Wieviel Herd verträgt die Frau?

Unter Müttern wird heiß diskutiert: Wieviel Kinderbetreuung ist nötig? Wieviel kann/darf die Mutter arbeiten und wie sehr sollte sie sich um die Kinder kümmern?

Die “Herdprämie” hat diese Diskussion angeheizt. (Als “Herdprämie” wird das Betreuungsgeld bezeichnet, das Eltern erhalten, wenn sie ihre Kinder selbst betreuen und nicht in die Kindertagesstätte schicken.) Gerade unter Müttern wird viel über den “Herd” diskutiert – er ist ein interessantes Symbol unserer Zeit.

Im guten Sinne: allein und doch zu zweit

Ich finde, es gibt kaum etwas Gemütlicheres: Ich stehe am Herd und koche, während mein Kind spielt oder malt. Ich genieße diese traute Zweisamkeit ebenso wie mein Kind. Der Kinderpsychoanalytiker Donald Winnicott (1896-1971) hat betont, wie wichtig es ist, dass das Kind die “Fähigkeit zum Alleinsein in der Anwesenheit anderer” erlernt. Die Szene “Mutter am Herd und Kind spielt” spiegelt genau das wieder: Jeder ist im Moment zufrieden mit dem, was er tut. Beide gehen in ihrer Tätigkeit auf. Jeder ist für sich allein und doch fühlen sich beide verbunden. Entspannt. Je öfter sich solche Szenen wiederholen, desto mehr kann das Kind – aber auch die Mutter/der Vater – diese Struktur in sich selbst aufbauen. Das Kind kann sich an dieses Gefühl erinnern und es später auch in der Schule, in der Universität, in Partnerschaft und Familie herstellen. Kurzum: Das Kind wird so beziehungsfähig. Dieses Bild habe ich im Kopf, wenn ich an den “Herd” denke – und finde es so schade, dass der Begriff heute eher negativ gefärbt ist.

Berufliche Eigenständigkeit der Frau und Ergebnisse der Säuglingsforschung

Ich habe selbst studiert, schätze meine Bildung und liebe meine Arbeit. Vieles wurde mir geschenkt, vieles musste ich mir hart erarbeiten. Ich schätze es sehr, dass all dies für viele Frauen heute möglich ist – noch vor einigen Jahrzehnten war diese Situation für Frauen nicht selbstverständlich.

Dann kommt das Kind. Viele wollen an ihrem Beruf festhalten, haben Angst hier “zu kurz” zu kommen. Viele müssen arbeiten, um sich und ihre Familie finanziell über Wasser zu halten. Bei vielen trägt der Beruf zur eigenen Zufriedenheit bei, was natürlich auch dem Kind gut tut, solange es ausreichend gute Bindungen hat. Aber viele scheinen auch irgendwie “Angst” vor diesem “Mutter-Kind-Bindungsthema” (kurzum: dem “Herd”) zu haben.

Die Säuglings- und Bindungsforschung ist heute weit fortgeschritten. Und das Ergebnis lautet: Die Mutter-Kind-Bindung in den ersten Lebensjahren ist und bleibt wichtig für die psychische Entwicklung des Kindes. Dieses Ergebnis scheint kaum in die heutige Zeit zu passen und es macht viele Mütter unruhig: Sie befürchten, ihre hart erkämpfte Freiheit und Selbstverwirklichung aufgeben zu müssen.

Das “schlechte Gewissen” ist auch ein “gesundes Gefühl”

Kaum einer Mutter fällt es leicht, doch viele entscheiden sich nach reiflicher Überlegung, ihr Kleinkind ganztags in einer Kindertagesstätte (Kita) anzumelden. Sie haben oft ein schlechtes Gewissen – Frauen versuchen sich gegenseitig, dieses “schlechte Gewissen” zu nehmen und auszureden. Doch so leicht ist das nicht. Denn das “schlechte Gewissen” ist oft nur ein Ausdruck des eigenen Trennungsschmerzes. Die im guten Sinne “mütterliche Mutter” spürt, dass sie ihr Kind länger in der Kita unterbringt – oder unterbringen muss – als das Kind es eigentlich verträgt.

Denn die “Mutter-Kind-Bindung” bindet natürlich auch die Mutter emotional an das Kind. Und die Mutter kann ihr Kind oft genau in dem Maße “loslassen” und “wegschicken”, wie das Kind es in seinem jeweiligen Entwicklungsstand auch verträgt. Das “schlechte Gewissen” als gesunder Ausdruck eines guten Gespürs für das Kind meldet sich ja eigentlich nur, wenn das Kind nicht gut betreut ist oder dem Alter entsprechend zu lange weg ist.

Kleinkinder werden auch stressbedingt krank

Gerade Kinder unter 3 Jahren zeigen deutlichen Stress in der Kita – die Cortisolspiegel im Speichel verändern sich und sie werden anfällig für Krankheiten. Viele Kleinkinder sind dann aufgrund von Krankheit auch mehr zu Hause als in der Kita. Sie “holen sich, was sie brauchen”. Das verstehen die Mütter auch und sehen es. Doch natürlich lösen sich ihre inneren Konflikte dadurch nicht.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit “entschuldigten” sich die Mütter bei anderen Müttern, wenn sie sagten, dass ihr Kind in den “Hort” geht und ganztags betreut wird. Heute ist es umgekehrt: Mütter, die sich ganztags – oder zumindest ab mittags – selbst um ihre Kinder kümmern möchten, geraten fast in Rechtfertigungszwang. Schnell kommt natürlich der Begriff “Glucke” ins Spiel. Hier ist es ähnlich wie beim “Herd”: Die gute Mutter-Kind-Bindung hat irgendwie einen “negativen Touch”. Viele Mütter kämpfen energisch dagegen an. Es entstehen teilweise tiefe Gräben zwischen den Müttern, die ganztags arbeiten und denjenigen, die ganztags zu Hause bleiben.

Es komme doch darauf an, die Stunden, die man mit dem Kind verbringt, ganz und gar für das Kind da zu sein. Die Qualität sei entscheidend. Doch so leicht ist auch das nicht: Die “gute Mutter-Kind-Bindung” (und natürlich auch die “Vater-Kind-Bindung”) braucht auch Zeit. Es ist also nicht allein die “Qualitätszeit” entscheidend: Zur Bindung zählt eben auch die Quantität – die Zeitmenge, die Eltern mit dem Kind verbringen können, spielt eine Rolle. Doch das ist weniger bekannt.

Es ist Zeit für ein neues Gefühl

Das Problem sind nicht die “Herdprämie”, die “Rabenmutter” oder die “Glucke”. Das Problem ist das Gefühl, das wir haben, wenn wir über “Mütterlichkeit” und “Mutter-Kind-Bindung” sprechen. Irgendwie ist das “Gute” daran abhanden gekommen. Gerade besteht die Gefahr, dass sich in Deutschland eine “Monokultur” entwickelt – und das ist für die Gesellschaft wohl ebenso wenig gut wie für die Natur. Es sprießen so viele Ganztagsschulen und Ganztagskindergärten aus dem Boden, dass die Mütter vielleicht bald gar keine Wahl mehr haben, ob sie ihre Kinder ab mittags betreuen möchten oder erst ab 16 Uhr. Die “Ganztags-Betreuung” wird mehr und mehr zum gängigen Konzept. Gleichzeitig steigen die Depressionsraten an. Das könnte doch zusammenhängen.

Ehrliches Abwägen

Es ist wichtig, dass gerade auch die Frauen stärker und wohlmeinender über die Ergebnisse der Bindungsforschung informiert werden – und dass sie ihre eigenen Schmerzen, Erinnerungen und Gefühle ernst nehmen. Manche Mütter möchten ihre Kinder “abgeben”, weil sie selbst so wenig mit sich als “Mutter” anfangen können. Viele hatten selbst eine Kindheit, in der sie emotional “zu kurz” gekommen sind. Die nicht gelebte Bindungszeit holen viele später in einer psychoanalytischen Therapie oder Psychoanalyse nach. Viel wäre gewonnen, wenn man sagen könnte: Aus wirtschafltichen Gründen oder aus Gründen der Selbstverwirklichung müssen oder wollen viele Mütter heute ganztags arbeiten. Viele Mütter schaffen es verständlicherweise auch nicht, sich ganz allein um ihr Kind zu kümmern – heute fehlt es an sozialen, entlastenden Bindungen (zum Teil genau deshalb: weil alle arbeiten gehen). Doch wir sollten vorsichtig mit dieser Situation umgehen und es ernst nehmen, wenn Kinder zeigen, dass sie zu wenig sichere Bindungen erhalten. Wir wollen das schlechte Gewissen abwehren – aber vielleicht ist es sinnvoller, den Schmerz, der hinter dem schlechten Gewissen steckt, ernst zu nehmen.

Dunja Voos
aus: www.medizin-im-text.de mit freundlicher Genehmigung der Autorin


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