Die Kindheit ist unantastbar

Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen - Herbert Renz-Polster

Die Kindheit ist unanstastbar - Herbert Renz-PoslterBetrachtet man die „Schnappschüsse aus dem Familienzirkus Renz-Polster“[1] wird schnell klar, was der Autor und Vater von vier Kindern unter einer glücklichen Kindheit versteht: Dreckige Hosenbeine, spannende Abende am Lagerfeuer und das Kennenlernen der Natur im freien Spiel. Diese Erziehungsphilosophie brachte ihn wohl auch zum Titel des vierten Buches: „Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“. Denn seiner Meinung nach läuft die Kindheit immer seltener so ab.

Wie es zum Verlust des Kind-Seins kam und was Eltern jetzt tun sollten, macht Herbert Renz-Polster in seinem neuen Werk auf eine sarkastisch-kritische Art und Weise deutlich. Er lässt jeden der „Pädagogik-Macher“ unterschiedlichster Richtung zu Wort kommen, und verkneift sich dabei auch nicht den ein oder anderen Seitenhieb.

Erziehung geschieht immer im gesellschaftlichen Zusammenhang

Dass die Form der Kindererziehung schon immer durch die jeweils herrschenden gesellschaftlichen Strukturen geprägt war, ist laut Renz-Polster ganz logisch. Denn selbst wenn das Bauchgefühl leise Zweifel äußert, ist es auch für besonders fürsorgliche Eltern schwer, gesetzte Ideale, Werte und Denkmuster zu durchbrechen. Schließlich gelten sie für die ganze Gesellschaft und können dann nicht so übel sein, oder? Das heißt auf die heutige Zeit übertragen, die Kinder möglichst früh ins Rennen zu schicken, – um die schnellste Sprachentwicklung, den größten Zahlenraum und das beste naturwissenschaftliche Verständnis. Die Teamfähigkeit ist natürlich das Sahnehäubchen obendrauf.

So oder so ähnlich sieht laut Renz-Polster der Alltag in 26.000 Kitas in Deutschland aus. Glaubt man den Prognosen des Autors, werden Eltern schon bald keine Wahl mehr zwischen Spiel- und reiner Förder-Betreuung haben. Dabei sei überhaupt nicht nachgewiesen, dass aus dieser Form der Betreuung mehr Manager, mehr Genies und vor allem glücklichere Menschen hervorgehen. Im Gegenteil, der Autor sieht bei dieser Art der Frühförderung ein ganz entscheidendes Manko: Sie entspricht nicht dem, was Kinder für ihre emotionale wie kognitive Entwicklung brauchen.

Warum denn sollen die Kinder früher rechnen lernen? Warum früher eingeschult werden? Warum denn sollen sie ihren unternehmerischen Geist mit ausgeklügeltem Material auf 'Bildungsinseln' ausbilden – und nicht etwa dort, wo sie sich mit Lust und Freude schon immer bewähren konnten – draußen in der Natur beispielsweise? Überhaupt, was ist jetzt auf einmal daran auszusetzen, dass die Kinder spielen?“ (S. 72)

Missverständnisse frühkindlicher Förderung

Statt kognitiver, organisierter frühkindlicher Förderung wünscht sich der vierfache Vater Menschlichkeit: starke Beziehungen statt Evaluation, Rückhalt statt Konkurrenz, Lob für die Anstrengung statt für das Ergebnis. Sicher findet der Autor an dieser Stelle des Buches zahlreiche Befürworter, denn all das klingt für Eltern völlig einleuchtend.

Aber wie kommt es dann, dass sich in der heutigen Gesellschaft eine derart entscheidende Wandlung in der Kindererziehung vollzogen hat, obwohl so viel dagegen spricht? Haben sich die Kinder etwa verändert? Nein, lautet die klare Antwort des Autors. Renz-Polster sieht das Problem darin, dass die Marschrichtung der Pädagogik nicht von denjenigen Menschen vorgegeben wird, die tagtäglich Schnullis, Kleckerlätzchen und Bastelbücher in der Hand haben, sie kommt also nicht von Eltern und Pädagogen, sondern von kinderfernen Machtpositionen. An die Spitze setzt der Autor die Wirtschaft. Ihr Interesse sei es, möglichst leistungsfähige und jederzeit leistungsbereite Köpfe zu gewinnen. Als direkten Nachbarn und häufig auch Mitspieler der Ökonomie sieht der Autor die Wissenschaft, die stets die Karte der aktuellen Studie zückt.

Sich von der Wissenschaft erklären zu lassen, wie man mit seinem Kind leben soll, ist in etwa so putzig, wie die Wissenschaft zu fragen, ob man sich von seinem Partner scheiden lassen soll“ (S. 105)

Der dritte Platz in der Einflusshierarchie geht an die Politik und der Rest verteilt sich auf private Institute und Bildungsstiftungen.

Beispiel das „Haus der kleinen Forscher“

Im Buch ist immer wieder vom „Haus der kleinen Forscher“ als Beispiel für dieses Missverständnis die Rede, einer ursprünglich von der Unternehmensberatung McKinsey initiierten und vom Bundesbildungsministerium unterstützten Stiftung, deren Leitlinien seit 2006 als Auszeichnung und „Gütesiegel“ in immer mehr Kitas zum Einsatz kommen.

Nachdem Renz-Polster die Spieler und Regeln erklärt hat, wendet er sich den Eltern zu und kritisiert ihre Rolle am Tisch der „Pädagogik-Macher“: mehr Zuschauer als Mitspieler. Ihre Aufgabe aber sei es, so der Appell, sich einzumischen, ihr Denken und Handeln zu hinterfragen und nicht still zuzusehen und in letzter Konsequenz selbst zum „Tyrannen“ zu werden.

Eltern erziehen ihre Kinder auf das hin, was im heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem Erfolg verspricht. Und dieses System wird nicht von 'der Regierung', der OECD, der Weltbank oder 'den Unternehmen' unterhalten, sondern von uns allen, die wir uns der Logik und der Vorteile dieses Systems bedienen und unterwerfen – als Kunden, als Konsumenten, als Arbeitskräfte, als Wähler – und natürlich auch als Eltern, die ihre Kinder auf einen 'erfolgreichen' Weg bringen wollen. Und dazu gehört nun einmal in zunehmendem Maß, dass man die Kleinen auch mal auf die Überholspur setzt. (...)“ (S. 146)

Abschied vom Mainstream

Fazit: Herbert Renz-Polster ruft die Elternschaft dazu auf, mutige Pfade zu betreten – fernab vom gesellschaftlichen Mainstream. Denn der, so lautet die ernüchternde Prognose des brisanten Buches, wird unseren Kindern mehr Schaden als Gutes bringen. Warum, das dürfte nach der Lektüre jedem Leser klar sein. Renz-Polster schafft es, seine Thesen glaubwürdig zu belegen, dabei dennoch jede Seite zu Wort kommen zu lassen und trotz eigener Meinung diplomatisch zu bleiben.

Für viele Leser, die einst dem Mainstream willig gefolgt waren, mag das Buch einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Denn eines kann man sich später von keinem Geld der Welt kaufen: Die Kindheit. Das bringt der Autor auf den Punkt, ohne zu verurteilen, ohne erhobenen Zeigefinger, vielmehr als engagierter kritischer Beobachter. Der stets mitschwingende Sarkasmus mag den ein oder anderen Leser stören, verdeutlicht aber lediglich das paradoxe Spiel, was hier fast unbemerkt vor unseren Augen abläuft.

Kritik ohne praktische Lösungsvorschläge

Ich bin mir sicher, dass dieses Buch bei vielen Eltern etwas ausgelöst hat und noch auslösen wird. Hier könnte der Autor noch konkretere Lösungsvorschläge liefern. Die lesende Mama oder den lesenden Papa mit einem flauen Gefühl im Magen alleine zu lassen, ist nicht ganz zu Ende gedacht. Denn immerhin, so schildert es Renz-Polster ja gleich zu Beginn seines Buches, sind wir alle Teil dieser Gesellschaft. Wenn man also nicht gerade Nomade, Aussteiger oder im Besitz einer Jurte ist, braucht es konkrete Wege, die auch in dieser Gesellschaft gegangen werden können – ohne sich ganz abkapseln zu müssen.

Herbert Renz Polster
Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen
Beltz-Verlag
Dezember 2014
240 Seiten, 17,95 Euro
ISBN: 978-3-407-85847-4

(1) Der Internetauftritt des Autors unter www.kinder-verstehen.de, Bilder unter „Wer ich bin“.
 
Lorene Löffler...
Lorene Löffler...fing erst recht spät mit dem Sprechen an, aber ihre Mama blieb gelassen. Heute ist sie fertige Journalistin und schreibt, spricht und liest für ihr Leben gern – am liebsten sind ihr Kinderbücher. In ihnen geht sie mit dem Herrn der Diebe auf nächtliche Streifzüge und begleitet Ronja Räubertochter durch das geheimnisvolle Dickicht der Natur. Hier hält sie sich auch im wirklichen Leben besonders gerne auf, ob spazierend, joggend oder staunend.
 
 

 

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