm. Er ist Leitender Arzt des Sozialpädiatrischen Zentrums Bielefeld. In der Frankfurter Allge meinen Zeitung schrieb er einen Artikel unter dem Titel "Die dunkle Seite der Kindheit".

Er warnte vor der gegenwärtigen Krippenplatz-Hysterie. In Deutschland soll bis Mitte dieses Jahres für jedes Kind unter drei Jahren ein Betreuungsplatz bereitstehen. Er verwies auf Amerika, wo man die Frage, ob Krippen gut oder schlecht sind, bereits in den achtziger Jahren diskutierte.

Eine Längsschnittstudie des Entwicklungspsychologen Thomas Achenbach sorgte damals für Unruhe. Er stellte an mehr als 3000 Schülern einen deutlichen Rückgang an sozioemotionalen Kompetenzen fest. Im Vergleich mit den Siebzigern waren die Schüler fünfzehn Jahre später verschlossener, mürrischer, ängstlicher, aufbrausender und unkonzentrierter.

Um das genauer anzuschauen, wurde das amerikanische Nationale Institut für Kindergesundheit und menschliche Entwicklung (National Institute of Child Health and Human
Development, NICHD)
beauftragt, eine Grossstudie durchzuführen. 1300 Kinder ab einem Monat wurden fünfzehn Jahre lang beobachtet. Führende Experten auf dem Gebiet der kindlichen Entwicklung waren involviert.

Der Befund: Eine gute Eltern-Kind-Bindung wird durch ausserfamiliäre Betreuung nicht grundsätzlich negativ beeinflusst. Umgekehrt geht aber eine sehr frühe Betreuung von zweifelhafter Qualität mit erheblichen Risiken für die Bindung zwischen Mutter und Kind einher.

Die Forscher stellten fest, dass Kinder in sehr guten Krippen zwar früher und besser sprechen und lesen konnten und mehr wussten. Dieser Vorsprung schmolz aber später.

Zutiefst beunruhigend sei, schrieb Böhm in seinem Artikel, dass sich die Krippenbetreuung "unabhängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionale
Kompetenz der Kinder
" auswirke. Das heisst:

Je mehr Zeit die Kinder in Krippen verbringen, desto gestörter ist ihr Verhalten: "Streiten, Kämpfen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten, Ungehorsam oder häufiges Schreien". Unter den ganztags betreuten Kindern zeige ein Viertel im Alter von vier Jahren "Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss», so der Mediziner. Das ist nicht, was uns weisgemacht wird: dass nämlich Krippen so wertvoll seien, weil die Kleinen dort soziales Verhalten lernten.

Beunruhigen muss auch dies: In den USA maß man Ende der neunziger Jahre in zwei day care centers (Tagesstätten) bei Kleinkindern die Werte des Stresshormons Cortisol. Man erstellte Tagesprofile. Ein gesunder Biorhythmus weist einen hohen Wert am Morgen auf, der gegen Abend deutlich sinkt. Bei ganztägig betreuten Kindern stieg die Ausschüttung des Hormons jedoch an. Das sei ein untrügliches Zeichen für dauerhaft hohe Stressbelastung, schrieb Böhm. Auch Kinder aus guten Krippen zeigten diesen Verlauf. Er folgert: Selbst bei bester individueller Zuwendung stünden drei von vier Kindern in Kindertagesstätten (Kitas) am Abend "unter abnormem Stress". Die Stressreaktionen liessen sich mit jenen gehetzter Manager vergleichen. Chronischer Stress macht krank, das weiss man. Und chronischer Stress schon ab dem ersten Lebensjahr?

In Wien machte man auch eine Studie zum Thema, und man fand heraus, dass sich besonders bei Kindern unter zwei Jahren nach fünf Monaten in der Kita die Cortisol-Kurven zum Schlechten veränderten. Sie glichen sich jenen Werten an, die in den Neunzigern bei gleichaltrigen Kindern in rumänischen Waisenhäusern nachgewiesen wurden.

Erkenntnisse aus der DDR

All dies – die Studien, die Warnung des Kinderarztes – verhallte ohne Echo. Logisch, weder Politiker noch Eltern, die ihre Kinder in Krippen geben, wollen dies hören.

In der DDR wurden die Kinder flächendeckend in Krippen gesteckt, in der Regel fünf Tage die Woche. Psychiaterin Ann Kathrin Scheerer sagt, viele Patienten aus der ehemaligen DDR hätten Probleme mit Gefühlen und tiefen Beziehungen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer führte die rechte Gewalt in der DDR auf das Aufwachsen in der Krippe zurück. Die Kleinen seien früh auf Anpassung und Untertanenmentalität getrimmt worden. Das habe sich später in Gruppendruck und Aggressionen gegen Schwächere geäussert.

Das Krippen-Experiment geht in den nordischen Ländern munter weiter. Sie gelten als leuchtende Vorbilder. Obwohl von dort ebenfalls unschöne Nachrichten kommen. Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul sagt, Forscher in seinem Land hätten weithin Krippen besucht und warnten.

Sie hätten viele Kinder erlebt, die ganz, ganz einsam waren. Die nicht mittels Aktivität und einer starken eigenen Stimme reagierten, sondern sich völlig zurückzogen.

In Schweden werden Mütter, die zu Hause bei den Kindern bleiben, unter Druck gesetzt. Sozialarbeiterinnen und Ärzte fragen: "Was, ihr Kind ist nicht in der Krippe? Es sollte aber dorthin, das tut ihm gut."

Eltern, die mit ihren Kindern auf Spielplätze gehen, finden unbelebte Einöden vor. Die Kinder sind im day care center, fünf Tage die Woche. Die freie, wilde Kindheit aus den Astrid-Lindgren-Büchern gibt es längst nicht mehr.
Viele werden einwenden: "Dafür gibt es hervorragende
Kinderkrippen, wunderschön eingerichtet, lässiges Spielzeug, tolle Aktivitäten, liebe Betreuerinnen, man möchte grad selber wieder Kind sein.
" Glücksorte, die «Häsliburg» oder «Zauberschloss» heissen.

Drinnen geht es oft nicht so paradiesisch zu und her. In den letzten Jahren wurden so viele Krippen eröffnet,
dass man kaum genug Betreuerinnen findet. Viele Krippen helfen sich mit Praktikantinnen über die Runden, meist Schulabgängerinnen, die nicht recht wissen, was sie beruflich wollen.

Gleichzeitig werden mehr und mehr Babys abgegeben, die Mütter wollen nach vier Monaten wieder zurück in den Job.
Eine ehemalige Betreuerin der Badener Krippe «Häsliburg» berichtete letztes Jahr in der Schweizer Fernsehsendung «Kassensturz», wie das aussieht: neun bis zwölf Kleinstkinder in einer Gruppe. Zwar sei man zu zweit gewesen; aber wenn eine kochte, sei die andere überfordert
gewesen. Am Abend sei eine Gruppe öfter nur von einer Lernenden betreut worden. Die Babys hätten oft geweint, aber man habe sie nicht trösten oder auf den Arm nehmen
können.

Selbst Betreuerinnen haben ihre Zweifel Auf einen Artikel der Stuttgarter Zeitung von September 2011 («Kinderärzte warnen vor Kinderkrippen») meldete sich online eine Kita-
Praktikantin: «Wissen Sie, wie das ist? Wir kommen top mit Kids klar, die die sogenannte Kindergartenreife haben. Dagegen wenn eines unserer Krabbler weint, ist uns oft total mulmig, also wir tun echt, was wir können, aber wir merken, dass wir die Lütten nicht gut trösten können. Das macht mir echt zu schaffen, und davon erzählen wir eigentlich nie den Eltern, denen sagen wir, dass sich ihr Kind bei uns wohl fühlt.»

Wie bringt man zehn oder zwölf Kinder dazu, gleichzeitig den Mittagsschlaf zu machen? Man wickelt sie eng in Tücher, die Augen werden verbunden. Auch war in deutschen Zeitungen
von Kitas zu lesen, wo das Essen am Mittagstisch regelrecht in die Kinder reingestopft wurde.

Gewiss, das sind Einzelfälle. Betreuerinnen wollen ihre Arbeit gut machen, und die meisten machen sie gut. Aber sogar Talin Stoffel, Geschäftsleiterin des Verbandes Kindertagesstätten der Schweiz (zurzeit im Mutterschaftsurlaub) hat ihre Zweifel. Im «Kassensturz» sagte sie: «Für Eltern ist es schwierig, zu bestimmen,
wie gut eine Kita ist.» Studien würden zeigen,dass sie die Qualität oft massiv überschätzten.

«Sie reden sich die Krippen schön.» Kein Wunder, war von ehemaligen Betreuerinnen zu lesen, die – mittlerweile selber Mütter – sagten, sie würden ihre Kinder niemals in
eine Krippe geben.

Daniela Niederberger ist Journalistin und Mutter von zwei Töchtern.


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