Im Beitrag "Weinen ist der Luxus der Kinder, die sich im Schutz einer sicheren Bindung wissen" vom 21. November schildert Stefanie Selhorst ihre Auseinandersetzung mit dem kleinen Leo. Hier nun der Bericht, was danach geschah ...

pflanzen und behüten - Urvertrauen aufbauenAm nächsten Morgen kommt Leo als erster in die Kunstwerkstatt.

Lächelnd geben wir uns die Hand: "Gestern habe ich noch nachgedacht", sage ich, "über Deinen Kehrichthaufen. Der war ja überhaupt nicht geschützt." Leos Mine verfinstert sich: "Und ich habe von Dir immer noch kein..." "Leo, ich habe mir vorgenommen, Dich zu beschützen während Du hier bei mir bist. Natürlich kann immer etwas kaputt gehen. Aus Versehen. Das kann ich nicht ausschließen. Aber ich verspreche Dir, dass ich Dich tröste, wenn es passiert. Und Du brauchst hier bei mir gar nichts hören oder sehen, wenn Du spielst. Ich pass auf Dich auf."

Stefanie SelhorstZwei knapp vierjährige Jungen kehren mit großen Besen verstreute Maiskörner zu einem Haufen in der Mitte des Kindergartenraums zusammen. Ich, ihre Kindergärtnerin trete, trotz bester Vorsätze,  im Laufe des Vormittags doch irgendwann ausversehen in den Kehrichthaufen, während ich einem anderen Kind schnell zur Hilfe eile. Leo, einer der beiden kleinen Straßenkehrer, meint etwa zehn Minuten später: „Frau Selhorst, ich möchte von Dir erst eine Entschuldigung hören!“ „Na ja, es ist nicht die Aufgabe des Kindes mich zu lenken“, denke ich und arbeite weiter. Doch der Kleine findet keine Ruhe und droht zum Abschied: „Wenn ich keine Entschuldigung höre, dann komm ich morgen nicht wieder.

Stunden später, jenseits des Trubels, denke ich nach.

Theresia Herbst

Reflexionen über Jewgenij Samjatins Zukunftsroman „Wir"

Von Theresia Herbst

Die Mutter ist zur Grundsatzfrage geworden. Nicht offen in einer breit geführten Diskussion, sondern still, ohne große Worte wird sie durch pragmatische Veränderungen des Alltags ins Abseits gedrängt.

Jewgenij Samjatins Science-Fiction Roman „Wir“ liefert eine „phantastische“ Folie, um aufzuzeigen, dass mit dem Entzug der Mutter und des Vaters die Enteignung der Persönlichkeit beginnt und der Weg in ein totalitäres System bereitet wird. Bei diesem Extrem sind wir noch nicht angelangt, jedoch bewegen wir uns in kleinen Schritten darauf zu.

Politische Entscheidungen und die Dynamik der Geldwirtschaft übergehen die Bedeutung familiärer Bindungen und demontieren demokratische Rechtsstaaten. Der Begriff Familie schließt in diesem Beitrag verschiedene Familienmodelle mit ein, in denen Kinder Bindungen entwickeln und idealerweise geschützt und geborgen aufwachsen können. Gute Beziehungen mit den Eltern sichern eine gesunde seelische Entwicklung des Kindes und seine Menschenrechte ab. Sie immunisieren vor dem Zugriff anonymer Mächte und entsprechen den Anforderungen eines selbstbestimmten Lebens in einer humanen, demokratischen Gesellschaft.

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