Verstehen statt Disziplinieren - unsere Kleinsten haben ein Recht auf Unreife

Deborah MacNamara
Deborah MacNamara

Deborah MacNamarra Vertrauen-Spielen-WachsenEin Fazit vorweg: Dieses Buch sollte Pflichtlektüre für alle Eltern sein! Es würde unseren Beziehungsalltag um so vieles erleichtern und uns die Augen öffnen für so vieles, was wir Erwachsene manchmal nicht verstehen. Und eigentlich sagt es der Titel schon kurz und knapp: Kinder brauchen eine Atmosphäre des Vertrauens, um in Ruhe zu spielen, zu wachsen und reifen.

Die Autorin Deborah MacNamara lebt in Vancouver, Kanada, arbeitet als Therapeutin und Erzieherin und blickt dabei auf 25 Jahren Erfahrung zurück. Sie ist Mitglied der Fakultät des kanadischen Neufeld- Institutes, berät Familien und ist auch in den Medien präsent. Prof. Dr. Gordon Neufeld, Entwicklungspsychologe und einer der führenden Vertreter der Bindungstheorie, hat mit seiner Forschung die Erkenntnisse entwickelt, auf denen dieses Buch basiert.

Der Reifeprozess verläuft nach einem zeitlichen Schema

Das mag zunächst etwas wissenschaftlich sperrig klingen: Der beziehungsbasierte Entwicklungsansatz nach Gordon Neufeld. Was aber dahintersteckt lässt uns wirklich verstehen, was eigentlich in unseren Kleinsten vorgeht. Wissenschaftlich fundiertes Wissen über die Entwicklung unserer Kinder und ihre Erziehung jenseits der üblichen Maßnahmen von Disziplinierung und Verstärkung mit Lob und Strafe.

Ein einfaches Rezept für den Umgang, das würden sich sicher die meisten Eltern wünschen. Tue dies, tue das, und dein Kind macht mit. Die Wirklichkeit sieht dann oft genug ganz anders aus. Wenn dagegen die Hintergründe über die kindliche Entwicklung bekannt sind und wir auch bereit sind Verständnis für diese Prozesse zu entwickeln, kann das Miteinander auf einer sicheren Basis immer wieder neu gestaltet werden.

Deborah MacNamara zeigt uns, welche Wege wir gehen können. In den ersten Kapiteln erklärt sie den Ablauf des kindlichen Reifeprozesses. Wie entwickeln sich Kinder und ihre Gehirnstrukturen, in welchem Alter und in welchen Schritten. Sehr gut beschrieben ist darin auch die Gefühlswelt unserer Kleinen und warum sie (noch) nicht in der Lage sind, besonnen auf ihre Gefühle zu reagieren.

Bindung, Vertrauen und Spiel

Auf diesen drei Säulen ruht die Entwicklung. In den Anfängen seines Lebens benötigt unser Kind eine sichere, stabile Bindung. Kinder hungern regelrecht danach. Auch im Spiel wachsen und reifen Kinder. Ein Kapitel widmet sich der Wichtigkeit des ungestörten Spiels. Mit dem sogenannten „Bindungstanz“ als Maßnahme des Vertrauens, den wir hier zu Hilfe nehmen können. Auch schwierige Situationen und oft schwer verständliche Verhaltensweisen unserer Kinder finden ihre Erklärung.

Was passiert mit Kindern, denen es an Bindung fehlt? Deborah MacNamara bezeichnet diese als „Alphakinder“, denen es an Orientierung und Vertrauen fehlt, und warum gerade bei diesen Kindern eine „harte Hand“ nicht weiterhilft.

Was bedeuten Tränen und Wutausbrüche eigentlich? Und ist es wirklich sinnvoll diese immer zu unterdrücken oder schnell zu beenden? Wut und Tränen haben eine wichtige Funktion und ihre Daseinsberechtigung in der menschlichen Gefühlswelt ebenso wie Frustration und Trauer. Die Autorin schreibt in diesem Zusammenhang von dem Gefühl der „Vergeblichkeit“, welches Kinder zwangsläufig kennenlernen. Wir können ihnen helfen damit umzugehen, wenn wir auch bereit sind, Tränen der Trauer zuzulassen.

Die Kleinkindpersönlichkeit braucht Zeit zum Reifen

Der alltägliche Kampf um die für uns doch eigentlich einfachsten Dinge: Schlafen, Essen, Körperpflege oder eine schnelle Erledigung mit Kind. „Wieso“ denken wir oft „klappt das nicht? Warum versteht mein Kind so vieles nicht, auch wenn ich es geduldig erkläre?“ Verschämt schleichen wir aus dem Supermarkt wenn unser Kind mal wieder zu laut war, wir hoffen dass es sich „benimmt“ wenn der Besuch kommt und abends sitzen wir erschöpft auf dem Sofa und denken alles läuft schief.

Deborah MacNamara setzt genau hier an. Sie erklärt, weshalb Kinder diese Ansprüche nicht erfüllen können: sie sind einfach (noch) nicht reif dafür. In den Kapiteln zur  Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit spielt der sogenannte „5-7 shift“ eine wichtige Rolle, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht. Denn vor allem in diesem Alter reift das Gehirn kleiner Menschen. Erst nach diesem wichtigen Entwicklungsschritt im Alter zwischen 5 und 7 Jahren sind Kinder in der Lage widersprüchlich zu empfinden jenseits ihrer heftigen eigenen Emotionen, empathisch zu reagieren und sich besser zu kontrollieren.

Auch für mich sind diese Erkenntnisse neu und spannend. Wie oft ärgert man sich über sein vierjähriges Kind und denkt, sie müssten es doch jetzt in diesem Alter schon besser wissen und verstehen. Aber nein: Sie können es einfach noch nicht. Deborah MacNamara trägt mit ihrem Buch dazu bei, endlich zu verstehen und zu akzeptieren, dass vieles noch nicht so klappt wie man es sich als Eltern vielleicht wünscht. Kinder, so die Autorin, sind unreif - und das sollten sie auch sein dürfen. Wir können die Kinder vielleicht dazu bringen, sich gelegentlich reif zu benehmen. Sie werden deswegen aber nicht schneller reifen..

Widerstand gehört zur Entwicklung

Wir alle ahnen und wissen es ja meist schon: mit Druck und Zwang klappt meist gar nichts mehr. „Schuhe anziehen“, am besten noch aus einem anderen Raum gerufen, das funktioniert nicht ohne Widerstand. Dass dieser Widerstand normal und typisch für die kindliche Entwicklung ist, erklärt sich auch mithilfe des Wissens aus diesem Buch. Wir erfahren, warum die üblichen Methoden mit Liebesentzug, Strafen und Verstärkern wie Lob oder Smileys für in unseren Augen „gutes Benehmen“ zwar momentan funktionieren kann, aber auch, was da im Hintergrund der kindlichen Wahrnehmung geschieht und wie dies auf Kosten der Gefühlswelt eines kleinen Kindes geschieht.

Aber Deborah MacNamara zeigt auch, wie wir in schwierigen Situationen reagieren können, jenseits von Machtkämpfen und Wutanfällen. Dazu beschreibt sie typische Situationen und die Möglichkeit damit umzugehen. Ein ganzes Kapitel widmet sich daher „Schlafenszeit, Trennungserfahrungen und Ängsten“.

Ein lesenswertes Buch. Mit einem wunderbaren Schlussplädoyer der Autorin, dem ich absolut zustimmen kann. Sie schreibt: „Die Kleinen haben ein Recht auf ihre Unreife, und unsere Energie wäre gut angelegt, wenn wir uns gut überlegen, wie wir sie klein sein lassen können, während wir ihnen die nötige Sicherheit bieten (...) und das Umfeld schaffen, in dem sie vertrauensvoll wachsen und gedeihen können.“ Das Buch beschränkt sich eben nicht nur darauf, Erwachsenen Orientierung und Wissen zu vermitteln und ihr Verständnis zu wecken, sondern beschreibt auch „all das, was sich jedes kleine Kind an Verständnis von den Erwachsenen in seinem Leben wünschen würde.“

Vanessa Welker

Das Buch
Deborah MacNamara: Vertrauen, Spielen, Wachsen
Kinder unter Sieben verstehen (und alle, die sich so benehmen) (2017)
Genius Verlag, Berlin
ISBN: 978-3-934719-69-9
www.genius-verlag.de/start/vertrauen-spielen-wachsen.html

Die Rezensentin
Vanessa WelkerVanessa Welker hat ein Diplom in Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Flugbegleiterin unterwegs. Sie macht gerade ihren Bachelor in Sozialer Arbeit und engagiert sich im sozialen Bereich. Mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebt sie bei Karlsruhe.

 

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