Wenn das Familienmobile ins Schwingen gerät - Foto Adobe Stock © TashaDen eigenen, einzigartigen Platz in der Familie zu finden, ist für ein Kind unglaublich wichtig. Es soll spüren und wissen:

Ich bin gut, so wie ich bin. Niemand anders kann meinen Platz ausfüllen.

Kommen Geschwister dazu, kommt das „Familienmobile“ ziemlich in Bewegung – und jedes Kind muss seinen Platz neu finden.

Wenn ich mit meinen Kindern am Familientisch sitze, diskutieren wir manchmal darüber, welcher Geschwisterplatz wohl der schwierigste oder einfachste sei. Ich höre dann aufmerksam zu und bestärke sie darin, dass jeder Platz etwas Schönes und Spezielles an sich hat, aber auch immer etwas, das nicht ganz so leicht ist.

Der Kampf um den Platz als großer Bruder

Vor kurzem durfte ich eine lebensfrohe Familie mit vier Kindern kennenlernen. Das dritte Kind, ein wunderbarer sechsjähriger kleiner Junge, lernte ich etwas näher kennen. Er war entdeckungsfreudig, wissbegierig und sehr kontaktfreudig. Für sein Alter war er eher klein. Medizinisch war bereits alles abgeklärt, doch im Moment galt es abzuwarten, ob der nächste Wachstumsschub etwas ausgleichen würde.

Sein jüngerer Bruder hatte ihn in der Körpergröße bereits überholt. Oft wurden sie darauf angesprochen, wer wohl der Ältere sei – oder ob sie gar Zwillinge seien, berichteten die Eltern mir. Im weiteren Verlauf des Gespräches wurde deutlich, wie sehr ihn seine Rolle beschäftigte.

Laut werden, um gesehen zu werden

Man konnte förmlich spüren, wie sehr er darum kämpfte, als großer Bruder wahrgenommen zu werden, von seinen Geschwistern und in seinem Umfeld. Oft schien er in der Familie etwas mitzuschwimmen, nicht so bewusst gesehen in seiner Rolle als Älterer. Manchmal wurde er deshalb sehr laut. Und bei allem, was er sich wünschte oder in Angriff nahm, musste es das Größte oder Stärkste sein.

Verstehen statt erziehen

Kinder von innen heraus zu verstehen, ist ein sehr wertvoller Schlüssel im Alltag mit ihnen. Die vielen Erziehungsratgeber und Methoden können uns Eltern ganz schön verwirren. Wohltuend anders ist der bindungsbasierte Ansatz: das Kind in seiner inneren Welt verstehen zu wollen. Keine Erziehungsformel, kein Drei- Schritte-Programm zum Erfolg.

Wenn ein Kind in seiner Bindung und in seinen Gefühlen wirklich gesehen wird, ergibt sich der angemessene Umgang oft intuitiv – und das stärkt auch die Eltern.

Das Ziel ist nicht Gehorsam, sondern die Reifung der Gefühle und der sozialen Fähigkeiten. Aggressionen oder Wut sind keine böse Absicht, sondern Alarmsignale: Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse.

Gesehen werden verändert alles

Bei einem späteren Zusammentreffen war schön zu beobachten, wie seine Mama seine innere Not erkannte und intuitiv darauf reagierte. Sie bestärkte ihn bewusst in seiner Rolle als großer Bruder und ließ ihn erleben, was er als Älterer schon durfte und konnte. Da er älter war, gelang ihm auch vieles besser als dem jüngeren Bruder. Dieses bewusste Anerkennen half ihm, seinen Platz sicherer einzunehmen. Auch kam sie ihm zuvor und stillte seine Bedürfnisse, bevor er sie lautstark einfordern musste.

Es war deutlich spürbar, wie sehr er sich verstanden fühlte. Er wirkte entspannter, sicherer, mehr in seiner Rolle angekommen.

Kinder von innen heraus zu verstehen, ist wirklich ein wertvoller Schlüssel, um die Herzen unserer Kinder zu erreichen.

Ihre Miriam Bruderer

Ein Beitrag aus unserer Kolumne:

Menschen(s)kinder


Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In unserer Kolumne gehen die IBT® Therapeutin Miriam Bruderer und die zert. Neufeld-Kursleiterin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?