Ein dreijähriges Kind gibt der einjährigen Schwester die Flasche. Es ist dabei sehr liebevoll. Plötzlich drückt es die Flasche so fest in den Mund der Kleinen, dass die Schwester anfängt, vor Schmerzen zu schreien. Die Mutter ist erschrocken. Sie fragt sich, ob der Dreijährige nun gegenüber der Schwester aggressiv ist, vielleicht verborgen, und dies nun in seinem Verhalten zum Ausdruck kommt.
Dieser Hintergrund kann existieren, doch dieser Spur sollte man erst nachgehen, wenn solches Verhalten sich wiederholt. Meistens ist es nur Ausdruck unbeholfener Maßlosigkeit. Manche Kinder sind sehr liebevoll gegenüber Geschwistern, vor allem kleineren, doch sie wissen nicht, wie sie diese Liebe ausdrücken können. Oft haben sie kein Maß für ihre Zuwendung, für ihr Zugewandsein.
Manchmal hatten sie kein gutes oder ausreichendes Vorbild. Oft waren ihnen die Eltern zu wenig ein Gegenüber, manchmal gab es bei den Eltern sehr unterschiedliche Erziehungsstile.
Wenn Kinder keine Vorbilder erleben für das Maß der Zuwendung, für das Maß liebevoller Begegnung, kann das umschlagen in Übergriffigkeit.
Diese Kinder brauchen keine Strafen und kein Anti-Aggressionstraining. Sie brauchen andere Menschen, die ihnen Vorbild sind, die sich mit ihnen als ein Gegenüber reiben, die ihnen erklären, zeigen, vormachen, wie liebevoll Zuwendung geht.
von Udo Baer
Erstveröffentlichung: Wenn liebevolle Zuwendung von Kindern gegenüber Kleineren umschlägt Semnos I Pädagogisches Institut Berlin (PIB), 8.12.2023
Sind Eltern zufrieden und glücklich entwickeln sich ihre Kinder zu kleinen Persönlichkeiten mit einer großen Portion gesundem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Doch was brauchen Familien, damit Spannungen und Konflikte gar nicht erst aufkommen und wie gestalten sie ihre Beziehung und erhalten sie aufrecht? Was wäre nötig, damit Väter selbstbewusst die Vaterrolle annehmen, die Verteilung der Familienarbeit gerecht aufgeteilt ist und die Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Kindererziehung nicht ständig Thema sind. Kann Familie gelingen, wenn geschlechtsspezifisches Denken, Wahrnehmen und Verhalten im täglichen Miteinander berücksichtigt wird – und welche konkrete Unterstützung können Familien von der Gesellschaft erwarten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?
