Erster Schritt:

Zeitstrahl Schritt 1Kinder kommen mit einer Grundsehnsucht auf die Welt – der Sehnsucht nach Liebe. Eine Liebe, in der sich ein Kind angenommen fühlt, wenn seine elementaren Lebensbedürfnisse erfüllt werden.

Durch die Schwangerschaft ist ein Kind auf eine vollkommen umschließende Geborgenheit geprägt. Diesen Zustand des Sicherheits- und Wohlgefühls braucht jedes Kind auch für die Zeit nach seiner Geburt.

Hautnah bei seiner Mutter empfindet es ihre Wärme, liebt ihren Geruch, ihre vertraute Stimme und ihren Herzschlag. Es sucht den ihm bekannten Geschmack der Muttermilch für das bisher unbekannte Hungergefühl in seinem Bauch. Dann ist alles gut für das Kind. Es fühlt sich wohl und es spürt die Geborgenheit bei seiner Mutter.

Zweiter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 2Damit dieses innere Glücksgefühl sich verfestigen kann, braucht ein Kind neben der Befriedigung seiner Bedürfnisse die beständige Zweisamkeit mit seiner Mutter. Weil es sich zunächst als eine Einheit mit der Mutter empfindet, hat ein Kind noch keine Wahrnehmung für sich selbst als eigenständige Person.

Dritter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 3Wenn ein Kind sich selbstständig fortbewegt durch robben, krabbeln und laufen, spürt es immer mehr, dass sein Körper und der Körper seiner Mutter getrennt sind. Je mehr es zwischen vertraut und fremd wahrnimmt, umso deutlicher zeigt es sein Bindungsbedürfnis:

Es klammert sich an die Mutter und will nur noch von ihr versorgt werden. Es versucht damit, die Einheit mit der Mutter wieder herzustellen, denn es fühlt sich ohne sie allein und verlassen.

Die Rolle des Vaters

Vätern gelingt es in dieser ersten Zeit oft nicht, das Kind zu trösten; denn das Einheitsgefühl bezieht sich auf die Mutter.

Vierter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 4Auftretende Trennungs- und Verlassenheitsängste sind bei sensiblen, eher ängstlichen Kindern besonders stark. Der Grund liegt darin, dass sich Kinder bis weit ins zweite Lebensjahr hinein kein inneres Bild von der Mutter/ den Eltern machen können. Verschwindet die Mutter, ist sie für das Kind weg aus seiner Welt; es hat keine Erinnerung an sie. Erst mit der weiteren Gehirnreifung entwickeln sich die inneren Bilder.

Zur gleichen Zeit festigt sich die Bindung an die Mutter in dem Maße, wie die Mutter zur Verfügung steht und auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann. Werden Verlassenheitsängste in dieser Phase häufig ausgelöst, wird das noch nicht funktionsfähige Stresssystem des Kindes übermäßig belastet. Dann wird auch die Bindung zwischen Mutter und Kind beeinträchtigt.

Fünfter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 5In tausenden von Jahren haben sich Kinder in ihren Bedürfnissen nicht verändert. So können Mutter und Kind nur aus einem beständigen Zusammensein heraus eine sichere Bindung entwickeln.

Der Prozess des Selbsterkennens

Kinder brauchen bei dem schwierigen Prozess des Selbsterkennens – und darüber hinaus – Eltern, die sich ihrer Einzigartigkeit für das Kind bewusst sind und die ihrer Intuition folgen. Je besser die Bindungsbedürfnisse in den ersten drei Jahren befriedigt werden, je mehr Sicherheit ein Kind mit seinen vertrautesten und verlässlichsten Bindungspersonen erfahren darf, desto mehr kann es diese Sicherheit allmählich verinnerlichen und desto selbstständiger kann und will es selbst werden.

Je sicherer die BINDUNG, umso leichter die WELTERKUNDUNG!

Innere Bilder entwickeln sich über einen länger andauernden Prozess, der zwischen 18 und 24 Monaten das Vorstellungsgedächtnis ausbildet und damit erste Erinnerungen möglich macht.

Sechster Schritt:

Zeitstrahl Schritt 6Mit der zunehmenden Bewegungs- und Entdeckungsfreude entfernt sich ein Kind von der Mutter, vorausgesetzt sie ist als Sicherheitsbasis im Hintergrund und das Kind kann jederzeit zu ihr zurückkehren.

Die wichtige Rolle des Vaters beim Bindungsprozess kommt im zweiten Lebensjahr zum Einsatz. Er begleitet sein Kind in seinem Spiel- und Lernantrieb und zelebriert mit ihm immer wieder Spaß.

Durch sein Spielangebot und seine Spielfreude lässt sich das Kind jetzt auch zunehmend von ihm versorgen. Damit hilft der Vater dem Kind bei der erkenntnismäßigen Ablösung von der Mutter und festigt seine Bindung an das Kind.

Siebter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 7Erst wenn das Kind seine Eigenständigkeit und die erkenntnismäßige Trennung von der Mutter begriffen hat – es sagt dann ICH zu sich selbst und nennt sich nicht mehr beim Vornamen – kann es die Abwesenheit der Mutter besser ertragen und sich auf den Vater und weitere Bindungspersonen einlassen.

Achter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 8Aus der Dual-Einheit mit der Mutter entsteht gegen Ende des zweiten Lebensjahres das Beziehungsdreieck zwischen Vater, Mutter und Kind. Das Gelingen dieser Triangulierung ist die Grundlage für alle späteren Fähigkeiten wie

  • Leistungs- und Lernbereitschaft
  • soziale und kognitive Kompetenzen
  • Selbstwertgefühl
  • Bindungsfähigkeit zu anderen
  • Beziehungsgestaltung im späteren Leben
  • Glück zu empfinden

Neunter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 9In der Zeit des Ich-Erkennens kann es beim Kind erneut zu starken Trennungsängsten kommen. Es lässt sich zeitweise vielleicht nicht vom Vater versorgen und trösten. Da Bindung sich vornehmlich im positiven Empfinden niederschlägt, hilft es, den Bindungsbedürfnissen des Kindes an seine Mutter nachzukommen.

Zehnter Schritt:

Zeitstrahl Schritt 10Das Selbsterkennen um den zweiten Geburtstag herum führt vorübergehend zum festen Glauben des Kindes, dass alles, was es sieht, ihm gehört. Das häufigste Wort ist jetzt „meins“. Diese Vereinnahmung der Gegenstände – und auch der Mutter– benötigt das Kind für seine psychische Stabilität, da die Erkenntnis, getrennt von allem zu sein, es stark verunsichert. Trennungs- und Verlassenheitsängste sowie Schlafstörungen können erneut auftreten.

Je sicherer die Bindung ist, umso besser ist es in der Lage, auf andere Kinder bewusst zuzugehen und Spielkontakte zu suchen. Durch die Motivation, mit anderen spielen zu wollen, wird die mit dem Ich-Erkennen einsetzende totale Ichbezogenheit langsam aufgegliedert.

Hinweis

Grundsätzlich kann jeder zur Bindungsperson werden, der in den ersten 6 Monaten am verlässlichsten auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert. Natürlicherweise ist es die Mutter.

In Zusammenarbeit mit:

Dr. phil. Erika Butzmann, Mutter von zwei Kindern, Erziehungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt der frühen sozial-kognitiven Entwicklung, in der Weiterbildung für Erzieher*innen sowie Elternbildung und -beratung tätig
Hanne K. Götze, Mutter von vier Kindern, Diplombibliothekarin, Mütter- u. Familienberaterin

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Bezugsquelle: Zeitstrahl „So wächst Bindung“