Digitale Revolution - Foto Jean Kobben © AdobeStock

Neben dem Suchtpotenzial greift der frühe und häufige Umgang mit der Bilderwelt des Smartphones in die Entwicklung von Vor- und Grundschulkindern sowohl in den kognitiven/intellektuellen als auch in den sozialen Bereich ein.

Störungen der Entwicklung
zum abstrakten Denken

Wie Lernprozesse durch den frühen und langzeitigen Gebrauch digitaler Medien bei Vorschulkindern eingeschränkt werden, wurde bereits erläutert. Im Grundschulalter kommen weitere Einschränkungen beim Lernen hinzu. Wenn das Mit-der-Hand-Schreiben in der Grundschule weitgehend durch Tasten bedienen und Wischbewegungen ersetzt wird, können sich die für das Lesen und Schreiben zuständigen Hirnbereiche nicht ausreichend entwickeln. Darüber hinaus gelingt der Übergang vom logischen zum abstrakten Denken nur unzureichend.

Zwischen 6 und 10 Jahren können die Kinder zwar durchgängig logisch denken – vorher vorlogisch oder transduktiv [1], benötigen aber immer noch konkrete Vorgaben, um Zusammenhänge zu verstehen, können also noch nicht abstrakt und systematisch denken, um Dinge zu hinterfragen. Deshalb sind in den Schulbüchern der Grundschüler zu Beginn noch viele Bilder, die im Laufe der nächsten drei Jahre immer weniger werden. Das ist zwar selbstverständlich, dahinter steckt jedoch etwas Wichtiges:

in den ersten drei Schuljahren sind die Kinder noch auf konkrete Darstellungen in Büchern und im Unterricht angewiesen, um Zusammenhänge zu erkennen; sie brauchen also Bilder, die man länger betrachten kann.

Im Laufe der vierten Klasse geht das konkret-logische zum abstrakten Denken über, also ein von konkreten Anschauungen unabhängiges Denken. Die Übung dazu passiert etwa durch das Schreiben, Lesen und Hören von Darstellungen, die sich die Kinder im Kopf vorstellen müssen. Wenn also in dem Alter die Bilderflut mit den schnellen Wechseln stark überwiegt, schränkt das die Entwicklung zum abstrakten Denken und damit zur umfassenden Intelligenz ein. Die Kinder lernen nicht, selbst nachzudenken, Vorstellungen zu entwickeln, daraus Handlungen zu planen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und Prozesse zu überdenken und zu durchschauen.

Damit verhindert der zu frühe und dauerhafte Medienkonsum gerade die Schlüsselqualifikationen, die für die Beherrschung der digitalen Medien gebraucht werden!

Soziales Denken und Empfinden

Digitale Revolution - Foto clairette © photocase

Zwischen 7 und 10 Jahren bilden sich beim Kind nach und nach die Hirnbereiche aus, die das Hineinversetzen in die Gefühle des anderen erst richtig ermöglichen. Dieses Hineinversetzen wird immer unterstützt durch die Gefühlsansteckung (Spiegelneuronen, Oxytocin), die bei allen Menschen mehr oder weniger stark von Geburt an vorhanden ist.

Bei einem überwiegenden Austausch per Smartphone aber fehlt dieser Motor der Gefühlsansteckung. Das soziale Empfinden und Denken wird oberflächlicher, wenn die Übungsphase in der Kindheit für ein tieferes soziales Verstehen nicht ausreichend genutzt wurde. Die direkten sozialen Kontakte in der Familie, mit den Freunden und Klassenkameraden sind ein unabdingbares Übungsfeld für die soziale Entwicklung.

Die Intensität dieser besonderen Entwicklungsphase ergibt sich daraus, dass Grundschulkinder sehr stark ihre Gefühle ausleben. Sie juchzen, schreien, lachen, rennen und sind beim Spiel oft kaum zu bändigen. Dieses Ausleben der Gefühle setzt die Glückshormone Dopamin und Serotonin frei, was das kognitive Lernen fördert.

Wenn Grundschulkinder in der Schul-Pause diese wilden Spiele genießen, sind sie für den Lernstoff in der nächsten Stunde offener. Gleichzeitig wird in diesem gefühlsgesteuerten Spiel die soziale Verbundenheit zu den Spielkameraden gestärkt und das soziale Lernen gefördert. Das passiert nicht oder nur sehr eingeschränkt, wenn die Kinder in den Schulpausen nur auf ihr Smartphone starren und darüber hinaus viele Stunden täglich mit digitalen Medien zubringen.

Dieses Spielverhalten nimmt ab, wenn sich das Selbstbewusstsein des Kindes stabilisiert und solches „Kinderverhalten“ nicht mehr gut gefunden wird. Dann sind die Kinder deutlich älter als 10 Jahre und ihr soziales Verstehen ist auf einem hohen Niveau stabil.

Wann sollten Kinder ein Smartphone bekommen?

Wenn Kinder erst mit Beginn der Pubertät (zwischen 11 und 14 Jahren) ein Smartphone bekommen, haben sie einen guten Vorlauf im Bezug auf moralisch-ethisches Denken und Verhalten, das die Wirren der Pubertät übersteht. Aber auch hier müssen die Eltern immer noch kontrollieren.

Ist das nicht der Fall, besteht im Erwachsenenalter die Gefahr wie auf einem Bild von Catherine Balet dargestellt. Das Interesse für den leibhaftigen anderen und seine Besonderheiten bleibt auf der Strecke. Kinder erhalten nicht mehr die psychisch lebenswichtige Aufmerksamkeit von ihren Eltern.

Erst die nötige Reife, dann das Smartphone

All diese Erkenntnisse über die kindliche Entwicklung interessiert offensichtlich kaum jemanden – häufig auch die „Experten“ nicht; denn sie versuchen mit aller Macht (die Wirtschaft im Nacken), den Kindern so früh wie möglich digitale Kompetenzen zu vermitteln.Hier ein Beispiel: nifbe – Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung. Dabei missachten sie vollkommen die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern. Werden diese ausreichend befriedigt, können die Kinder sich nach der Grundschulzeit digitale Kompetenzen in kürzester Zeit aneignen.

Die Sorge, die Eltern haben, dass ihr Kind nicht mithalten kann bei der Entwicklung, wenn sie nicht sehr früh mit der „digitalen Bildung“ beginnen, ist unbegründet; denn die Kinder lernen den Gebrauch des Gerätes sehr schnell, wenn ihr Gehirn weit genug ausgreift ist.

Wenn das Kind dann ein Smartphone bekommt, ist es anzuraten, vorher schon die Regeln über die zeitliche Nutzung festzulegen. Kinder müssen lernen, wann es sich lohnt, das Smartphone einzuschalten und wann es besser ist, dieses auszuschalten, welche Gefahren über das Internet beachtet werden müssen und welche Gefahren die Kommunikation mit Gleichaltrigen bergen kann. Über die Beachtung all dieser Aspekte sollten die Eltern die erste Zeit unbedingt die Kontrolle behalten, denn gerade in der Pubertät ist die Anfälligkeit für Suchtverhalten erhöht.

von Erika Butzmann

Erstveröffentlichung 28. Juni 2018, Überarbeitung Mai 2020

Links zum Thema

Beitrag

Was macht die Digitalisierung mit unseren Kleinstkindern?

Beitrag

Was macht die Digitalisierung mit unseren Vorschulkindern?

Studie

Reset für ein Kindergehirn: Der Mehrwert der bildschirmfreien Zeit, Catherine Yang / Christina Spirk, EPOCH TIMES, 20. Oktober 2019

Presse

Der Blick zum Säugling – gestört durch Smartphones?, Maute et. al., Obstetrica, 11.2018

Studie

Studie zur Smartphone-Nutzung, Forsa: Suchtpotenzial von Smartphones ist Sorge Nummer 1 von Müttern und Vätern, 9.7.2020, Kaufmännische Krankenkasse – KKH, Hannover

Beitrag

Wie sich der Übergang zur Nutzung des Smartphones durch die älteren Kinder gestalten lässt, können Eltern unter Klicksafe nachlesen.

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Quellenangaben

Festl, R. & Langmeyer, A. (2018): Die Bedeutung der elterlichen Interneterziehung für die Internetnutzung von Vor-, Grund- und Sekundarschulkindern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie Heft 2, S. 154-180

Lembke, G. & Leipner, I. (2015): Die Lüge von der digitialen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen. Redline-Verlag, München.

Piaget, J. (1984): Psychologie der Intelligenz. 8. Aufl., Klett-Cotta, Stuttgart

Piaget, J. (1992): Das Erwachen der Intelligenz beim Kind. DTV, München

Teuchert-Noodt, G. (2016): Ein Bauherr beginnt auch nicht mit dem Dach. Die digitale Revolution verbaut unseren Kindern die Zukunft. Umwelt-Medinzin-Gesellschaft, 29, Heft 4

Teuchert-Noodt, G. (2017): 20 Thesen zu digitalen Medien aus der Sicht der Hirnforschung. Umwelt-Medizin-Gesellschaft 30, Heft 4

weitere Informationen

[1] Transduktives Denken bedeutet: Das Kind verbindet alles mit allem und fragt nicht nach Zusammenhängen.