Hilfe holen, wenn die Angst wächst - Foto Adobe Stock © AlekseyEine Mutter erzählte mir: „Mein Kind ist sehr ängstlich. Sie ist fünf Jahre alt und hat mittlerweile vor allem und jenem Angst. Sie will auch gar nicht mehr in die Kita gehen. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.“

Ich gab ihr zunächst einmal verschiedene Hinweise, was sie im Umgang mit der Angst für ihre Tochter tun könne. Und ich fragte nach, welche Quellen die Angstgefühle der Tochter haben könnten, z. B. wann die Angst zum ersten Mal aufgetreten sei und vieles andere mehr. Dieses Gespräch war schon hilfreich.

Dann fragte die Mutter mich: „Herr Baer, wann muss ich Hilfe holen?“

Ich antwortete: „Erstens holen Sie jetzt schon Hilfe, indem Sie mit mir darüber reden. Das sortiert Ihre Gedanken und entlastet Ihre Gefühle. Sie sorgen sich um Ihre Tochter, und das ist gut so. Es bekümmert Sie, dass die Tochter Angst hat. Und diesen Kummer zu teilen, ist hilfreich. Für Ihre Tochter bestimmt auch, doch jetzt, in diesem Moment, zunächst einmal für Sie.“

Das Leiden ist der Maßstab

Und zweitens gibt es keine objektiven Kriterien, wann Eltern, Erzieher:innen, Lehrer:innen oder andere pädagogische Fachkräfte Hilfe im Sinne von therapeutischer Hilfe holen müssen. Das Leiden eines Kindes ist subjektiv.

Wenn das Leiden so groß wird, wenn sich aus der Angst ein starkes Leiden ihrer Tochter entwickelt und wenn Sie als Mutter leiden, dann sollten Sie nach Hilfestellungen suchen, die andere geben können. Probieren Sie aus, worüber wir gesprochen haben. Und wenn das nicht reicht, dann suchen Sie weitere Hilfe.

Es gibt nichts anderes außer dem Leiden der Menschen als Kriterium, wann therapeutische Hilfe notwendig ist.

Ein Beitrag aus unserer Praxis-Rubrik:

KinderLeben – besser verstehen


Entwürdigendes und unberechenbares Verhalten durch erwachsene Bindungspersonen verunsichert und verwirrt Kinder. Sie können sich nicht auf eine sichere Basis verlassen und zeigen die damit verbundene Not oft ohne Worte. Aus der Praxis von Kindertherapeut:innen, Erzieher:innen, Müttern, Tagesmüttern und Erziehungsberater:innen wird deutlich, wie Kinder reagieren. Die Fallbeispiele zeigen: Wenn Kinder im Verhalten „auffällig“ werden, ist das oft ein stiller Hilferuf.

Dr. phil. Udo Baer (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, erläutert was Kinder mit Bindungsstörungen brauchen und welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um die Belastungen der Kinder zu lindern oder zu beseitigen. Der oben genannte Hilferuf eines  fünfjährigen Mädchens wurde im Oktober 2022 im Semnos I Pädagogisches Institut Berlin (PIB) veröffentlicht.