Spielen macht schlau!

Warum Fördern gut ist, Vertrauen in die Stärken Ihres Kindes aber besser - Prof. Dr. André Frank Zimpel

Spielen macht schlau - Andre Frank Zimpel„Förderitis“ nennt Autor André Frank Zimpel den Virus, der immer mehr Eltern zu befallen scheint. Sie denken das kindliche Gehirn trainieren zu müssen, ähnlich wie einen Muskel, und halten ihr Kind deshalb mit Förderprogrammen auf Trab. Aber können Eltern ihre Kleinen so tatsächlich besser auf ihr späteres Leben vorbereiten? Tun sie ihren Sprösslingen damit einen Gefallen? „Nein“, ist sich André Frank Zimpel sicher. In seinen Augen gibt es keine bessere Vorbereitung auf das spätere Leben, als das selbstvergessene und freie Spiel in der Kindheit. Ihm ist lieber ein Kind übt sich etwas länger im Pirat-Sein, statt zu früh zu viel gefördert zu werden. Denn das sei völlig verschwendete Zeit.

    „Nichts macht Kinder so klug wie das selbstvergessene, frei gewählte Spiel“ (S. 13)

Spielen fördert, und das ganz still und heimlich

Warum spielen Kinder? Welche Bedeutung hat das freie Spiel für die Entwicklung? Was passiert im kindlichen Gehirn während des Spielens? Diesen und vielen weiteren Fragen geht André Frank Zimpel seit vielen Jahren als Leiter des Aufmerksamkeits-Computer-Laboratoriums an der Universität Hamburg auf den Grund. In seinem aktuellen Buch möchte er jetzt alle Eltern an seinen Erkenntnissen teilhaben lassen. Warum ihm das so wichtig ist, kann folgende Situation aus dem Alltag vieler Eltern deutlich machen:

Kinder lernen durch Spielen - "Spielen macht schlau!" von André ZimpelDer Nachwuchs sitzt auf dem Boden, die kurzen Beine von sich gestreckt, in der einen Hand die Fernbedienung, in der anderen vielleicht ein Stück angelutschte Brezel, der Mund macht röhrende Geräusche, „Brummbrummbrumm wuuuuuuuuusch“, die Fernbedienung schlittert davon. Gelangweilt? Apathisch? Frustriert? Eltern beobachten dieses Spiel und verstehen nicht, was es bedeutet. Manche von ihnen denken auch, ihr Kind vergeude gerade wertvolle Zeit.

Diese und jede andere Spielsituation gilt es in Zimpels Augen aufzulösen und die Bedeutung des Spielens für Eltern begreifbar zu machen. Denn für den Diplompsychologen ist diese und jede andere Form des Spielens die kostbarste Zeit des Lebens. Hier lernt ein junger Mensch in natürlichen, aufeinanderfolgenden Etappen alles, was er für sein späteres Leben als Schüler, Student, Arbeitnehmer, Vater, Mutter, Freund  oder Freundin braucht, so die entschiedene Meinung des Autors.

Alles beginnt mit den Objektspielen im Alter von null bis zwei Jahren

Die aktive Entwicklung eines Kindes – und deshalb auch das Buch – beginnt mit der Zeit der Objektspiele. Diese durchleben Kinder etwa bis sie zwei Jahre alt sind. Hierbei geht es allein um die Wahrnehmung der Umgebung. Der Holzklotz wandert in den Mund und wird auf Geruch, Geschmack, Form und Größe untersucht. Danach ist der Schlüssel dran und dann doch noch einmal die vertraute, nach mir duftende Faust. Gerne kommt es in dieser Spieletappe auch vor, dass Schlüssel und Co. wieder und wieder auf dem Boden landen, einfach um zu erkennen, dass Objekte plötzlich verschwinden und wieder auftauchen können.

Die Als-Ob-Phase der Zwei- bis Dreijährigen

Die nächste Phase nennt der Autor „Als-Ob-Phase“. Sie nimmt gleich deutlich mehr Buchseiten in Anspruch. Hier erlernen Kinder die Fähigkeit zur Abstraktion, indem sie anfangen, sich Dinge vorzustellen. Die Fantasie wird zum wichtigsten Spielpartner des Sprösslings. Aber warum ist es wichtig, dass ein Kind aus der Fernbedienung ein Auto werden lässt? Laut André Frank Zimpel ist dieser Schritt ganz entscheidend. Denn er öffnet nicht nur Tür und Tor zu einer unerschöpflichen Gedankenwelt, er trägt auch ganz entscheidend zur Sprachentwicklung bei. Kinder fangen an, auch über Dinge zu sprechen, die sich außerhalb ihrer Wahrnehmung befinden. So wird aus einer Fernbedienung ein Auto, auch wenn das gar nicht zu sehen ist. Durch das Entstehen immer neuer Bilder im Kopf und dem ganz natürlichen Drang, sie der Umwelt mitzuteilen, fängt das Kind explosionsartig an zu sprechen. Der Autor rät, sich spätestens jetzt viel mit dem Kind zu unterhalten und sich auf dessen Gedanken einzulassen.  

Das Rollenspiel der Drei- bis Vierjährigen

Wenn Ihr Kind anfängt, zum vierten Mal an diesem Tag den schnurrenden Kater zu mimen, sollten Sie den kleinen Streuner liebevoll streicheln und mitspielen. Denn der Sprössling ist mitten in der „Rollenspiel-Phase“ angekommen. Hier entsteht laut André Frank Zimpel die Basis für die emotionale wie soziale Intelligenz eines Menschen. Im Rollenspiel lernen Kinder, sich selbst durch die Augen anderer zu sehen. Sie testen die unterschiedlichsten Rollen, um die unterschiedlichsten Reaktionen auszulösen und merken dabei, was den Spielpartner glücklich, traurig, wütend oder fröhlich macht. Das öffnet laut Zimpel nicht nur ein Fenster zum eigenen Selbst – ein Kind merkt dadurch , wie es sich in welcher Rolle fühlt –, sondern auch nach draußen. Das Spielen verschiedener Rollen hat aber noch eine weitere Bedeutung, in diesem Fall vor allem für Eltern. Denn die Wahl der Rolle gibt tiefe Einblicke in die Gefühlswelt des Kindes: Spielt es den stolzen Cowboy, möchte das Kind anerkannt werden, ist es der schnurrende Kater, wird gerade Zuneigung benötigt. André Frank Zimpel gibt deshalb den Tipp, Kinder in dieser Phase aufmerksam und sensibel zu beobachten.

Das Regelspiel der Fünf- bis Sechsjährigen

Ist der Nachwuchs zum Schauspiel-Profi geworden – das erkennt man daran, dass er kein Kostüm mehr braucht oder Rollenklischees durchbricht, indem der Löwe ängstlich statt stark ist – kommt er im Alter von etwa fünf Jahren in die „Regelspiel-Phase“. Ging es zuvor noch viel um die Erwartungen Dritter, fangen die Kleinen jetzt an, Anforderungen an sich selbst zu stellen. Durch das Aufstellen und Einhalten von Regeln üben sich Kinder darin, ihre Impulse besser zu kontrollieren und selbstbestimmter zu handeln. Das stärkt nicht nur das Selbstvertrauen, sondern ist auch wichtig für das spätere Leben, so zum Beispiel für die Frustrationstoleranz. Regeln spornen dazu an, etwas wieder und wieder zu probieren, hier ist echte Ausdauer gefragt. Erst wenn ein Kind trotz zahlreicher Rückschläge weitermacht, ist es für das schulische Lernen geeignet.

Standardisierte Förderprogramme sind reine Zeitverschwendung

Aber warum ist es nun wichtig, dass ein Kind all diese Phasen durchlebt und warum sollte man die Entwicklung nicht durch Förderprogramme pushen? Für André Frank Zimpel ist die Antwort klar: In jeder dieser Phasen steckt ein Fortschritt, den Eltern nicht immer gleich erkennen können. Für sie gleicht ein Spiel dem anderen, was der Nachwuchs dabei lernt, bleibt oft im Verborgenen. Doch ein Kind lernt kontinuierlich im freien Spiel, so die Meinung des Autors. Dabei sucht es sich immer neue Herausforderungen, die gerade zum Weiterkommen notwendig sind. Der Sprössling ist also weder über- noch unterfordert. Das können Förderprogramme, so die Kritik im Buch, schlichtweg nicht leisten. Diese könnten durch ihre Standardisierung niemals der Individualität eines Kindes und dessen Entwicklung gerecht werden.

Ein Buch mit Mehrwert, insbesondere für Eltern

Fazit: Auf 266 Seiten nimmt uns André Frank Zimpel mit, auf eine genussvolle Reise in das kindliche Spiel. Fast möchte man selbst noch einmal zum Indianer werden oder mit einer Banane bewaffnet durch den Flur rennen und laut „Pengpeng“ rufen, weil man instinktiv weiß: Genau so fühlt sich eine glückliche Kindheit an.

Zielgruppe dieses Buchs sind in erster Linie die Eltern. André Frank Zimpel möchte ihnen zeigen, was das freie Spiel eines Kindes alles verraten und vor allem bewirken kann. Es gibt Einblicke in das Innenleben des Sprösslings und lässt die Entwicklung von ganz allein passieren – und das im genau richtigen Tempo. Das glaubt man dem Autor auch, denn er begründet stets plausibel und verwendet Beispiele aus seinem eigenen Alltag als Forscher und zweifacher Papa. Dieses Buch wird also bei – ich bin mal so mutig – allen lesenden Eltern etwas bewirken. Es gibt keinen Grund, die Bedeutung des Spielens nach der Lektüre noch eine Sekunde lang zu hinterfragen.

Der Mehrwert für Eltern entsteht aber nicht nur durch die Informationen im Fließtext . Die Textpassagen werden durch liebevoll ausgewählte Zitate ergänzt und kleine Tipp-Kästen versorgen Eltern mit wertvollen Ratschlägen für ihr Leben mit Kind. Oder hätten Sie gewusst, dass spielzeugfreie Tage die Fantasie Ihrer Kinder ankurbeln? Und dass kleine Flunkerspiele den Realitätssinn fördern? Und dass eine schießende Banane kein Anzeichen für Aggression ist, sondern ein Zeichen ersehnter Anerkennung? Eltern sind nach diesem hilfreichen Buch also reich an neuen spannenden Erkenntnissen und ich hoffe sie wissen das freie Spiel ihrer Kinder in Zukunft mehr zu schätzen.

André Frank Zimpel
Spielen macht schlau!
GU-Verlag-Ratgeber
176 Seiten, 14,99 Euro
ISBN: 9783833835681

Lorene Löffler ...

Lorene Löffler...fing erst recht spät mit dem Sprechen an, aber ihre Mama blieb gelassen. Heute ist sie fertige Journalistin und schreibt, spricht und liest für ihr Leben gern – am liebsten sind ihr Kinderbücher. In ihnen geht sie mit dem Herr der Diebe auf nächtliche Streifzüge und begleitet Ronja Räubertochter durch das geheimnisvolle Dickicht der Natur. Hier hält sie sich auch im wirklichen Leben besonders gerne auf, ob spazierend, joggend oder staunend.

Spielend lernen - in 40 Video-Beispielen

"Ich sehe was, was siehst Du?" In einer wohl einmaligen Aktion hat die Bildungsdirektion des Konton Zürich, Schweiz, in 40 kurzen Video-Szenen in 13 Sprachen erlebbar gemacht, wie Kinder im Spiel mit ihrer Umgebung, in der Natur und mit alltäglichen Gegenständen und Situationen ihre Welt erobern. Hier ein Beispiel für die Spielen-und-Lernen-Videos: Lerngelegenheiten für Kinder bis 4

 

 

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