Interview mit Regine Gresens, Autorin des Buchs: "Intuitives Stillen"

Regine Gresensfürkinder: Auf Ihrer Internetseite beschreiben Sie die Startschwierigkeiten, die Sie mit Ihrem Sohn hatten und sagen darin: Nicht die Schwangerschaft oder die Geburt, sondern das Stillen hat mich zu seiner Mutter gemacht. Können Sie dies näher umschreiben?
Regine Gresens: Das Stillen war von Anfang an ein ganz wichtiger Teil meiner Beziehung mit meinem Sohn. Ich habe bei jedem Stillen unmittelbar gemerkt, wie gut es ihm tut. Vor allem merkte ich aber auch, dass ich ihm an der Brust nicht nur die optimale Nahrung mit allen wichtigen Inhaltsstoffen gegeben habe, sondern auch seine emotionalen Bedürfnisse nach Körperkontakt, Ruhe, Sicherheit, Trost und vielem mehr erfüllen konnte. Durch das Stillen haben wir einander immer besser kennengelernt und sind mit der Zeit ein gut eingespieltes Team geworden. Das hat mich stolz und sicher gemacht und eben stärker als die Schwangerschaft und die Geburt zu meinem Muttergefühl beigetragen.

Stillen - von der Natur vorgesehene optimale Ernährung und Zuwendung
Nahrung und Zuwendung - Foto:
fuerkinder/Pukall

Es ist nicht allein eine Frage des Stillens, ob ein Kind selbständig werden kann oder abhängig bleibt. Diese beiden Ebenen müssen getrennt voneinander betrachtet werden. Unzählige Facetten des Alltags, des sozialen Umfeldes des Kindes und seine eigene Individualität beeinflussen die Autonomieentwicklung. Stillen bzw. die Mutterbrust ist die von der Natur vorgesehene optimale Quelle an Nahrung und Zuwendung, verbunden mit zahlreichen körperlichen und seelischen Vorteilen. Parallel zur Stillbeziehung fängt bereits im ersten Lebensjahr die Entwicklung des Kindes zu einer eigenständigen Persönlichkeit an.

Anmerkungen von Dr. Erika Butzmann zu einigen Antworten von Dr. Nicole Strüber  im fuerkinder-Interview

Dr. Erika Butzmann - Bindung und Empathie
Dr. Erika Butzmann

Die Frage nach den Entwicklungsphasen im Leben von Babys und Kleinkindern, ihrem Beginn und Verlauf, hat eine sehr viel größere Bedeutung für das Handeln von Eltern und Erziehern und damit für das Wohlbefinden der Kinder, als das auf den ersten Blick erscheint.

Die Diskussion um Schaden oder Nutzen der frühen Krippenbetreuung wird deshalb in unserem Land auch so heftig geführt. Dr. Nicole Strüber hat mit ihrem neuen Buch „Die erste Bindung“ aus neurobiologischer Sicht dargelegt, welch wichtige Rolle die Eltern in den ersten Jahren für eine gesunde emotionale Entwicklung der Kinder spielt.

Im Interview: "Persönlichkeitsentwicklung in früher Kindheit - Antworten aus der Hirnforschung" geht Dr. Nicole Strüber auch auf Fragen zu den frühkindlichen Entwicklungsphasen ein. Im Folgenden ergänzt Dr. Erika Butzmann, Pädagogin und Psychologin, seit 25 Jahren tätig in der Elternbildung einige Antworten von Frau Dr. Strüber mit Beispielen aus der Praxis:

Interview mit Dr. Nicole Strüber vom Institut für Hirnforschung, Uni Bremen, und Autorin des Buchs: "Die erste Bindung"

Dr. Nicole Strüber - Die erste Bindung
Dr. Nicole Strüber

fürkinder: Die uralte Frage nach der relativen Bedeutung von genetischer Vorprägung, der Erbmasse sozusagen, und der Prägung durch die Umwelt hat in den vergangenen Jahren an Brisanz gewonnen (Epigenetik). Gerade die Hirnforschung hat dazu wesentlich beigetragen. Ist etwa „das Böse “ ererbt oder erworben, nature or nurture? Wie groß ist der jeweilige Anteil?
Nicole Strüber: Von der Erbmasse hin zum Bösen ist es ein weiter Weg! Wobei es durchaus ein paar Gene gibt, die etwa das Risiko erhöhen, dass ein Mensch impulsives oder gefühlloses Verhalten entwickelt.

Sie haben es aber ja bereits angedeutet: Auch die Umwelt spielt eine große Rolle für die Entstehung individueller Eigenschaften. Nun haben uns die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass es nicht reicht, für jede Eigenschaft die jeweiligen Anteile von Genen und Erfahrungen zu berechnen, sondern dass immense Wechselwirkungen vorhanden sind. Gene beeinflussen nämlich zum einen, wie wichtig Erfahrungen sind. Andererseits können Erfahrungen die Aktivität der Gene beeinflussen (im Rahmen der von Ihnen bereits benannten Epigenetik). Frühe Stresserfahrungen können beispielsweise Gene des Stresssystems modifizieren und hierüber einen langfristigen Einfluss auf das Stresssystem ausüben.

Interview mit Anna Groß-Alpers, Autorin des Kinder- und Elternbuchs: "Wie war es in Mamas Bauch?"

Anna Groß-Alpers - unterstützt Menschen bei der Verarbeitung ihrer vorgeburtlichen Lebenszeit
Anna Groß-Alpers

fuerkinder: Wie sind Sie darauf gekommen, ein Kinderbuch zum Thema Vorgeburtliche Erfahrungen zu machen?

A. Groß-Alpers: Mit meinem Buch über das vorgeburtliche Erleben möchte ich dem ungeborenen Kind eine Stimme geben. Darüber hinaus ist es mir wichtig, dass Kinder, die sich noch erinnern, wie es in Mamas Bauch war, gehört und ernst genommen werden. Sie können ihren Eltern und anderen Erwachsenen eine Vorstellung davon geben, wie intensiv und bedeutsam das Leben im Mutterleib ist.

Äußerer Anlass war meine erste Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung. Innerlich ist das Buch ein Resultat vieler Lebenserfahrungen: Aus meinen eigenen Schwangerschaften und Geburten resultierte die Frage, wieso Eltern auf das Kinderkriegen und -großziehen nicht vorbereitet werden.

Kinderarzt Dr. Michael Hauch gegen die Therapeutisierung der Kindheit

 

Dr. Michael Hauch - gegen die Therapeutisierung der Kindheit
Dr. Michael Hauch

Sind wir ein Volk der krankgeschriebenen Kinder? Der Kinderarzt und Bestseller-Autor („Kindheit ist keine Krankheit“), Dr. Michael Hauch, meint: ja! (Rezension des Buchs hier)

44 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen haben in Deutschland bis zu ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Physio-, Ergo- oder Logotherapie hinter sich. In drei von vier Fällen war das jeweils völlig überflüssig – und hat den Kindern eher geschadet.

Hauch wehrt sich in Vorträgen quer durch Deutschland gegen den überbordenden Trend, Kinder in einer Art Prokrustes-Bett an eine Norm-Entwicklung anzupassen und alles, was dieser Norm nicht – oder noch nicht – entspricht, als therapiebedürftige Abweichung einzuordnen.

Jedes Kind ist anders und voller Überraschungen

Jedes Kind ist anders! Und jederzeit gut für eine Überraschung. Eigentlich ein Gemeinplatz, der aber immer mehr aus dem Blick gerät. Kinder werden zu Projekten, durchgeplant und ständig optimiert. Im Zeitalter der Machbarkeiten, in der die Lebenssituation von Eltern aber immer unsicherer und unvorhersehbarer wird, muss zumindest der Nachwuchs auf den geraden Weg zum Lebenserfolg gebracht werden. Abweichungen auf diesem Weg, Besonderheiten und Sonderbarkeiten,  werden erschrocken registriert, vermessen und therapiert. Das fängt lange vor der Empfängnis an und begleitet das Kind in immer häufigeren Tests und Therapien durch die Schwangerschaft, das Babyalter, Kindergarten und Schule bis zur Einmündung in die vorgesehene Wunschkarriere.

Wissenschaftliche Studien und was in den Medien daraus werden kann

"Nestwärme" schafft Empathie und soziales EngagementDer Ausgangspunkt: Ein dpa-Artikel in der Freien Presse Chemnitz am 5.7.2016 - machte mich stutzig. Die Überschrift: „Macht Nestwärme träge? – Gute Erziehung schlägt sich bei Kindern später nicht automatisch in allen Lebensbereichen nieder“. Dazu ein Bild mit einem ca. 9 -jährigen Jungen, der eine Schüssel mit Erdbeeren und dicker Schlagsahne isst und dabei von seiner Mutter einen Kuss auf die Wange bekommt. Ich war alarmiert. Entstehen hier wieder neue Missverständnisse über die Entwicklung unserer Kinder durch Medienberichte? Wird Wärme gleich gesetzt mit Essen und eine liebevolle Erziehung in Frage gestellt?         

Verfälschende Überschriften und Illustrationen             

Im Text ging es um eine Studie der Universität Jena in Zusammenarbeit mit den Universitäten Jyväskylä und Helsinki in Finnland unter der Leitung der Entwicklungspsychologin Dr. Maria K. Pavlova, in der aber garnicht Kinder, sondern Jugendliche (!) untersucht wurden und die Auswirkung von Erziehungsstilen auf bürgerschaftliches Engagement 10 Jahre später. Das Foto war also durchaus irreführend: Ein 9-jähriger ist nun einmal noch kein Jugendlicher?    

Nähe und Vertrauen - Stillen gibt Mut zur Erkundung der WeltWenn Kinder anfangen ihre Umwelt zu erforschen, geraten sie in unbekannte Situationen. Sie bekommen Angst vor neuen Dingen, übernehmen sich, um neue Fähigkeiten zu beherrschen. Das Großwerden ist eine ernste Angelegenheit. Manche Kinder kommen gut zurecht, legen das richtige Tempo vor. Andere sind schnell entmutigt, verwirrt oder tun sich weh, schlafen schlecht.

Vertraut entspannen können sich Stillkinder an der mütterlichen Brust in der Gewissheit eine umhüllende Geborgenheit zu finden. Nicht nur das Neugeborene findet beim Stillen tiefe Befriedigung, sondern auch größere Kinder profitieren von einer längeren Stillbeziehung. Alle Aufregung scheint nach dem Stillen im Nu verflogen zu sein.

Zeit und Geld für FamilienIn einem Schreiben an die Mitglieder des Deutschen Ethikrats verweist die Kinderärztin Dorothea Böhm auf die ethische Problematik der aktuellen Familienpolitik mit der Benachteiligung von Familien mit Kindern, vor allem von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien:

Sehr geehrte Frau Professorin Woopen, sehr geehrte Damen und Herren,

Gesundheit, Entwicklung und Wohlergehen von Kindern sind elementare ethische Anliegen und vom dem Geschick der Eltern nicht zu trennen, dies gilt umso stärker, je jünger Kinder sind. Statt mit der Förderung von kindlichem Wohlergehen beschäftigt sich die Bundesfamilienpolitik fast ausschließlich mit der sog. Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei wird als "Familienförderung" etikettiert, was die familiäre Beziehungszeit verknappt und das Familiengefüge unter Kraftverlust- und Zeitnot setzt.

Unter Müttern wird heiß diskutiert: Wieviel Kinderbetreuung ist nötig? Wieviel kann/darf die Mutter arbeiten und wie sehr sollte sie sich um die Kinder kümmern?

Die “Herdprämie” hat diese Diskussion angeheizt. (Als “Herdprämie” wird das Betreuungsgeld bezeichnet, das Eltern erhalten, wenn sie ihre Kinder selbst betreuen und nicht in die Kindertagesstätte schicken.) Gerade unter Müttern wird viel über den “Herd” diskutiert – er ist ein interessantes Symbol unserer Zeit.