Kindheit Treuevertrag - Foto Bessi © PixabayEs gibt sie manchmal, diese Momente, in denen man nach dem Anschauen eines Filmbeitrags beglückt und berührt aufsteht, hoffnungsvoller und zuversichtlicher in die Zukunft schaut als zuvor und die Protagonistin am liebsten in den Arm nehmen würde. Ein solcher Beitrag ist Regisseurin Susanne Brantl in einer Produktion der Reihe Lebenslinien des Bayrischen Rundfunks mit der Biografie »Wie ich 107 wurde« über das Leben der Anna Lang gelungen.

Ein Mutmacher per se, insbesondere für Eltern und mit der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen Befassten. Trotz aller Unbillen, wie einem problematischen Elternhaus unter verrohtem Patriarchat, fehlender Liebe und Wertschätzung, trotz großer wirtschaftlicher Not, der Erfahrung zweier Weltkriege etc. zeigt sich Anna Lang im Alter von 107 als glücklicher, gefühlvoller und äußerst liebenswerter Mensch:

„Man muss es nehmen, wie es ist, es war schon manchmal traurig!“, resümiert Anna. Sie selbst habe es nicht erwartet, einmal so alt zu werden, sei sie doch „durch seelisches Leid viel krank gewesen“. Sie frage sich manchmal rückblickend, „wie es gegangen hat“.

Einblicke in Anna Lang’s Kindheit und Leben

Das Leben der Anna beginnt, wie uns in der Biografie gezeigt wird, unter keinem guten Stern: ihre Mutter, die Magd Maria Wiesmüller, lernt einen jungen Mann (Friseur) kennen und wird schwanger. Dieser Mann, Annas Vater, mag Annas Mutter nicht heiraten. So habe die Mutter sich schnell nach einem anderen Mann umgeschaut. Anna bekommt einen Stiefvater. Und dieser, das schildert sie gefasst und doch immer noch bewegt von den emotionalen Erschütterungen im Damals, lässt sie diesen Umstand alltäglich unbarmherzig spüren.

Von klein auf habe er sie wie eine Dienstmagd behandelt, „wie einen Sklaven“.

Als der Stiefvater 1918 aus dem Krieg heimkommt, beginnt für Anna eine weitere schwere Zeit: er trinkt oft und viel, vertrinkt seinen Lohn. Die Mutter arbeitet unermüdlich, um die Familie finanziell über Wasser zu halten. Wenn Anna etwas Neues zum Anziehen benötigt, habe der Vater geschrien: „Braucht der Hund schon wieder was Neues?“ Das habe sie zutiefst verletzt.

Im Alter von 7 Jahren flüstert ihr eine Nachbarin zu, dass der Stiefvater nicht ihr richtiger Vater sei. Der leibliche Vater wird Anna weiter verheimlicht, die Mutter schweigt hartnäckig. Später erfährt Anna, dass der leibliche Vater nicht weit von ihr entfernt wohnte und sie manchmal beobachtet habe – aber nur heimlich, denn in der neuen Familie des Vaters ist Annas Existenz Tabu.

Der Stiefvater schikaniert sie immerfort. Anna denkt an Selbstmord:

„Wenn man als Kind sterben will, was dann in einem vorgeht … unbeschreiblich.“

So führt Anna tagsüber an Mutter statt gewissenhaft den Haushalt, nachts erledigt sie ihre Hausaufgaben, bekommt jedoch keinerlei Anerkennung. Als sie 10 Jahre alt ist, wird ihr Bruder Anton geboren und es ist für alle in der Familie selbstverständlich, dass Anna die Betreuung und Pflege des Bruders übernimmt.

Der unbewusste Treuevertrag hat einen hohen Preis

Als sie dann eine Lehre als Schneiderin machen will, wird das unmöglich, da der Stiefvater das Lehrgeld vertrunken hat. So muss sie als Arbeiterin in die Weberei und dort für einen Hungerlohn rund um die Uhr schuften, neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Als der Stiefvater in der Weberei vorstellig wird, um mehr Lohn für Anna zu verlangen, da er sie „nicht mehr länger am Fressen halten wolle“, will sie erneut „ins Wasser gehen“. Mehr zufällig wird sie von der Tat abgehalten, nicht zuletzt weil sie an den Bruder und die Mutter denkt, die sie nicht allein lassen will.

Die mit belasteten Kindern und ihrer Geschichte vertrauten Leserinnen und Lesern ahnen schon: Anna gerät alsbald an einen egozentrischen Ehemann und wenig guten Vater für ihre spätere Tochter. 58 Jahre lebt sie neben ihrem Mann Hans, der sich lieber unter Männern als bei seiner Familie aufhält, verbietet sich Freude und Lebendigkeit, denn „das mochte der Hans nicht leiden“. Als der Ehemann stirbt, erinnert sie mit glückseligem Lächeln: „Dann hat das Leben angefangen.“ Ihre Tochter und deren Partner nehmen Anna oft mit auf Reisen. Nie habe sie gedacht, dass das Leben so schön sein könne und dass sie noch Tolles erleben werde. Sie lebt bis zuletzt im eigenen Haushalt, den sie allein versorgt.

von Waltraut Barnowski-Geiser

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