Jedes Mal, wenn ich in jenem schwedischen Fischerdorf bin, muss ich die Malven fotografieren. Sie faszinieren mich einfach, wie sie aus steinigem Untergrund heraus zu so wunderschönen Blumen heranwachsen.
Und sie sind für mich zu einem Bild geworden für viele Kinder und Teenager: Junge Menschen, deren Bedingungen zum Wachsen bei Weitem nicht optimal sind oder waren, die sich aber trotz widrigen Bedingungen entwickeln und entfalten. So manches Mal staune ich, wie viel Wachstum geschieht und zu welch „wunderschönen Blumen“ sich Kinder und Teenager, die Schweres erlebt haben, oftmals entwickeln.
Ich denke an Kinder, die Gewalt erleben, an Kinder mit psychisch kranken Eltern oder an Kinder, die Opfer von schwerem Mobbing wurden. Kinder, die Verluste erlitten haben und Kinder, die die Trennung ihrer Eltern schmerzlich miterleben mussten. Und an viele andere Kinder, die Schweres erlebt haben, sichtbares und weniger sichtbares …
Was wir sowohl bei den Malven wie auch bei vielen Kindern sehen ist RESILIENZ.
Resilienz ist laut Gordon Neufeld die Fähigkeit, trotz widrigen Umständen zu wachsen und sich zu entfalten.
Resilienz bedeutet nicht, hart und unverletzlich zu sein, sondern vielmehr, ein weiches Herz zu behalten, welches in der Lage ist, über das, was gerade schwer ist, zu trauern.
Resilienzfaktoren gibt es einige, der wichtigste aber ist sicher der Faktor Bindung.
Und tatsächlich, wenn ich auf die Geschichte von Kindern schaue, die Resilienz entwickelt haben, finde ich dabei oft diese eine Person: Diese Person, bei der sich das Kind sicher und geborgen fühlte. Diese Person, bei der das Kind so sein durfte, wie es ist, bei der es sich verletzlich zeigen durfte und liebevoll getröstet wurde, die sich interessierte für das Leben des Kindes, Anteil nahm, usw.
Selbstverständlich gibt es im Leben vieler Kinder mehrere solcher Personen und das ist wunderschön. Für Kinder, welche in schwierigen Verhältnissen groß werden, macht aber oftmals gerade die eine Person, die dem Kind eine sichere Bindungserfahrung ermöglicht, einen großen Unterschied!
Das Gute ist: Jede/r von uns kann so eine Person im Leben von Kindern in unserem Umfeld sein. Egal ob wir Verwandte sind, Lehrpersonen, Nachbar:innen oder Trainer:innen. Wenn wir fürsorglich und zugewandt, oder mit anderen Worten: mit der Haltung „Ich möchte dich von innen heraus verstehen“, mit Kindern in unserem Umfeld umgehen, kann dies unter Umständen ein „Gamechanger“ sein. Vielleicht wie Dünger für die Malve, die sich ihren Weg durch steinigen Boden sucht?
Ich wünsche mir, dass jedes Kind, jeder Teenie mindestens eine Person in seinem Leben haben darf, die diesen Unterschied macht!
von Angela Indermaur
Ein Beitrag aus unserer Kolumne:
Menschen(s)kinder
Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In unserer Kolumne gehen die IBT® Therapeutin Miriam Bruderer und die zert. Neufeld-Kursleiterin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?
