Angstfrei leben - Foto iStock © Yuri_Arcurs„Angst und Panik: Psychische Belastung für Junge bleibt hoch“ So lautete der Titel eines Artikels in einer schweizerischen Online-Zeitung. Im darauffolgenden Text wird die Frage gestellt, was helfen könnte. Ich gehe nun einfach mal davon aus, dass dieser Titel genauso auch auf die Zustände in Deutschland passen würde. Die Gründe, warum die psychische Belastung unserer Jugend so hoch ist, sind ja ein und dieselben.

Während die Politik sich bemüht, mehr Mittel zur Behandlung von psychischen Erkrankungen und Krisen zur Verfügung zu stellen, frage ich mich, was könnten wir den präventiv tun? Was könnten wir in unseren Familien tun, damit es gar nicht erst zur Krise kommt? Wenn wir uns umsehen, dann sehen wir, dass es sehr wohl auch Jugendliche gibt, die voller Elan und Zuversicht in ihre Zukunft blicken. Diese Jugendlichen kennen Ängste auch, aber sie können damit umgehen und die Angst blockiert sie nicht. Was können wir von diesen Jugendlichen und ihrer Geschichte lernen und in unsere Familien mit hineinnehmen?

(Selbstverständlich haben alle Jugendlichen eine individuelle Geschichte und ich möchte keinesfalls alle in den gleichen Topf werfen. Doch ich denke, es gibt so einige große Linien, die sich als Parallelen in den einzelnen Leben herausstellen und von denen wir lernen können.)

Kinder haben einen natürlichen Drang nach Bindung

Um krisensicher zu stehen, braucht jeder Baum tiefe und starke Wurzeln. Im übertragenen Sinne stehen diese für tiefe und sichere Beziehungen. Um reifen und sich entfalten zu können, brauchen unsere Kinder solche Beziehungen. Sie brauchen Menschen in ihrem Umfeld, von denen sie sich geliebt, angenommen und in derer Gegenwart willkommen fühlen. Um sich sicher und tief verwurzeln zu können, brauchen sie Menschen, an die sie sich anlehnen können, Menschen, die selbst sicher stehen. Im besten Falle sind das die Eltern, es können aber auch andere erwachsene Bezugspersonen sein.

Innerhalb solcher Beziehungen gibt es Raum für die kleinen und großen Emotionen und Gefühle. So kann sich das Kind im geborgenen Rahmen dem Leben mit all seinen Herausforderungen stellen und Erfahrungen sammeln. Daraus entstehen eine Sicherheit und Zuversicht, die sich in Krisenzeiten als tragend herausstellen können.

Wenn es uns also ein Anliegen ist, dass unsere Kinder für Zeiten vorbereitet sind, wie wir sie gerade erleben, dann ist es unsere erste Aufgabe, in diese Beziehung zu investieren.

Dies tun wir, indem wir einen Schwerpunkt auf alles Verbindende legen: gemeinsame Erlebnisse, Raum für Gespräche, zusammen spielen und quatsch machen, … Aber auch indem wir immer wieder an der Verbindung festhalten: nachfragen, kleine Nachrichten hinterlassen, das Kind nach einem langen Schultag „warm“ und herzlich empfangen usw.

Bindung vor Weisung

„Bindung vor Weisung“ diesen einfachen Satz habe ich mir „hinter die Ohren geschrieben“. Es bedeutet, dass wir gerade, wenn’s schwierig wird, wenn wir Fehlverhalten ansprechen müssen oder wenn wir Anweisungen geben müssen, zuerst die Bindung „aktivieren“. Auch hier wieder, Schwerpunkt auf das Verbindende legen, kurz in die Welt des Kindes eintauchen, Emotionen spiegeln, usw.

Wenn wir die Voraussetzungen schaffen, dass unsere Kinder sichere und tiefe Wurzeln schlagen können, leisten wir einen großen Beitrag dazu, dass sie als Jugendliche eine Resilienz entwickeln können, die wir in der heutigen Zeit dringend brauchen.

Just do it! Ihre Angela Indermaur

Anmerkung der Redaktion fürKinder: Lesen Sie mehr zum Thema Bindung z. B. im Buch Vertrauen Spielen Wachsen von Deborah MacNamara.

Ein Beitrag aus unserer Kolumne:

Menschen(s)kinder


Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In einer regelmäßig erscheinenden 14-tägigen Kolumne geht unsere Kolumnistin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?