Die Wirkung von liebevoller Zuwendung auf das Gehirn unserer Kinder

Eine Rezension des Buchs "Die neue Elternschule" von Margot Sunderland

Die neue Elternschule - Margot sunderlandSo könnte man das Buch in einem Satz zusammenfassen. Was ist eigentlich los im Gehirn meines Kindes?

Diese Frage werden sich Eltern so manches Mal stellen. Tägliche Wutanfälle, Zappeln beim Essen und es hört einfach nicht auf die geforderten Anweisungen. Mit dem erwachsenen Verstand oft nicht nachvollziehbar und dennoch mit Kenntnis der kindlichen Gehirnreife völlig natürlich.

Nimmt man das Buch zum ersten Mal zur Hand, denkt man vielleicht, dass es ein typischer Elternratgeber ist, wie sie zahlreich in den Büchereien und Läden zu finden sind. Tatsächlich ist es aber eine andere Art von Ratgeber. Mit den neuesten neurologischen Erkenntnissen der Gehirnforschung ist es gelungen, die Auswirkungen unserer Erziehung und Bindung auf die Strukturen im Gehirn des Kindes nachzuweisen. Dies lässt sich in Gehirnscans sehen, aber auch in hormonellen Untersuchungen nachweisen. Und genau hier setzt das Buch an.

Was in der Eltern-Kind Beziehung wirkt wie auf das kindliche Gehirn?

Margot Sunderland ist die Autorin des Buches. Sie ist Direktorin der Abteilung Erziehung und Ausbildung am Centre for Child Mental Health in London. Dabei arbeitet sie zusammen mit Jaak Panksepp, der als Neurowissenschaftler die neurologischen Strukturen und ihre dazugehörigen biochemischen Stoffe untersucht hat. Seine Forschung beweist deutlich, welche gravierenden Auswirkungen durch Erziehung im kindlichen Gehirn stattfinden können und wie positiv sich eine zugewandte Erziehung auswirkt.

Das Buch ist in 11 Themen unterteilt. Am Ende eines jeden Themas finden sich Merksätze, die kurz und prägnant noch einmal das Kapitel zusammenfassen. Dabei geht es um Themen wie Schreien, Schlafen, die chemische Wirkung von Liebe und Freude und dem Folgen gängiger Disziplinvorstellungen.

Zunächst wird das Gehirn mit seinen für unterschiedliche Funktionen "zuständigen" Arealen vorgestellt. Margot Sunderland unterscheidet zwischen grundlegenden Systemen: Dem Wut/Furcht und Panik/Trauersystem gegenüber den Antifurchtsystemen wie Fürsorge, Entdeckerdrang und Spieltrieb. Wir haben als Eltern und Erzieher einen großen Einfluss darauf, welches System bei unserem Kind größtenteils aktiviert wird. Zudem ist die genaue Wirkung der dazugehörigen Hormone und Botenstoffe beschrieben. Liebevolles Balgen, Raufen und herzliches Spielen aktiviert, die von Margot Sunderland passend „Freudensäfte“ genannten, Hormone und Stoffe im Körper des Kindes und sorgt für Ausgeglichenheit und Beruhigung.

Schluss mit den gängigen Erziehungsmythen

Man spürt in jeder Zeile, dass Margot Sunderland dafür kämpft, dass wir die derzeit gängigen Erziehungsmythen hinter uns lassen können. Jedes junge Elternpaar hat bestimmt schon mal einen dieser Sätze oder ähnliche gehört: „Das Kind muss doch jetzt lernen alleine zu schlafen“, „Lass dein Baby ruhig mal schreien das kräftigt die Lungen“ oder „Wenn du dein Baby ständig hochnimmst wird es verwöhnt“. Sie schwirren in unseren Köpfen, lassen Eltern unsicher werden und manchmal gegen ihr Gefühl arbeiten. MIt dem Nachweis durch Wissenschaft und Forschung, dass und wie sich diese Erziehungsmythen negativ auf unsere Kinder auswirken, will die Autorin das Selbstbewusstsein der Eltern stärken und Ihnen das Vertrauen in ihre elterliche Intuition zurückgeben.

Wer nicht nur spürt, dass es richtig ist sein Baby nicht alleine zu lassen, sondern auch einen wissenschaftlichen Hintergrund dazu kennt, wird die für junge Eltern typische Verunsicherung hinter sich lassen können.

Wissenschaftliche Begründung und praktische Tipps

Dabei wünschen sie sich oft konkrete Tipps im Umgang mit ihrem Kind. Und diese finden sie hier auch. Ideen für gemeinsames Spiel oder Kuschelzeiten. Zudem die Begründung für die Wichtigkeit von Zuhören und Trösten. Die Idee einer wöchentlichen „Miniwelt“ mithilfe von u.a. kleinen Tieren, Sand, Blätter oder Steinen auf einem simplen schwarzen Tablett, ohne ständig Spielzeug neu kaufen zu müssen, fand auch bei meinen Kindern Anklang. Liebevolle Anregungen gibt es auch zu gemeinsamen Aktivitäten, die beiderseits Glückshormone freisetzen, wie Baden, Höhlen bauen oder Massagen.

Natürlich werden auch die Schwierigkeiten in der Erziehung näher beleuchtet. Der  Umgang mit Wut, Trotz oder einfach Unruhe. Zunächst bekommt man durch die Kenntnis der Vorgänge im Gehirn des Kindes ein besseres Verständnis für die zumeist anstrengenden Situationen. Aber auch hier gibt es jede Menge konkrete Handlungsvorschläge, um mit den Wutanfällen oder Streitereien umgehen zu können.

Liebevolle Erziehung lässt sich in Gehirnscans nachweisen 

Zahlreiche Bilder zeigen sehr deutlich die Tätigkeit der unterschiedlichen Gehirnzentren etwa während Wut oder Trauer. Eines der Bilder hat mich persönlich besonders berührt: In diesem sind zwei Gehirnscans abgebildet. Das eines rumänischen Waisenkindes und das eines liebevoll aufgewachsenen Kindes. Tatsächlich lassen sich gravierende Unterschiede zwischen den aktiven und inaktiven Bereichen der Emotionsregulierung feststellen.

Wie wichtig der emotional regulierende Ausgleich eines Erwachsenen für Kinder ist, ist wahrscheinlich den meisten Eltern gar nicht so bewusst. Tatsächlich brauchen Kinder den Ausgleich durch eine erwachsene, rationale Person und gerade im Spiel können sie mithilfe des Erwachsenen neue Ideen entwickeln und konzentriert bleiben. Daher ist nicht nur das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern, sondern gerade auch das Spiel mit Erwachsenen für die Gehirnreife von Bedeutung. Dies alles bedeutet natürlich auch Anstrengung für uns Eltern. Die Erziehung unserer Kinder ist die tollste und größte, aber auch anstrengendste Aufgabe unseres Lebens. Deswegen gibt uns Margot Sunderland abschließend Tipps, wie wir auf uns selbst achten können, Tipps zu Ernährung, Ruhe und Ausgleich durch andere Erwachsene.

Der Titel der englischen Originalausgabe lautet übrigens „What every parent needs to know“ und das finde ich absolut zutreffend für dieses Buch. Ich nehme selber viel Neues mit und hoffe, dass dieses Buch bei Eltern und werdenden Eltern viel Anklang findet.

Vanessa Welker

Das Buch:
Margot Sunderland: Die neue Elternschule
Dorling Kindersley Verlag GmbH, München
ISBN: 978-3-8310-3146-7
304 Seiten, 183 x 233 mm
ca. 285 Abbildungen
22,95 Euro

Die Autorin:

Dr. Margot Sunderland
Dr. Margot Sunderland

Dr. Margot Sunderland, Kindertherapeutin mit mehr als 30jähriger Erfahrung in der praktischen Arbeit mit Kindern und Familien, ist Direktorin des Education and Training at The Centres for Child Mental Health London, Honorary Visiting Fellow an der London Metropolitan Universität und Associate Member des Royal College of Medicine. Ihr Buch ist das Ergebnis von 10 Jahren Forschung über die Langzeitwirkung der Erwachsenen-Kind-Beziehung auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns.

 

Die Rezensentin

Vanessa Welker
Vanessa Welker

Vanessa Welker hat ein Diplom in Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Flugbegleiterin unterwegs. Sie macht gerade ihren Bachelor in Sozialer Arbeit und engagiert sich im sozialen Bereich. Mit ihrer Familie lebt sie bei Karlsruhe.

 

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