Was macht die digitale Revolution mit unseren Kindern - Teil 2

Teil 1 über die Auswirkungen der digitalen Medien auf die Kinder bis zum Schulkindalter.

Störungen der Entwicklung zum abstrakten Denken

frühkindliche Mediennutzung
Medien im Kinderzimmer -
Foto: iStockphoto

Neben dem Suchtpotenzial greift der frühe und häufige Umgang mit der Bilderwelt des Smartphone in die Entwicklung von Vor- und Grundschulkindern sowohl in den kognitiven/intellektuellen als auch in den sozialen und in den Bereich der Selbstkontrolle ein, eine der wichtigsten Lern-Voraussetzungen.

Wie Lernprozesse beeinträchtigt sind, habe ich schon erläutert. Hinzu kommt beim Lernen eine weitere Einschränkung: Zwischen 6 und 10 Jahren können die Kinder zwar durchgängig logisch denken (vorher vorlogisch oder transduktiv), benötigen aber immer noch konkrete Vorgaben, um Zusammenhänge zu verstehen, können also noch nicht abstrakt und systematisch denken, um Dinge zu hinterfragen.

Es ist sicher bekannt, dass während der Grundschulalters die Bilder in den Schulbüchern weniger werden und die Texte mehr. Das ist zwar selbstverständlich, dahinter steckt jedoch etwas Wichtiges: in den ersten drei Schuljahren sind die Kinder noch auf anschauliche Darstellungen in Büchern und im Unterricht angewiesen, um Zusammenhänge zu erkennen; also brauchen sie Bilder, die man länger betrachten kann.

In der vierten Klasse gibt es dann den Übergang vom anschaulichen Denken zum abstrakten Denken, also ein von konkreten Anschauungen unabhängiges Denken. Die Übung dazu passiert etwa durch das Schreiben, Lesen und Hören von Darstellungen, die sich die Kinder im Kopf vorstellen müssen. Wenn also in dem Alter die Bilderflut mit den schnellen Wechseln stark überwiegt, schränkt das die Entwicklung zum abstrakten Denken und damit zur umfassenden Intelligenz ein. Die Kinder lernen nicht, selbst nachzudenken, Vorstellungen zu entwickeln, daraus Handlungen zu planen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und Prozesse zu überdenken und zu durchschauen.

Damit verhindert der zu frühe und dauerhafte Medienkonsum gerade die Schlüsselqualifikationen, die für die Beherrschung der digitalen Medien gebraucht werden!

Soziales Denken und Empfinden  - Empathie und "Mind-Mindedness"

Lange vor dem Smartphone
Vor dem Smartphone -
Foto: iStockphoto-selimaksan

Die Verbundenheit mit den nahestehenden Menschen lockert sich derzeit ohnehin auf. Mit dem Smartphone wird sich diese Verbundenheit noch weiter auflösen, wenn zunehmend mehr Kinder vor der Pubertät damit ständig hantieren. Im Grundschulalter entwickelt sich das soziale Denken und Verstehen differenzierter.

Nach der intensiven senso-motorischen Entwicklung, mit der die Grundlagen des Denkens (Ich-Erkennen) und der Sprache erworben und stabilisiert wurden, steht als nächstes die soziale Entwicklung auf dem Reifeplan. Es ist die Zeit, wo sich das ichbezogene Denken aufgliedert und die Kinder mühsam lernen, sich in den anderen hinein zu versetzen.

Das beginnt langsam mit 3 Jahren ("Gefühlsansteckung" bei den Kleinen). Dann wird das Spiel mit anderen Kindern besonders wichtig, weil das soziale Lernen am Beginn über das bewusste gemeinsame Spiel in Gang kommt: Beim Rollenspiel schlüpfen die Kinder in verschiedene Rollen und üben dabei, sich in die andere Rolle hinein zu versetzen. Sie sind dabei immer sehr aktiv, laufen und springen herum, bewegen Spielsachen und reden ununterbrochen.

Das (Rollen-)Spiel ist die natürliche Form des sozialen Lernens, die bei allen Kinder auf der Welt von ganz allein funktioniert. Denn dieses soziale Lernen im Spiel passiert unbewusst - den Kindern ist nur bewusst, dass sie spielen, aber sie reflektieren nicht den Inhalt des Spiels, handeln spontan. Es ist ein Training im Kopf, das erst zwischen 4 und 6 Jahren langsam bewusst wird.

Deshalb können Kinder bis ins Grundschulalter hinein (besonders Jungen) noch nicht über Gefühlskonflikte sprechen. Erst danach verhalten sich die meisten Kinder von sich aus sozial (z.B. teilen etwas, weil sie die Bedürfnisse des anderen verstehen können) und sind oft erstaunt über ihre eigenen sozialen Gefühle. Sie berichten nachdenklich darüber und nicht mehr loberheischend wie früher.

Durch die Bilder im Fernsehen oder aus den aufgesetzten Projekten zum emotionalen Lernen wird dieser Prozess eher gestört. Wenn das Kind nun im Fernsehen solche Rollenspiele sieht oder die Gefühlskarten z.B. aus „Faustlos“ ansieht, hat das kaum eine soziale Wirkung; denn das Üben des "Sich-in andere-Hineinzuversetzens" braucht einen echten Spielpartner und funktioniert nicht durch Vorgaben von außen.

"Gefühlsansteckung" und das Ausleben der Gefühle wird gebremst

Grundschulkinder müssen ihre Gefühle ausleben
Gefühle ausleben -
Foto: photocase-clairette

Zwischen 7 und 10 Jahren bildet sich beim Kind nach und nach der Hirnbereich aus, der das Hineinversetzen in die Gefühle des anderen erst richtig ermöglicht. Dieses Hineinversetzen wird immer unterstützt durch die Gefühlsansteckung (Spiegelneuronen, Oxytocin), die bei allen Menschen mehr oder weniger stark von Geburt an vorhanden ist.

Bei einem überwiegenden Austausch per Smartphone aber fehlt dieser Motor der Gefühlsansteckung. Das soziale Empfinden und Denken wird oberflächlicher, wenn die Übungsphase in der Kindheit für ein tieferes soziales Verstehen nicht ausreichend genutzt wurde. Die direkten sozialen Kontakte in der Familie, mit den Freunden und Klassenkameraden sind ein unabdingbares Übungsfeld für die soziale Entwicklung.  

Die Intensität dieser besonderen Entwicklungsphase ergibt sich daraus, dass Grundschulkinder sehr stark ihre Gefühle ausleben. Sie juchzen, schreien, lachen, rennen und sind beim Spiel oft kaum zu bändigen. Dieses Ausleben der Gefühle setzt die Glückshormone Dopamin und Serotonin frei, was das kognitive Lernen fördert und ist darüber hinaus die Basis für das soziale Lernen. Das Verhalten nimmt ab, wenn sich das Selbstbewusstsein des Kindes stabilisiert und solches „Kinderverhalten“ nicht mehr gut gefunden wird. Dann sind die Kinder älter als 10 Jahre und ihr soziales Verstehen ist auf einem hohen Niveau stabil.

Das passiert nicht oder nur sehr eingeschränkt, wenn sie in dieser Zeit viele Stunden täglich mit digitalen Medien zubringen.

Wann sollten Kinder ein Smartphone bekommen?

Wenn Kinder erst mit Beginn der Pubertät (zwischen 11 und 14 Jahren) ein Smartphone bekommen, haben sie einen guten Vorlauf im Bezug auf moralisch-ethisches Denken und Verhalten, das die Wirren der Pubertät übersteht. Aber auch hier müssen die Eltern immer noch kontrollieren.

Catherine Balet - Strangers in the Light
Strangers in the Light - Catherine Balet -
Die Medialisierung der Gefühle

Ist das nicht der Fall, besteht langfristig die Gefahr wie auf dem Bild von Catherine Balet dargestellt. Das Interesse für den leibhaftigen anderen und seine Besonderheiten bleibt auf der Strecke. Kinder erhalten nicht mehr die psychisch lebenswichtige Aufmerksamkeit von ihren Eltern.

Der dritte Aspekt betrifft die Selbstkontrolle. Diese wichtige Fähigkeit für das Sozialverhalten wird in der Vorschulzeit ab dem 4. Lebensjahr möglich, wenn die Kinder immer wieder beim gemeinsamen Spielen, Singen und Basteln lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen, sich also selbst zu kontrollieren. Dieser Entwicklung dauert mehr als drei Jahre, bevor die Fähigkeit nach außen überhaupt deutlich wird. Sie muss im Grundschulalter immer wieder durch das gemeinsame Spiel trainiert werden, um sich zu stabilisieren. Wenn in dieser Zeit das Smartphone schon zur Ausstattung des Kindes gehört, wird über den Suchtfaktor das Spiel mit den anderen uninteressant.

Erst die nötige Reife, dann das Smartphone

All diese Erkenntnisse über die kindliche Entwicklung interessiert offensichtlich kaum jemanden - häufig auch die "Experten" nicht; denn sie versuchen mit aller Macht (die Wirtschaft im Nacken), den Kindern so früh wie möglich digitale Kompetenzen zu vermitteln (ein Beispiel:. nifbe - Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung ). Dabei missachten sie vollkommen die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern. Werden diese ausreichend befriedigt, können sie sich nach der Grundschulzeit digitale Kompetenzen in kürzester Zeit aneignen.

Die Sorge, die Eltern haben, dass ihr Kind nicht mithalten kann bei der Entwicklung, wenn sie nicht sehr früh mit der "digitalen Bildung" beginnen, ist unbegründet; denn die Kinder lernen den Gebrauch des Gerätes sehr schnell, wenn ihr Gehirn weit genug ausgreift ist.

Eltern sollten sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein

Insgesamt müssen sich Eltern jedoch ihrer Vorbildfunktion sehr bewusst sein, denn wenn sie selbst ständig das Smartphone in der Hand haben, können sie dies den Kindern nicht ausreden. Dann sind sie unglaubwürdig, d.h. die Kinder lernen, dass das Smartphone einen besonderen Wert hat. Beim Smartphone ist es äußerst wichtig, dass Eltern ihren kleinen Kindern dieses Gerät nicht als Beruhigungsmittel überlassen. Das muss für die Kinder genauso tabu sein wie alle anderen notwendigerweise verbotenen Sachen (Kaffee, Alkohol, ständige Süßigkeiten, Autofahren!).

Wenn das Smartphone dann vorhanden ist, muss eine genaue Vereinbarung über den Gebrauch getroffen werden (zeitlich begrenzt, nicht am Tisch, nicht bei Besuch, nicht vor dem Schlafengehen usw.), deren Einhaltung die Eltern rigoros überwachen sollten (Konsequenz: dann ist das Smartphone weg!). Strikte Regeln, eher verordnet als verhandelt, sollten helfen, den Kindern ein Bewusstsein für die Nachteile des Geräts deutlich zu machen.

"Begleitendes Anschauen" statt Besitz und Dauernutzung

Wenn es Eltern gelingt, in den ersten 10 Jahren die kindlichen Entwicklungsbedürfnisse nach Bewegung und Erforschung der realen Welt zu beachten, können Kinder zu medien-kompetenten Nutzern der digitalen Welt werden. Das unvermeidbare Interesse der jüngeren Kinder am Smartphone lässt sich durch ein begleitetes Anschauen befriedigen, d.h. Eltern sollten das Gerät dem Kind nicht aushändigen, sondern ihm immer wieder einmal etwas darauf zeigen. Dann bekommen Kinder das Gefühl dafür, dass dieses Ding nur für Erwachsene ist. Das sich in unserer digitalen Gesellschaft stellende Problem der Smartphone-Nutzung durch vermeintlich alle anderen, lässt sich u.U. durch die Darstellung der Schädigungen des kindlichen Gehirns auffangen. Ein Vergleich mit den Auswirkungen von Alkohol auf dasselbe ist hilfreich.

Wie sich der Übergang zur Nutzung des Smartphones durch die älteren Kinder gestalten lässt, können Eltern unter https://www.klicksafe.de nachlesen.

Teil 1 über die Auswirkungen der digitalen Medien auf die Kinder bis zum Schulkindalter.

Dazu auch "Digitale Medien als Spielverderber für Babys" und "Researchers find IQ scores dropping since the 1970s"

heute mal bildschirmfrei - Bleckmann, LeipnerLiteratur-Tip:
Eine Art "Erziehungsführer durch die digitale Welt", gründlich recherchiert, wissenschaftlich fundiert und dennoch leicht lesbar:
Paula Bleckmann und Ingo Leipner:
"Heute mal bildschirmfrei - Das Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben",
Knaur Verlag 2018,
Paperback 320 Seiten
ISBN 978-3-426-78925-4
€ 12,99, ebook  € 10,99

 

Erika ButzmannDie Autorin:
Dr. Erika Butzmann, verheiratet, 2 Kinder, 4 Enkelkinder, Studium der Erziehungswissenschaften und der Psychologie, Promotion zur sozial-kognitiven Entwicklung im Kindesalter  im Jahr 2000. Seit 25 Jahren tätig in der Elternbildung und –beratung und in der Weiterbildung für Erzieherinnen. Von 2002 bis 2008 Lehraufträge an der Universität Bremen.

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