Schlaflose Nächte - Foto © Rima-FamilienbettUnser erstes Kind war ein richtiges Anfänger-Baby, wir staunten nicht schlecht, als sie bereits in der ersten Nacht zuhause ganze 7 Stunden durchschlief. Wir brachten sie um 22 Uhr, nach dem Stillen in ihr Bettchen in ihrem hübsch eingerichteten Zimmerchen, wo sie bis 5 Uhr und nach einer kurzen Stillpause nicht selten noch einmal bis 9 Uhr schlief. Nur 17 Monate später landeten auch wir auf dem Boden der Realität der übernächtigten Eltern. Wir machten alles gleich wie beim ersten Kind und gingen ganz naiv davon aus, dass auch das zweite Kind in seinem schönen Bettchen wunderbar schlummern würde. Dem war aber überhaupt nicht so und ich möchte nicht wissen, wie viele nächtliche Kilometer mein Mann und ich im ersten Lebensjahr von diesem Baby zwischen unserem und seinem Zimmer zurücklegten. Wann immer ich in dieser anstrengenden Zeit gefragt wurde, warum ich mir das antue und warum ich das Baby nicht einfach in unser Bett nehmen würde, war meine Antwort klar:

„Das fange ich gar nicht erst an, sonst bringe ich das Kind die nächsten Jahre nicht mehr aus unserem Bett. Außerdem sagte mein Mann, er könne mit Kind im Bett nicht schlafen und ich hatte Angst, es im Schlaf zu erdrücken.

Diese Ansicht hatte ich einfach von anderen übernommen, ohne mir zu überlegen, ob ich das eigentlich auch so sehe oder ob es noch andere Meinungen zu diesem Thema gibt.

Auf dem Weg zu ruhigeren Nächten

Viele Jahre später lernte ich eine neue Sicht über Babys und ihre Bedürfnisse kennen. Ich lernte und begriff, dass es ganz bestimmt nicht „artgerechtist, wenn ein Baby allein in einem Zimmer im Kinderbettchen schläft und dass dies in weiten Teilen der Welt auch nicht üblich ist. Und auch in unserem Teil der Welt war es bis vor einigen Jahrzehnten gar nicht möglich, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer hatte und so war es aus rein praktischen Gründen üblich, dass die Wiege mit dem Baby im Elternzimmer stand.

Ich bin sehr dankbar, dass sich diesbezüglich einiges in den letzten Jahren getan hat und dass es heute für viele Eltern selbstverständlich ist, dass mindestens die Babys in ihrer Nähe schlafen dürfen.

Ob die Familien nun ein Familienbett XXL und das für viele Jahre haben, oder ob ein Baby einfach im ersten Jahr im Elternbett oder im Beistellbettchen schläft, oder Mütter und Väter irgendwas dazwischen wählen, kommt vielleicht nicht mal so drauf an. Hauptsache, die Eltern sind über die Möglichkeiten informiert und können für sich entscheiden, was am besten passt.

Wie ein Baby entspannt in den Schlaf findet

Ich denke, ich würde mich heute für ein Beistellbettchen entscheiden und das Baby mindestens in den ersten Monaten so neben mir haben. Und ich vermute mal, wir hätten damals bei unserem zweiten Kind die bedeutend ruhigeren Nächte gehabt, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass unser Sohn nicht immer „Bauchwehhatte, sondern sehr oft einfach Nähe und Geborgenheit gebraucht hätte. Dies ist nun mal im ersten Lebensjahr die einzige Möglichkeit für ein Baby, sich nahe und verbunden zu fühlen. Bindung über die Sinne, nennt Gordon Neufeld diese Bindungswurzel. Das bedeutet, dass das Baby sich gebunden fühlt, wenn es die Eltern sieht, hört, riecht, spürt … also über die Sinne wahrnimmt. Ist dies nicht der Fall, fühlt sich das Baby getrennt und allein. Es kann ja (noch) nicht wissen, dass die Eltern nur im Zimmer nebenan sind.

Deshalb hätte ich heute niemals mehr die Erwartung, dass ein Kind möglichst ab Geburt in seinem Zimmer schlafen muss. Und die Angst, dass ich es nicht mehr aus dem Elternbett bringe, die hätte ich auch nicht mehr, denn ich habe noch nie davon gehört, dass dieser Fall jemals wirklich eingetreten ist. 😉

Ihre Angela Indermaur

Anmerkung der fürKinder-Redaktion: Sehr gut passt hierzu auch der Artikel von Herbert Renz-Polster Einschlafstillen darf man das?

Ein Beitrag aus unserer Kolumne:

Menschen(s)kinder


Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In einer regelmäßig erscheinenden 14-tägigen Kolumne geht unsere Kolumnistin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?