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Seit Kurzem kommen die ersten deutlichen Warnungen von Kinderärzten im Hinblick darauf, wie der Smartphone-Gebrauch von Eltern das Bindungs- und Spielverhalten kleiner Kinder beeinflusst. Beides ist die Grundlage für psychische Gesundheit und emotionale, soziale und kognitive Bildung und jede einschneidende Störung hat Folgen für die weitere Entwicklung.

Das Jugendamt Frankfurt hat im Rahmen der Frühen Hilfen eine deutschlandweite Kampagne gestartet, mit der Eltern auf diese Gefahren der Digitalisierung hingewiesen werden. Experten raten dringend, die Gewohnheiten im Umgang mit digitalen Medien im Sinne eines guten Aufwachsens der Kinder so weit wie möglich umzustellen.

Der zu frühe und übermäßige Gebrauch digitaler Medien beeinträchtigt die Gehirnentwicklung beim Kind!

So stellt sich die Frage, wie eine solche Umstellung zu bewerkstelligen ist bei Beachtung der Bedürfnisse aller Beteiligten. Zu Beginn der Entwicklung eines Kindes müssen natürlich die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt stehen. Dazu ist es hilfreich, diese Bedürfnisse genauer zu betrachten:

Auswirkungen auf Bindung und Spiel

Damit Kinder in den ersten zwei Jahren eine sichere Bindung zur primären Bezugsperson aufbauen können, benötigen sie die ungestörte Aufmerksamkeit, den feinfühligen Umgang und die weitgehende Anwesenheit dieser Person. Ist die Aufmerksamkeit der Bezugsperson immer wieder abgezogen durch die vollkommene Konzentration auf ein digitales Medium, reagieren die meisten Kinder verstört darauf. Machen die Kinder eine solche Erfahrung von Anfang sehr häufig, reagieren sie zwar irgendwann nicht mehr, ihre Bindungsbemühungen gehen jedoch zurück und auch ihr Spielverhalten lässt nach; denn das für das Spielen notwendige Sicherheitsgefühl kann sich nicht einstellen.

Eltern sollten deshalb, wenn möglich, in Gegenwart ihres Kindes das Smartphone aus der Hand legen.

Wenn die Eltern jedoch dazu übergehen, ihrem kleinen Kind das hoch interessante Ding zum Spielen zu überlassen, ist es ruhig und zufrieden. Passiert das häufig und langzeitig, wird das Kind in seiner Entwicklung in mehrfacher Hinsicht beeinträchtigt. Die biologisch angelegten Lernprozesse werden gestört, die kognitive und soziale Entwicklung ist eingeschränkt. Des weiteren besteht die Gefahr, später Suchtverhalten zu entwickeln. In welcher Form diese Einschränkungen in der Entwicklung entstehen, soll im Folgenden erläutert werden.

Digitale Medien bremsen den Bewegungsdrang

Digitale Revolution - Foto gyso4ka © FotoliaZuerst geht es um die Störungen des Lernprozesses. Bei kleinen Kindern wird Lernen ausschließlich über die Bewegung und das sensorische Empfinden in Gang gesetzt. Die ersten zwei Jahre werden deshalb auch als senso-motorische Phase bezeichnet (Piaget 1992). Darüber werden die Milliarden Gehirnzellen und die einzelnen Bereiche im Gehirn nach und nach miteinander verknüpft, so dass in der Folge gegen Ende des zweiten Lebensjahres Denken möglich ist. Vorher ist Denken und Handeln dasselbe.

Wird die Bewegungslust durch ein solch faszinierendes Spielzeug nicht mehr empfunden, kommen die biologisch verankerten Antriebe des Erkundens, der Wissbegierde, der Nachahmung, des Spielens und des schöpferischen Erfindens nicht oder zu wenig zum Einsatz. Der Übergang vom Handeln zum Denken kann sich nicht störungsfrei entwickeln, so dass es zu Entwicklungsverzögerungen kommt.

In der Regel zeigt sich dieser Übergang am Selbsterkennen mit ca. 2 Jahren, wenn das Kind ICH zu sich selbst sagt.

Mit den ständigen Bewegungen dieser Phase und den damit einhergehenden sensorischen Erfahrungen erfährt das Kind die dingliche Welt und die räumliche Realität. Das führt zur Ansammlung von Wissen, das seine Intelligenz ausbildet und rapide vorantreibt.

Das kann vor Bildschirmen nicht geschehen. Das Kind erlebt nur eine Abstraktion der dinglichen Welt, die es bis ins Grundschulalter hinein nicht verarbeiten kann. Denn was es sieht, ist flächig; man kann es nicht anfassen, nicht schmecken, nicht riechen, nicht ertasten. Das Kind kann also keine für das Denken so wichtigen konkreten sinnlichen Erfahrungen machen, wenn es häufig und langzeitig mit digitalen Medien befasst ist.

Bewegung fördert die Gehirnentwicklung

Die Bewegung spielt bis weit ins Grundschulalter hinein eine wesentliche Rolle für die gesamte Entwicklung, denn sie ist auch die Grundlage für das Körperempfinden und damit für das Selbstwirksamkeitsempfinden. Besonders in den ersten Jahren entwickelt das Kind über die Erfahrung, die es mit seinem Körper macht, ein Bild von seinen eigenen Fähigkeiten, d.h. was es kann oder was nicht gelingt, also von seiner Leistungsfähigkeit insgesamt. Dies ist eine wichtige Grundlage für ein positives Selbstwertgefühl.

Auch die Feinmotorik bewirkt die Ausbildung von speziellen Strukturen im Stirnhirn; deshalb ist zuerst das feinmotorische Erkunden der Umwelt und später das Malen, und in der Grundschule das Schreiben mit der Hand so wichtig. Wird dies durch das ausschließliche Antippen von Tasten oder dauerndes Wischen ersetzt, bleiben diese Strukturen unterentwickelt.

Bei hohem Nutzungsverhalten werden lt. Studien die Hirnbereiche, die mit Sprache und dem Erlernen von Schreiben und Lesen verbunden sind, weniger strukturiert, d.h. die Dichte der Neuronen ist geringer (www.sciencedaily.com). Ebenso stellten die Forscher eine geringere Myelinisierung in diesen Bereichen fest. Myelin, eine weiße Substanz, sorgt für eine schnelle Verarbeitung von Signalen. Das bedeutet, bei schadhafter oder geringerer Myelinisierung wird das Denken langsamer.

Die digitalen Medien passen also in den so wichtigen senso-motorischen Entwicklungsrahmen der ersten Jahre nicht hinein. Gibt es durch eine häufige Nutzung digitaler Medien zu viele Störungen, führt das zur Einschränkung in der gesamten Entwicklung. Zusätzlich besteht die Gefahr, bereits im Vorschulalter Suchtverhalten zu entwickeln.

Macht der Umgang mit digitalen Medien kleine Kinder süchtig?

Digitales Revolution - Foto iStock © Alina DemidenkoIm Gehirn löst das digitale Feuerwerk schneller Videos und bunter Animationen ein Reizbombardement aus, das auf das Stammhirn (unteres limbisches System) niedergeht (Lembke & Leipner 2015). Es trifft in erster Linie das Belohnungssystem, das bei kleinen Kinder durch einen häufigen Gebrauch digitaler Medien völlig überdreht. Bestimmte Module reifen dann zu schnell und unzulänglich (Teuchert-Noodt 2016). Wichtige Teilbereiche des Stirnhirns können sich nicht voll entfalten.

Bei Klein- und Grundschul-Kindern ist das Stirnhirn noch nicht so weit ausgebildet, dass es die notwendige Kontrolle über Belohnungsreize ausüben kann. Das führt sehr bald zu Suchtverhalten; denn besonders die kleinen Kinder verlangen ständig und völlig außer sich nach dem digitalen Spielzeug, sind nicht einsichtig für Erklärungen und interessieren sich nicht mehr für konkrete Spielangebote.

Kurzschluss im Belohnungssystem

Um diese Suchtgefahr zu verstehen, hilft das Wissen über den Ablauf des normalen Lernprozesses, der zur Speicherung des Wahrgenommenen im Langzeitgedächtnis führt. Dazu muss der Lernstoff immer an vorhandenes Wissen anknüpfen können, der Ort wird gespeichert, in dem der Lernakt stattfindet sowie das in dem Moment empfundene Gefühl. Ist das Wissen neu und interessant, verursacht es ein positives Gefühl. Dann schüttet das Belohnungszentrum Dopamin oder Serotonin aus und das Kind ist motiviert, weiter zu machen, um das gute Gefühl wieder zu erleben. Es bleibt also aktiv und lernt. Nach einer solchen längerfristigen Kombination ist das Wissen dann später auch als Erinnerung abrufbar. Der Weg läuft über den Hippocampus, einer zentrale Schaltstation des limbischen Systems. Der Hippocampus arbeitet langsam, er hat andere Nervenzellen und sorgt damit für die Langzeitspeicherung des neuen Wissens.

Der digitale Sinnesreiz schießt sich jedoch auf verkürztem Weg direkt ins Belohnungszentrum des limbischen Systems (Ausschüttung von Dopamin) und trickst den zum Lernen notwendigen Weg über den Hippocampus und den Gedächtnisspeicher im Großhirn aus. Die neuronale Verarbeitung von Lerninhalten verkürzt sich, die Verbindungen im Gehirn kommen nicht zustande, so dass eine solide Langzeitspeicherung unmöglich wird.

Smartphone zur Ruhigstellung fördert die Sucht

Digitalisierung - Foto shutterstock © Patryk KosmiderWenn kleine Kinder das Smartphone der Eltern zur Ruhigstellung bekommen, wirkt dieses Feuerwerk besonders stark. Die ganz Kleinen sind durch ihre biologisch verankerte Funktionslust vorerst nur an der Wischbewegung interessiert. Sie nehmen die kleinen schnellen Bilder noch nicht richtig wahr. Sobald das der Fall ist, trifft sie das digitale Feuerwerk direkt, so dass bei häufigem Spielen damit langfristige Folgen nicht ausgeschlossen sind.

Die Einschränkungen in der Entwicklung durch den Suchtfaktor werden verstärkt durch die Tatsache, dass wir Menschen (Männer mehr als Frauen) immer neugierig auf Dinge sind, die sich bewegen. Ein Tablet oder Smartphone mit bewegten Bildern zieht kleine Kinder so heftig an, dass Ritterburgen und Spielfiguren an Attraktivität verlieren. Denn da muss das Kind jede Figur bewegen, sich im Kopf eine Handlung ausdenken, während auf digitalen Medien alles automatisch abläuft. Es gibt kein Training im Denken wie beim selbst gesteuerten Spiel.

Das Kind muss auch keine Willenskraft aufwenden, um etwas zu erreichen. Dann spürt es auch die positiven Gefühle über das Erreichte nicht, so dass seine natürliche Leistungsbereitschaft zurück geht. Seine Konzentrationsfähigkeit wird nicht geübt, was im Hinblick auf die spätere Schulfähigkeit kritisch ist.

Eltern kennen das: Wenn Kinder drei Stunden im Freien gespielt haben, sind sie hinterher ruhig und ausgeglichen. Wenn sie 3 Stunden Videogames machen, sind sie schlecht gelaunt und völlig aus dem Gleichgewicht (s. Überforderung des Stammhirns). Kinder und auch Erwachsene spüren sich eben nur über den Körper und nicht über den Computer.

„Schau mich an!“ Wenn Eltern vom Smartphone gefesselt sind

Die negativen Einflüsse des frühen Umgangs von kleinen Kindern mit digitalen Medien ist die eine Seite des Problems. Die andere Seite betrifft das Verhalten von Eltern, die in Gegenwart der Kinder ständig auf ihr Smartphone schauen.

Wie eingangs beschrieben sind besonders die Kinder unter drei Jahren immer darauf angewiesen, von den Eltern wahrgenommen zu werden, damit ihre Bindungsbemühungen nicht ins Leere laufen. Ist die Aufmerksamkeit der Eltern durch ihr Smartphone abgezogen, reagieren viele Kinder zuerst mit Unruhe und negativem Verhalten. Hilft das nicht, stellen sie ihre Bindungsbemühungen ein. Sie fühlen sich völlig allein gelassen, schutzlos, hilflos. Ein sozial-emotional guter Start ins Leben kann so nicht gelingen.

von Erika Butzmann

Erstveröffentlichung 27. Juni 2018, Überarbeitung Mai 2020

Links zum Thema

Beitrag

Was macht die Digitalisierung mit unseren Vorschulkindern?

Beitrag

Was macht die Digitalisierung mit unseren Schulkindern?

Studie

Reset für ein Kindergehirn: Der Mehrwert der bildschirmfreien Zeit, Catherine Yang / Christina Spirk, EPOCH TIMES, 20. Oktober 2019

Video

Nutzung von Smartphones: Gravierende Folgen für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Stern-online, 16.5.2020

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