Der Alltag von Familien ist geprägt von zahlreichen Terminen, Verpflichtungen und Bedürfnissen, die gut abgestimmt werden wollen: Arbeit zu Hause und außer Haus, Kinderbetreuung, Schule, Verabredungen und emotionale Begleitung. Auch wenn sich in der Aufteilung von Elternschaft, Hausarbeit und Erwerbsarbeit bereits einiges verändert hat, liegt viel Verantwortung noch immer häufig bei den Müttern – als Dreh- und Angelpunkt des Familienlebens.
Selbstfürsorge ist keine Kür
Diese mentale Last, die oft unbemerkt bleibt, ist riesig. Ich begegne ihr immer wieder in den Familien, die ich beruflich kennenlerne und begleite: chronische Überlastung, zu viele Verpflichtungen und zu wenig Raum für Erholung.
Um die Freude am Familienleben und an den eigenen Kindern nicht zu verlieren, ist Selbstfürsorge kein Luxus und schon gar kein Egoismus, sondern eine dringliche Notwendigkeit. Kein Mensch kann auf Dauer nur geben, ohne selbst Pausen einzulegen.
Erst wenn, wir selbst wieder Luft bekommen, können wir unsere Kinder wirklich begleiten.
Das bekannte Bild aus dem Flugzeug, sich selbst die Sauerstoffmaske zuerst aufzusetzen, erscheint mir besonders für Eltern passend. Denn möchten wir nicht alle unsere Kinder lebensbejahend, achtsam und mit Freude ins Leben begleiten?
Eigene Bedürfnisse ernstnehmen
In einer Zeit voller digitaler Ablenkungen kann es besonders guttun, ab und an innezuhalten und sich selber zu fragen:
- Wohin sollen meine Zeit, meine Kraft und meine Liebe fließen?
- Was darf weniger werden, damit Wesentliches Raum bekommt?
- Was hat mich im vergangenen Jahr gestärkt?
- Was darf ich loslassen?
Bewusste Reduktion statt noch mehr Anstrengung ist oft die Lösung. Nur wenn wir regelmäßig innerlich zur Ruhe kommen, können wir das Gute vom Dringlichen unterscheiden.
Manches ist sinnvoll oder schön, passt aber vielleicht gerade nicht zu diesem Lebensabschnitt.
Hinter dem Gefühl von Erschöpfung stehen häufig zurückgestellte, eigene Bedürfnisse. Sie wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben, ist ein Akt von Selbstverantwortung. Bewusste Zeit für Freundschaften, Gemeinschaft, Hobbys, Bewegung, Natur und einen stimmigen Familienalltag ist keine Nebensache, sondern eine echte Notwendigkeit.
Dabei dürfen wir die kleinen Schritte nicht unterschätzen. Über ein Jahr hinweg können sie viel verändern und neue Stabilität schaffen.
Familienalltag bewusst gestalten
Familienmomente, Rituale und gemeinsame Freude verdienen ebenso einen festen Platz im Kalender wie andere Termine. Indem wir diesen Momenten festen Raum geben, können wir dem Gefühl der Fremdbestimmung entgegenwirken und den Familienalltag nicht nur als Pflichtaufgabe erleben, sondern aktiv und bewusst gestalten.
Regelmäßige Zeit mit den Kindern zu verbringen, ganz im Hier und Jetzt bei ihnen zu sein, fördert nicht nur das Vertrauensband zwischen Eltern und Kindern, sondern entschleunigt auch alle Beteiligten und bringt wohltuende Entspannung.
Besonders der Alltag mit kleinen Kindern ist oft anstrengend und ermüdend. Gerade Mütter berichten mir, wie wohltuend es ist, zwischendurch buchstäblich „von den Füßen zu kommen“.
- Viele kennen das: Man selbst ist noch nicht ausgeschlafen, da blinzeln einen zwei hellwache Augen an, die spielen wollen. Ein kleines Polster im Kinderzimmer lädt dazu ein, sich noch einmal auszustrecken, während das Kind bereits ins Spiel vertieft ist.
- Warum nicht ein Ritual daraus machen? Wenn das Baby schläft, ist auch für uns „Pausenzeit“.
- Gemeinsames Musizieren oder Singen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und wirkt beruhigend. Die Lieblingsmusik hören, wirkt Stress entgegen und bringt ein kleines Glücksgefühl.
- Ein gemeinsamer Spaziergang im Park oder im Wald, fernab von Straßenlärm und Autos, oder eine Radtour – solche Auszeiten helfen, den Alltag zu entschleunigen und Raum für Atempausen zu schaffen.
Zum Schluss
Tragen wir Sorge für uns als Eltern und nehmen wir unsere eigenen Bedürfnisse – auch unseren Kindern zuliebe – ernst. Bleiben wir gut mit uns selbst verbunden, damit wir zugewandt, feinfühlig und präsent in Beziehung mit unseren Kindern sein können.
Ein glückliches Leben ist kein Ziel, das man erreicht, sondern entsteht dort, wo wir bewusst und achtsam leben.
von Miriam Bruderer
Ein Beitrag aus unserer Kolumne:
Menschen(s)kinder
Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In unserer Kolumne gehen die IBT® Therapeutin Miriam Bruderer und die zert. Neufeld-Kursleiterin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?
