Verlustängste bei Krippenkindern - Foto Unsplash © Sharon Mc CutcheonKleinen Kindern sind die psychischen Folgen von Trennungs- und Mangelerfahrungen, wie sie in der derzeit üblichen Krippenbetreuung zwangsläufig gegeben sind, oft noch nicht deutlich anzumerken. So kommen manche Studien, die nicht die innerseelische Verfassung und Reifungsprozesse der Kleinkinder einbeziehen und sich lediglich auf einige äußerlich erfassbare Verhaltensaspekte innerhalb der ersten Lebensjahre beziehen, immer wieder zu dem Ergebnis, krippenbetreute Kleinkinder entwickelten sich grundsätzlich normal.

Je nach Veranlagung können sich diese Kinder verschieden verhalten, ja gerade gegensätzlich. Einerseits können sie sich im Krippenalltag tendenziell unauffällig zeigen. Sie verhalten sich dann üblicherweise still und anspruchslos, spielen scheinbar gern allein, wirken manchmal gelangweilt, sind zurückhaltend und angepasst. Solche Kinder gelten dann als lieb und schüchtern. Wieder andere Kinder sind eher unruhig und aggressiv, zerstören Dinge, rennen herum, nehmen anderen Kindern das Spielzeug weg. Solche Kinder werden eher als vital und durchsetzungsfähig, eher als anstrengend und unangepasst bezeichnet. Solche Verhaltensweisen in der Krippe schließen jedoch nicht aus, dass die Kinder zu Hause geradezu gegenteilige Seiten zeigen können.

Da solche Verhaltensweisen bei Kleinkindern mit ihren entwicklungsgemäß unreifen, teilweise heftigen Emotionen durchaus auch sonst hin und wieder im üblichen Verhaltensspektrum liegen können, werden sie kaum als Anzeichen für ihre innere Not und Überforderung im Krippenalltag erkannt. Solche meist einseitige Verhaltensweisen, die häufig Anzeichen für die Überforderung in der täglichen Krippensituation sind, können jedoch spätere seelische Beeinträchtigungen vorbereiten wie z. B. Depressionen oder anhaltende Aggressionsstörungen.

Um besser zu verstehen, was hinter der kindlichen Fassade steckt, welch seelischer Schmerz sich dahinter verbergen kann, lohnt ein Blick auf die Verlust- und Verlassenheitsängste bei Kindern unter 3 – 4 Jahren, die tagein, tagaus in der Krippe betreut werden.

„Hilf mir, bleib bei mir!“

Die stundenlange Trennung des Kindes von den Haupt-Bindungspersonen – naturgemäß die Eltern – kann das Kleinkind, je jünger es ist, desto weniger emotional überbrücken. Denn Kinder unter 3 – 4 Jahren, ganz besonders unter 2 Jahren brauchen noch die Anwesenheit einer vertrauten, liebevoll zugewandten Bindungsperson, um sich sicher und geschützt zu fühlen. Die Kleinen sind noch ausgesprochen reizoffen, leicht irritierbar und erregbar, sodass sie häufig auf Trost und möglichst prompte Regulation ihrer heftigen Emotionen und Bedürfnisse angewiesen sind, da diese sie noch nicht selbst regulieren können. Allein gelassen, besonders in unbekannten oder sie überfordernden Situationen, werden sie geradezu von ihren Emotionen überwältigt, was größte Verunsicherung, Stress und Frustration bedeutet.

In der Krippe wechseln i.d.R. die ErzieherInnen häufig. [1] Außerdem sind sie meist mit zu vielen Kindern überlastet und können deswegen selten zu einer jeweils ausreichend verlässlichen, individuell bezogenen und vertrauten sekundären Bindungsperson für ein Kleinkind werden. Ferner können sie kaum den nötigen Schutz- und Ruheraum in der Gruppensituation bieten.

Je länger die Trennung von der Bindungsperson, desto mehr verursacht sie inneren Stress mit Verlassenheits- und Verlustängsten. Frühkindlicher Stress kann das Stress-Regulationsvermögen lebenslang beeinträchtigen, was einen enormen Einfluss auf die seelische und körperliche Gesundheit eines Menschen hat.

Äußerlich ist der innere Stress den Kindern jedoch meist nicht anzumerken, er veranlasst sie in der Krippe dagegen dazu, sich möglichst anzupassen und fraglos zu „funktionieren“, um nicht noch mehr Stress zu riskieren. Dies wird dann oft als Fortschritt in der Entwicklung, als sozial gut angepasst und „gut eingewöhnt“ interpretiert.

„Mama und Papa haben mich nicht lieb“

Verlustängste bei Krippenkindern 3 - Foto iStock © SbytovaMNVon der bisher existentiell wichtigsten, Halt und Vertrauen vermittelnden Bindungsperson verlassen zu werden und über Stunden weitgehend sich selbst überlassen zu sein und somit Stress, Verunsicherung und Reizüberflutung ohne (wirksamem) Trost ausgesetzt zu sein, verursacht neben der Leere, dem inneren Stress, den Verlassenheitsgefühlen und Verlustängsten auch die Schwächung des kindlichen Selbstwertgefühls: Ich bin es nicht wert, dass Mama/Papa bei mir bleiben. Ich bin nicht liebenswert. Außerdem bedeutet es eine Enttäuschung von der Bindungsperson. Die Erfahrung, dass diese sie verlässt und nicht mehr ausreichend verlässlich präsent ist, kann dann eine Lockerung der Bindung herbeiführen. So kann sich eine ursprünglich sichere zu einer unsicheren Bindung verändern, was sich z. B. darin zeigen kann, dass die Kinder nicht mehr auf ihre Eltern hören und sich auch später insgesamt respektlos gegenüber Erwachsenen zeigen. Eine unsicher-vermeidende Bindung kann z. B. beim Abholen von der Kita sichtbar werden. Kleinkinder wenden sich dann oft ab oder zeigen sich ablehnend gegenüber Mutter/Vater: sie rennen davon, lassen sich nicht anziehen, sie sind schlecht gelaunt, teilweise aggressiv gegen die Eltern und wollen nicht mit nach Hause gehen. [2] Die gängige Interpretation eines solchen Verhaltens ist dann, das Kind gehe eben sooo gerne in die Krippe. Die Beruhigungs-Bemühungen der Eltern können dann unter Umständen mühsam und wenig erfolgreich sein, denn was zugrunde liegt, bleibt: dass das Kind immer wieder verlassen wird und wurde. Oft spielen sich dann destruktive Verhaltensmuster zwischen Eltern und Kindern ein.

Die fortgesetzt erlebte innere Verunsicherung, die Ängste und die Lockerung der Bindung können sich mit der Zeit beim Kind verinnerlichen und zu einer allgemeinen Angstbereitschaft mit Neigung zu anhaltenden Trennungs-, Verlust- und Verlassenheitsängsten, zu Panikattacken und schließlich zu Beziehungsstörungen mit mangelnden Fähigkeiten sich zu binden werden, auch in späteren Beziehungen.

„Mir ist so langweilig …
kann ich fernsehen, kann ich mit dem Handy spielen?“

Frühe Fremdbetreuung kann auch langfristig eine körperliche und psychische Unruhe und Ablenkbarkeit der Kinder bewirken, welche mit der frühen Verunsicherung und den vielen, wechselnden Eindrücken in der Krippe zusammenhängen können. Das begünstigt bei den Kleinkindern mit ihrer Reizoffenheit eine einseitige Außenorientierung – eine Habachtstellung, in der sie sich ständig in Alarmbereitschaft befinden. Diese Außenorientierung und die häufigen Ablenkungen in der Gruppe verhindern eine vertiefte, konzentrierte Beschäftigung mit einer Sache und schließlich die Fähigkeit zu selbstständig-kreativer Exploration und zu vertiefendem Spiel. Letzteres aber ist die Basis für intrinsisches Interesse, Exploration, Kreativität und Verarbeitung von Erfahrungen.

Da sich solche Fähigkeiten unter diesen Umständen wenig entfalten können, zeigen sich die Kinder allgemein unruhig und ablenkbar, sie empfinden oft Langeweile und verlangen nach immer mehr und neuen Eindrücken und Ablenkungen. Später haben sie dann in der Schule oft Lernschwierigkeiten. Denn sie haben Probleme damit, sich länger und vertiefend mit einer Sache zu beschäftigen. Lehrer beklagen sich über Ablenkbarkeit, Unruhe und Konzentrationsmangel. Oft wird dann die Diagnose ADHS gestellt.

„Ich will nicht!“

Verlustängste bei Krippenkindern - Foto iStock © igabrielaManche Kinder entwickeln dagegen auch allgemein Ängste bei Situationswechseln. Diese weisen ebenfalls auf eine tief eingeprägte Verunsicherung hin. Denn jeder Situationswechsel kann als Verlust der momentanen Sicherheit erlebt werden. Ohne das Fundament von Urvertrauen kann das einen jeweils Angst auslösenden Schritt ins Leere, Unbekannte bedeuten.

Ein weiterer Faktor kann sein, dass sich ein Kind in solch wechselnden Situationen nicht kurz auf sich selbst zurückbesinnen kann, um die neue Lage abzuschätzen und sich entsprechend umzustellen. Dies ist der Fall, wenn dieses „Selbst“ sich nicht stabil ausbilden konnte. Denn das Selbst oder die Beziehung zum eigenen Selbst reift ursprünglich im zwischenmenschlichen Miteinander von Bindungsperson und Kind. Und die vorerst äußere Sicherheit durch die weitgehende Aufmerksamkeit der wichtigsten Bindungsperson(en), ihre verlässliche Präsenz und Resonanz, ihre liebevoll-vermittelnden und beruhigenden Rückmeldungen lassen dann im zweiten und dritten bis vierten Lebensjahr dieses Selbst allmählich zu einer eigenen inneren, unabhängigeren, selbstbewussten Instanz werden. Wenn sich diese Instanz in diesen ersten Lebensjahren nicht ausreichend bilden konnte, besteht bei diesen Kindern weiterhin ein extremes Bedürfnis einerseits nach Sicherheit und andererseits nach Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Grundbedürfnisse, die zu ihrer Zeit nicht erfüllt wurden, sind später jedoch kaum noch nachzuholen. Das gesteigerte Bedürfnis nach Selbstbestätigung weist später auf krankhaft-narzisstische Tendenzen hin.

von Gisela Geist

weitere Informationen

[1] Krankenstand, Anteil der Teilzeitstellen und Abwanderung in andere Berufe sind in der institutionellen Frühbetreuung besonders hoch. Daher ist ein Kind häufigen Wechseln der Betreuungspersonen ausgesetzt. Hinzu kommt, dass „seine“ Bezugsperson gerade aufgrund von Urlaubszeiten, Fortbildungen, Teambesprechungen, Elterngesprächen, Vor- und Nachbereitung, Organisation, Dokumentation, Gruppen- und Schichtwechseln abwesend sein kann.

[2] Dieses Verhalten kann man leicht unterscheiden von einem entwicklungsgemäßen, lustbetonten Weglauf-Fang-mich-Spiel der 1,5 bis 2,5-Jährigen, die damit spielerisch ihre Selbstständigkeit im Sich-entfernen und Wiedergefunden-werden-wollen erproben.

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