Kann Nestwärme träge machen?

Wissenschaftliche Studien und was in den Medien daraus werden kann

"Nestwärme" schafft Empathie und soziales EngagementDer Ausgangspunkt: Ein dpa-Artikel in der Freien Presse Chemnitz am 5.7.2016 - machte mich stutzig. Die Überschrift: „Macht Nestwärme träge? – Gute Erziehung schlägt sich bei Kindern später nicht automatisch in allen Lebensbereichen nieder“. Dazu ein Bild mit einem ca. 9 -jährigen Jungen, der eine Schüssel mit Erdbeeren und dicker Schlagsahne isst und dabei von seiner Mutter einen Kuss auf die Wange bekommt. Ich war alarmiert. Entstehen hier wieder neue Missverständnisse über die Entwicklung unserer Kinder durch Medienberichte? Wird Wärme gleich gesetzt mit Essen und eine liebevolle Erziehung in Frage gestellt?         

Verfälschende Überschriften und Illustrationen             

Im Text ging es um eine Studie der Universität Jena in Zusammenarbeit mit den Universitäten Jyväskylä und Helsinki in Finnland unter der Leitung der Entwicklungspsychologin Dr. Maria K. Pavlova, in der aber garnicht Kinder, sondern Jugendliche (!) untersucht wurden und die Auswirkung von Erziehungsstilen auf bürgerschaftliches Engagement 10 Jahre später. Das Foto war also durchaus irreführend: Ein 9-jähriger ist nun einmal noch kein Jugendlicher?    

                            

Weiter im Text hieß es: „Die Tatsache, dass positives Erziehungsverhalten sich nicht zwangsläufig auf alle Lebensbereiche auswirkt, ist aus Sicht der Forscher überraschend und stellt auch entsprechende bisherige Vorstellungen der Soziologie infrage.“  Das sind starke Aussagen, die ich gern überprüfen wollte. Auf Anfrage stellte mir Frau Dr. Pavlova die Studie:
Pavlova, M. K., Silbereisen, R. K., Ranta, M., & Salmela-Aro, K. Warm and supportive parenting can discourage offspring's civic engagement in the transition to adulthood, Journal of Youth and Adolescence, 13. Juni 2016, online first, DOI:10.1007/s10964-016-0511-5
zur Verfügung sowie die Presseerklärung der Uni Jena.. Im Gespräch mit ihr kritisierte ich schon mal den Begriff „Nestwärme“, der im dpa-Artikel verwendet wurde.Taatsächlich war dieser Begriff in der Presseerklärung und dann nachfolgend in einer breiten Medienlandschaft verwendet wurde. (Hier die Definition bei Wikipedia, wonach der Begriff  sich ausschließlich auf Babys und Kinder bezieht: de.wikipedia.org/wiki/Nestw%C3%A4rme).

Dr. Pavolva selbst machte mich darauf aufmerksam, dass große Medienblätter diese Jugend-Erwachsenen-Studie  mit Fotos von Babys und Kleinkindern bebildert hätten! Die Uni wäre nicht verpflichtet, da einzuschreiten, weil sie eine gültige Pressemitteilung herausgegeben hätte.

Zögerliche Reaktion der Medien 

Beispiel für diesen Missgriff fand ich im Internet unter anderem bei focus online und focus online Thüringen sowie bei den Salzburger Nachrichten und Die Welt. Nur bei den Salzburger Nachrichten gelang es mir, mit einem Redakteur verbunden zu werden. Ich erläuterte die falsche Bildzuordnung (Mutter mit Baby unter dem Titel „Forscher: Viel Nestwärme kann träge machen“!) und er versprach sofort, dieses Bild zu entfernen, was auch prompt geschah: www.salzburg.com/nachrichten/welt/chronik/sn/artikel/forscher-viel-nestwaerme-kann-kinder-traege-machen-203542/

Anders in vielen Telefonaten mit Focus und Die Welt, die zunächst nicht bereit waren, das missversändliche Elternbildes mit zwei Kleinkindern zu ersetzen. Eine Telefondame bei Focus wollte mir gar einreden, das Kind, das die Eltern an beiden Armen schaukeln, sei ein Jugendlicher! Die Zeitungen meinten, dpa hätte das Bild gleich mit versendet, was mein Gesprächspartner bei dpa bestritt.

Erst per E-mail an die jeweiligen Redaktionen gelang eine Zusammenarbeit. Die Zeitungen entfernten tatsächlich das Bild. Focus online änderte auch die ursprünglichen Zwischenüberschriften, die eine grauenvolle Verzerrung der Studie darstellten: "Überbehütete Kinder sind oft träge und zeigen selten soziales Engagement"; "Zuneigung, Verständnis und Herzensgüte gelten als Pfeiler moderner Erziehung.
Doch viel elterliche Wärme macht aus umsorgten Kindern nicht zwangsläufig sorgende Jugendliche. Forscher fanden heraus, dass gut behütete Kinder sich als Teenager selten sozial engagieren – aus einem einleuchtenden Grund.
"

Focus schrieb mir:

"Sehr geehrte Frau Kräuter,

vielen Dank für Ihre E-Mail.
Nach Rücksprache mit dem zuständigen Ressort wurde mir nun mitgeteilt, dass die Redakteure aus dem DPA-Text Folgendes gemacht haben: "Zu viel Nestwärme schadet - Überbehütete Teenager sind oft träge und zeigen selten soziales Engagement" (http://www.focus.de/familie/erziehung/wissenschaft-forscher-viel-nestwaerme-kann-traege-machen_id_5696744.html)
Auch mit dem Begriff „Kinder“ können unserer Meinung nach „Jugendliche“ oder „Teenager“ gemeint sein. Er muss nicht explizit auf „Kleinkinder“ abzielen. Dennoch haben wir im Artikel „Kinder“ durch „Jugendliche“ oder „Teenager“ wohlwollend ergänzt, um jedes etwaige Missverständnis im Keim zu ersticken.

Mit freundlichen Grüßen,
Tabitha Stimpfle"

Auch dieser Text ist noch immer nicht korrekt, da die Studie immer noch verzerrt dargestellt wurde.

Und was die Studie wirklich aussagt

Worum ging es nun in der Studie wirklich? Dargestellt wurde die Studie in der oben erwähnten Pressemeldung der Uni Jena richtig - bis auf die Überschrift. Dass dieser Titel irreführend und gefährlich sei, da oft nur die Überschriften gelesen werden - darüber konnte ich mit dem Pressechef der Uni Jena, Axel Burchardt M.A., keine Einigung erzielen. Er sei Journalist und sei der Meinung, dass ohne den Begriff „Nestwärme“ und ohne den folgenden verhängnisvollen Satz das Thema nicht in die Medien gekommen wäre: „Der überraschende Befund stellt die verbreitete Vorstellung infrage, dass positives Erziehungsverhalten in jedem Fall positive Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen in nahezu allen Lebensbereichen hat.

Tatsächlich heisst es in der Studie:

"Most impressively, warmth and support reported by mothers in 2004, when their offspring were aged 16–18, predicted lower political activism (e.g., petitioning or taking part in a demonstration or other political event) of the latter assessed almost 10 years later, at age 25–27. Furthermore, young individuals’ own ratings of parental support in 2011, at age 23–25, predicted lower volunteering over the next two years. Effect sizes were small, but they compared favorably  with findings from prior research.  … In the present study, we found the effect of maternal warmth and support on political activism to be greater than what might be expected of a longitudinal effect (b = -.25)…..

No measures of parental civic values and civic engagement were available."

Forschungsgrundlage war ein Fragebogen, den die Mütter zum Erziehungsverhalten ihrer 16-18 Jährigen ausfüllten. Diejenigen Antworten, die die Forscher als „Wärme“ definierten (auch schon ein wenig irreführend), ordneten sie selbst an anderer Stelle als Kennzeichen für „autoritative Erziehung“ ein, als ein positives Erziehungsverhalten zum Unterschied zu autoritärer Erziehung oder Überbehütung.

Meine Kritik

Einen positiven Umgang mit Jugendlichen anzustreben, hat nichts mit Schlagsahne oder „Betüddelung“ zu tun. In der Studie wurde unter anderem die Respektierung der Meinung der Jugendlichen, die Diskussionsbereitschaft der Mütter und deren gute Beziehung zum Nachwuchs untersucht. (Die Untersuchung der Väter fehlte genauso wie die Untersuchung der gesellschaftlichen Aktivitäten der Eltern.).

So ist der Begriff „Nestwärme“ in diesem Zusammenhang nicht nur irreführend, sondern als in der Medienkampagne gesetzter Schwerpunkt unverantwortlich, da er die Anstrengungen der Sozialarbeiter in den Brennpunktfamilien für das Kindeswohl untergraben könnte. Diese bemühen sich unermüdlich, einen liebevollen und warmherzigen Umgang zwischen Müttern, Väter und Kindern zu erreichen. Auch das bundesweite Projekt der „Frühen Hilfen“ ist darauf ausgerichtet. Diese falschen Überschriften und Bilder in den Medien aber unterlaufen, ja boykottieren ihre Anstrengungen zum Schutz der Jüngsten.

Ein positiver Umgang wie er in dieser Studie definiert wurde, hat mit der wirklichen Nestwärme überhaupt nichts zu tun, die Babys und Kleinkinder in den ersten drei Jahren nicht genug bekommen können! Mit Liebe und Geborgenheit kann man nicht verwöhnen. Über 60 Jahre Bindungsforschung in tausenden weltweiten Studien belegen dies!

Man kann nur hoffen, dass diese Artikel nicht von Eltern kleiner Kinder, von Großeltern, Verwandten und Bekannten  gelesen worden sind. Haben doch unsere jungen Mütter, die heute zumeist sehr fürsorglich mit ihren Babys umgehen möchten, die wieder verstärkt stillen und mehr Körperkontakt und Nähe zulassen (Tragetücher, Familienbett), immer noch massiv darunter zu leiden, dass sie dafür von anderen angegriffen werden und ihnen Verwöhnung unterstellt wird.

Was sagt uns das über die Medien-Rezeption wissenschaftlicher Studien?

Ein Journalist  (Pressestelle der Uni Jena) kann mit einem bewusst auf Wirkung zielenden Begriff wie der „Nestwärme“ eine Lawine ins Rollen bringen. Gleichsam gierig griffen in diesem Fall unsere Leitmedien, allen voran dpa, die Chance zur irreführenden Emotionalisierung auf und fütterten damit die von der Wirtschaft und der Pharmaindustrie geförderte Kampagne zur Entfremdung zwischen Mutter und Kind unter dem Deckmantel einer Bildungskampagne (statt Bindung) in der frühen Kindheit!

Die Bertelsmann-Stiftung, der operative Arm des größten europäischen Medienkonzerns, bereitet seit Jahren systematisch den Boden für eine langfristig geplante Expansion der Konzernaktivitäten ins lukrative und konjunkturunabhängige Bildungsgeschäft. Dabei wird auch die Meinungsführerschaft im Sektor früh-kindliche Bildung angestrebt. Kritische Stimmen werden marginalisiert, andere dagegen in eigene Studien“ eingebunden, die die Konzernziele unterstützen.Dr. Rainer Böhm                                          

Wie gefährlich dies wird, zeigt sich in den Folgen "entfremdender" Erziehungsstile, von mangelnder Feinfühligkeit und Zuwendung bis zu Gewalt und Missbrauch. Über diese Folgen gibt es in der Wissenschaft längst so etwas wie einen Konsens. in den Medien wird dann gewöhnlich nur sensationsheischend über diese Folgen, Beziehungsunfähigkeit, soziale Kälte, Gewalt und Terror berichtet, ohne nach den Gründen zu fragen.

Dabei liegen die Konsequenzen auf der Hand, wir hier in einem Artikel im Ärzteblatt  vom 3.8.2016 verstärkte Aggressionen und Gewalt von Kindern. die mit elterlicher Gewalt aufgewachsen sind: "Seit im Jahr 2000 das Schlagen im Elternhaus in Deutschland gesetzlich verboten wurde, verzeichnen wir einen Rückgang bei den Tötungsdelikten im Land von 40 Prozent", so der bekannte Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer hier. Schlagende Eltern haben selbst oft Gewalt in irgendeiner Form in ihrer Kindheit erlebt. Stoppen wir also alle Bestrebungen, die sich gegen eine feinfühlige Erziehung aussprechen!

Dipl. Psychologin Antje Kräuter                                                                        

Antje KräuterAntje Kräuter
Dipl. Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis, Stillberaterin AFS, Beratung von Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren. Ihr Anliegen ist seit 28 Jahren die Förderung der natürlichen Mutter-Kind-Beziehung. Die sicherste Voraussetzung, dass ein neuer Erdenbürger psychisch und körperlich gesund heranwächst, ist die sichere Mutter-Kind-Bindung.


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