Geld und(!) Liebe - "Der tiefe Riss"

Geld und(!) Liebe - "Der tiefe Riss"Zwei Mütter machen sich hier fürs bedingungslose Grundeinkommen stark, um die Kluft zwischen Kinderlosen und Eltern zu überbrücken und auch Familienarbeit endlich angemessen zu honorieren

Das Autorinnen-Tandem der „Alles-ist-möglich-Lüge“ (2014), Susanne Garsoffky und Britta Sembach, beide zweifache Mütter und Journalistinnen, hat mit „Der tiefe Riss“ ein neues spannendes Buch vorgelegt, das laut Untertitel beschreibt, „Wie Politik und Wirtschaft Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen“.

Kinderlose einbeziehen

Der Versuch, Kinderlose mit ins Boot zu holen, wo es eigentlich um mehr Elternrechte und eine gerechtere Familienpolitik geht, ist gewagt, aber legitim, ja: notwendig. Der Preis, den der Versuch für diese ehrenwerte Absicht zahlt, ist allerdings der, dass sich manche Passagen zunächst lesen wie mit angezogener Handbremse geschrieben. Vor allem in der Einleitung bemühen sich die Autorinnen, den Ball betont flach zu halten, um niemanden vor den Kopf zu stoßen.

Das klingt dann schon mal ziemlich trocken und abgeklärt: „Aber wir können für Verständnis werben auf beiden Seiten. Wir können den Dialog fördern und gemeinsam nach guten Lösungen für alle suchen.“ Oder so: „Was wir jedoch nicht wollen, ist, den Graben noch tiefer, den Riss noch größer zu machen. Wir wollen die Missstände im System klar benennen und gleichzeitig Brücken bauen.“ Zudem zeugt ein über 30 Seiten starkes „Anmerkungen“-Register am Schluss des Buches von der großen Sorge, dieses oder jenes Argument gegenüber Kritikern nicht sorgfältig genug nachweisen zu können.

Zutiefst ungerechtes System

Die Sorge gerade bei diesem heiklen Thema ist berechtigt, und deshalb ist gegen diese Taktik nichts zu sagen. Schließlich braucht man auch die Zustimmung der Kinderlosen, um das für Familien zutiefst ungerechte System auf Dauer zu reformieren. Im weiteren Leseverlauf des Buchs mit seinen fünf Kapiteln, von denen das letzte Kapitel „Geld und Liebe“ aber eigentlich nur noch mal zusammenfasst, was in den ersten vier schon drin stand, lassen die Autorinnen dann aber immer stärker die Finger von der Handbremse.

Gott sei Dank, denn auch die Autorinnen haben erkannt: „Das Einzige, was wir feststellen, ist, dass wir kaum noch Berührungspunkte mit Kinderlosen haben. Schon kurz nach der Geburt (…) trennen sich die Welten.“ Ein trauriger Befund, der aber nicht dadurch angenehmer wird, indem man drüber wegsieht und dieses Tabu auf sich beruhen lässt, wie dies derzeit flächendeckend geschieht.

Neue Parallelwelten: Kinderlose versus Eltern

Insofern ist es ein wirklich mutiger, dringend notwendiger Schritt, den Garsoffky und Sembach mit ihrem neuen Buch gemacht haben. Denn sonst verstärken sich zwei Parallelwelten in Deutschland – hier die Kinderlosen, da die Elternpaare mit ihren Kindern -  ohne Hoffnung auf Besserung und mit allen Konsequenzen, die es in New York, wo Sembach inzwischen mit ihrer Familie lebt, und in Tokio schon längst zu besichtigen gibt. In New York sähe man inzwischen nur noch Nannys mit Kindern an der Hand auf der Straße, keine Mütter, staunt Sembach. Die reiben sich im Berufsleben jetzt genauso auf wie die Väter oder noch mehr. Und in Tokio sieht man 80-Jährige Zeitungen austragen, weil zum einen die Rente zum Leben nicht mehr reicht und es zum anderen schlicht immer weniger Jüngere gibt, die diese Aufgabe übernehmen könnten.   

Was beide Parallelwelten interessanterweise eint: „Jeder hat in dieser Gemengelage den Eindruck, zu kurz zu kommen.“ Im ersten Kapitel „Engel oder Egoisten“ beschreiben die Autorinnen dann aber sehr schön, wie sich eigentlich nur Eltern („Glucken“, „Helikopter“) ungehemmt von allen Seiten verspotten lassen müssen. Sie zitieren die (kinderlose) „WELT“-Autorin Judith Luig, die stellvertretend für viele ihre Aversion gegen junge Paare, die gerade Eltern geworden sind, in einem langen Essay öffentlich kundtun darf. „Ein Leidensbericht“, so war dieser Text überschrieben, und darin wird unverblümt unterstellt, dass Menschen mit Kindern sich moralisch gegenüber Kinderlosen überlegen fühlen. Wow!

Familien dürfen verspottet werden

In Wirklichkeit fällt gerade auf: das Schicksal Kinderloser, selbst wenn es selbst gewählt oder Konsequenz einer immer wieder aufgehobenen Entscheidung ist, wird medial stets viel einfühlsamer behandelt als das Schicksal von Familien. Über das eine darf man gern kübelweise Spott ausgießen, das andere darf man nur mit Samthandschuhen anfassen, und selbst dann droht man sich noch oft genug die Finger zu verbrennen.  

Oder, auch das ist inzwischen zu beobachten: Partner gleichen sich ständig gegenseitig ab, vergleichen, checken, optimieren. Unter solchen Bedingungen ist es klar, dass am Ende der Kinderwunsch logischerweise auf der Strecke bleibt – könnte ja jemand kommen, der oder die noch besser geeignet ist, der oder die das noch besser hinbekommt, der oder die noch mehr verdient oder Zeit hat oder besser aussieht oder was weiß ich noch alles kann und hat und ist. Die Autorinnen haben hier eine „Kultur der Selbstthematisierung“ ausgemacht, vor dessen Hintergrund „nichts mehr selbstverständlich zu sein scheint, sondern alles infrage gestellt werden kann“. Auch und gerade die Entscheidung für oder gegen einen Partner und für oder gegen eine Familie.

Kinder sind zum Wettbewerbsnachteil geworden

Und weil bei der ganzen Vielcheckerei ein finanzieller Verlierer in jedem Fall feststeht – das ist der- oder diejenige, der/die sich für ein Leben mit Kindern entschieden hat und dafür beruflich kürzer tritt oder gleich ganz zuhause bleibt, zumindest dadurch meist lebenslang finanzielle Nachteile erwirbt - In der Regel ist dies nach wie vor die Mutter - , entscheiden sich immer weniger junge Leute für ein Kind. Die Kinderarmut wird die nächsten Jahrzehnte unsere Gesellschaft in Deutschland sprichwörtlich prägen, trotzdem wird dieser Tatbestand zum Ärger der beiden Autorinnen auch weiterhin stramm ignoriert: „Kinder sind auf dem Weg von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu einem enormen Wettbewerbsnachteil geworden.

Bedingungsloses Grundeinkommen als große Chance

Und weil all das Fummeln an all den großen und kleinen Stellschrauben hin zur vermeintlich immer besser möglichen Beruf-und-Familie-Vereinbarkeit nicht funktioniert („Meist setzt man sich deshalb am Abend noch einmal hin und klappt seinen Laptop auf, wie viele, viele unserer Freunde. Sie tun dies zulasten ihrer Beziehung, ihres Freundeskreises und vor allem zulasten der Zeit für sich selbst.“) und dadurch  „den tiefen Riss nur weiter aufreißt, statt ihn zu schließen“, fordern Sembach und Garsoffky das, was neuerdings auch SAP-Vorstandsmitglied Bernd Leukert auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos 2016 vorgeschlagen hat: ein bedingungsloses Grundeinkommen, statt fortwährender „Mutterschaftsbestrafung“ selbst und gerade in den Sozialsystemen, die familiäre Fürsorgearbeit nicht ansatzweise ausreichend anerkennen.

Adenauer verwirkte die „Kinderrente“, Familien leiden darunter

Einige Länder wie Schweiz oder Finnland testen es schon in diversen Modellen, endgültige Ergebnisse liegen noch nicht vor. Danach würde jeder Mensch, egal ob groß oder klein, dick oder dünn, Mann oder Frau, kinderlos oder kinderreich, berufstätig oder nicht, ein gleiches Grundgehalt zum Leben bekommen. Er oder sie hätte dann die Möglichkeit, sein Leben so zu leben, wie er oder sie will. Mit oder ohne Kinder (die natürlich auch ein Grundgehalt bekämen, wodurch sich Familien schlagartig besser ständen und Familienarbeit endlich auch so honoriert würde, wie es in unserer Geld-Gesellschaft angemessen wäre: finanziell).

Besser jetzt handeln, bevor es zu spät ist

Denn dass die „Kinderrente“, die einst der Adenauer-Ökonom Schreiber als dritte Säule in das Rentensystem einbauen wollte und dann vom Chef höchstpersönlich wieder verworfen wurde, doch noch irgendwann Auferstehung feiern wird, ist wohl höchst zweifelhaft. Adenauer soll den folgenschweren Satz beim Boule-Spielen am Comer See gesagt haben: „Kinder bekommen die Leute sowieso.“ An diesem Irrtum haben Deutschlands Familien bis heute zu leiden, und zwar immer mehr, weil es immer weniger Kinder gibt. Auch deshalb ist das Grundeinkommen die zurzeit charmanteste aller Ideen, auf die junge Paare hoffen können. Der Versuch wäre riskant, das geben die Autorinnen zu. Aber sie sagen völlig zu Recht: „Noch riskanter scheint es uns, einfach weiterzumachen wie bisher und die Jahre zu zählen, die es dauert, bis das System zusammenbricht.

Das Buch:
Susanne Garsoffky, Britta Sembach: Der tiefe Riss. Wie Politik und Wirtschaft Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen.
Pantheon-Verlag (Random House)
ISBN: 978-3-570-55335-0
Paperback, Klappenbroschur, 256 Seiten
13,5 x 21,5 cm
15 Euro.

Birgitta vom Lehn

Birgitta vom Lehn
Birgitta vom Lehn

Birgitta vom Lehn,
ist verheiratet und Mutter von drei fast erwachsenen Söhnen. Aufgewachsen in Westfalen, ausgebildet im Rheinland, lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren als freie Journalistin in Lilienthal bei Bremen. Ihre Texte und Recherchen konzentrieren sich vor allem auf das, was mit Kindern und Familie zu tun hat. Daneben liegen ihr Bildungsfragen am Herzen.


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