Trennungsschmerz - Foto iStock © lisegagneIn wenigen Wochen ist es wieder so weit: Viele Kinder starten neu in die Spielgruppe, den Kindergarten oder in die Schule. Währenddem die einen Kinder vor allem den Schatz (viele neue Spielsachen, Spielkameraden, die Kindergartentasche oder endlich ein Schulkind zu sein o.ä.) sehen, sehen andere Kinder in erster Linie den Drachen der Trennung von der Mama und dem Papa, der den Weg zum Schatz sozusagen versperrt.

Ob Schatz oder Drache, eines ist für alle Kinder essenziell wichtig: Vorschul- und Schulkinder sind darauf angewiesen, dass sie sich temporär an eine erwachsene Person binden können. Sie brauchen eine Person, bei der sie sich aufgehoben, sicher und versorgt fühlen und an der sie sich orientieren können. Dass so eine Person theoretisch verfügbar ist, heißt aber noch lange nicht, dass sie für das Kind auch wirklich diese Rolle einnimmt.

Bindung ist nichts, was sich „verabreichen“ oder installieren, und schon gar nicht anordnen lässt. Bindung ist etwas, was wachsen und sich entwickeln muss und dafür braucht es Zeit und gute Bedingungen.

Wenn das Kind sicher an uns als Eltern gebunden ist, können wir aber doch einiges tun, um eine Bindung an die Betreuungs- oder Lehrperson zu fördern, bzw. für diese Bedingungen sorgen.

Wie wir Kindern helfen, neue Bindungen einzugehen

Wir können bereits jetzt damit beginnen, von dieser Person positiv zu sprechen. Vielleicht können wir zusammen mit dem Kind etwas für diese Person basteln oder ein Bild malen. Im Idealfall (und oft ist das ja so) erhält das Kind auch bereits Post z. B. von der Erzieherin oder darf sogar schon mal im Kindergarten schnuppern und kann sie kennenlernen.

Kurz vor der Übergabe des Kindes ist es gut, wenn wir den Schwerpunkt auf die Verbindung legen: „Ich komme dich am Mittag abholen und dann gehen wir nach Hause und kochen Spaghetti, darauf freue ich mich!“ Aber es ist auch wichtig, den imaginären „Bindungs-Staffelstab“ zu übergeben: „Bis ich wieder komme, schaut Frau XY auf dich. Du darfst sie alles fragen und zu ihr gehen, wenn du z.B. zur Toilette musst o.ä.“

Wenn immer möglich, ist es hilfreich, wenn wir kurz mit der Betreuungs- oder Lehrperson sprechen können, wenn wir dabei lächeln und vielleicht auch nicken, „Ja sagen“ können. Dies zeigt dem Bindungsgehirn des Kindes, dass wir „okay sind“ mit Frau XY und dies macht es für das Kind einfacher, sich an diese Person zu binden.

Manch ein Kind braucht in dieser Situation etwas Handfestes von uns zum Festhalten. Dies kann ein Schal von Mama sein, ein Anhänger vom Papa, oder auch ein Kuscheltier von zuhause.

Ja, und wenn das alles erfüllt ist … braucht das Kind einfach Zeit. Die einen etwas länger als die anderen.

Wie die Wurzeln eines Baumes brauchen auch die Bindungswurzeln Zeit zum Wachsen.

Die Bindungsgemeinschaft gegen Trennungsschmerz

Vielleicht wehrt sich an dieser Stelle etwas in Ihrem Mama- oder Papaherz und Sie spüren ein bisschen Traurigkeit darüber, dass Ihr Kind sich an eine andere Person binden soll. Dann möchte ich Sie gerne beruhigen: Unsere Kinder sind dafür gemacht, dass sie verschiedenen Personen in ihrem Leben haben, an die sie unterschiedlich tief natürlich gebunden sind. Wenn wir die Zeit ein paar Jahrzehnte zurückdrehen, sehen wir, dass es früher völlig normal war, dass Kinder in einem großen Familien-Verband aufwuchsen. Oft lebten mehrere Generationen auf einem Hof und die Kinder wurden keineswegs nur von der Mutter betreut.

Wir sprechen in diesem Zusammenhang gerne von einem Bindungsdorf. Wie in einem echten Dorf gibt es da Personen, die einem ganz nah sind und solche die man nur grad so kennt und alle Facetten dazwischen.

So ein Bindungsdorf ist eine wunderbare Sache und schafft gute Voraussetzungen für die Entwicklung und das Lernen eines Kindes. Genial, wenn pädagogische Fachkräfte in der Spielgruppe, Kita und Schule Teil eines solchen Bindungsdorfes sein können.

Ihre Angela Indermaur

Ein Beitrag aus unserer Kolumne:

Menschen(s)kinder


Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In einer regelmäßig erscheinenden 14-tägigen Kolumne geht unsere Kolumnistin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?