Vor einigen Monaten hatte ich das Vergnügen, eine Mama kennenzulernen, deren Sohn sehr sensibel ist. Mit viel Liebe beschrieb sie ihn: seine hohe Kreativität, sein Mitgefühl mit anderen Kindern und die unglaublich tiefgründigen Fragen, die er ihr oft stellte. Sofort dachte ich an ein Orchideenkind, ein Begriff, den Debora MacNamara in ihrem Buch:„Vertrauen, Spielen, Wachsen“ aufgreift. Sie beschreibt darin die unterschiedlichen Bedürfnisse von Orchideen- und Gänseblümchenkinder – auf dem bindungsbasierten Ansatz von Gordon Neufeld.
Das Farbspiel der Blumenkinder
Gänseblümchenkinder scheinen mit mehr Leichtigkeit durch das Leben zu gehen: widerstandsfähiger und unkomplizierter als Orchideenkinder. Doch auch sie brauchen unsere Achtsamkeit und Feingefühl. In unserem betriebsamen Alltag, der zunehmend immer weniger Stabilität und Vorhersehbarkeit beinhaltet, sind Gänseblümchenkinder oft schnell anpassungsfähig sowohl im Familien- als auch im Schulalltag. Sie verarbeiten und meistern die vielen Reize und Veränderungen relativ problemlos.
Im Gegensatz dazu tun sich Orchideenkinder schwerer mit Veränderungen. Sie nehmen Misstöne, Befindlichkeiten oder Zwischentöne im zwischenmenschlichen Miteinander intensiv wahr und reagieren oft sehr intensiv auf äußere Reize. Sie bleiben oft unverstanden. Diese Kinder werden schnell als „übersensibel“ wahrgenommen. Oft besteht auch die fälschliche Annahme, dass Orchideenkinder „abgehärtet“ werden müssten, um im wirklichen Leben bestehen zu können. Doch Orchideen brauchen eine komplett andere Umgebung als Gänseblümchen. Beide haben ihre einzigartige Schönheit, aber ihre Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich.
Es ist ein Orchideenkind!
Die Mama erzählte mir weiter, dass ihr Sohn sich in der Schule ganz anders zeige als zu Hause. Zu Hause war er offen und zugänglich, in der Schule wirkte er hingegen unnahbar. Auffällig war, dass er seit seiner Einschulung oft mit beiden Hosentaschen voller Kieselsteine nach Hause kam. Auf ihre Frage, wofür er diese bräuchte, antwortete er, dass er sie in den Schulpausen zum „Kämpfen“ brauche, um sich besser verteidigen zu können. Als die Mutter sich an die Lehrkräfte wandte, wurde sie leider nicht ernst genommen. Ihr Sohn wurde als zu sensibel betrachtet und sie blieb mit ihren Sorgen allein.
Sensibilität als kulturelle Stärke
Es ist schade, dass Sensibilität in unserer Kultur nicht mehr anerkannt wird. In Japan beispielsweise gilt sie als Stärke, die tief in der Ästhetik, sozialer Harmonie und Resilienz verwurzelt ist. Dort fördert Sensibilität die Rücksichtnahme und Anpassungsfähigkeit, prägt eine feine Wahrnehmung für Kunst und Kreativität und hilft, frühzeitig Gefahren zu erkennen. Der respektvolle und achtsame Umgang im Alltag wird dort als „Erziehung des Herzens“ bezeichnet – ein Gedanke, der mir sehr gefällt.
Unsere Gesellschaft braucht dringend Orchideenkinder. 🙂 Doch oft werden ihre Stärken unterschätzt, ihre feinfühligen Begabungen übersehen, weil zu wenig Raum und Zeit für ihre besonderen Bedürfnisse bleiben. Schnell sind diese Kinder regelrecht überflutet von den vielen Reizen und wechselnden Bezugspersonen. Als Mutter fühlte ich mit dieser Mama, auch ich kenne das Gefühl, unverstanden und allein gelassen zu werden.
Wenn ein hochsensibles Kind unter idealen Bedingungen aufwachsen darf, in Gegenwart von fürsorglichen und zugewandten Erwachsenen, kann seine Entwicklung sogar die der Gänseblümchenkinder überflügeln. Orchideenkinder brauchen ausreichend Zeit und Raum, stabile Bezugspersonen und wohltuende Alltagsrhythmen, um sich richtig entfalten zu können.
Die Weitsicht einer Mutter
Schulisch war dieser kleine Junge sehr gut dabei, und dennoch setzte seine Mama alles daran, ihr Zuhause zu einem sicheren Rückzugsort zu machen. Sie sorgte dafür, dass ihr Sohn die nötige Liebe und Annahme erhielt und so sein durfte, wie er wirklich ist. Sie ermöglichte es ihm ab und an, wenn er das brauchte, einen Tag zu Hause zu bleiben, um im freien Spiel zur Ruhe zu kommen und sich zu erholen. Indem sie diese Grenzen setzte, half sie ihm, sein wahres Potenzial zu entfalten – nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule.
Unsere Kinder: Ein Schatz an bunter Vielfalt
Der rote Faden im Leben muss nicht immer gerade sein. Er darf auch bunt, vielseitig und verschieden sein, genau wie unsere Kinder. Diese Vielfalt macht das Leben reich und lebendig.
Ihre Miriam Bruderer
Lesen Sie auch unsere Rezensionen zum Buch: Orchidee oder Löwenzahn? Warum Menschen so unterschiedlich sind und wie sich alle gut entwickeln können von W. Thomas Boyce
Ein Beitrag aus unserer Kolumne:
Menschen(s)kinder
Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In unserer Kolumne gehen die IBT® Therapeutin Miriam Bruderer und die zert. Neufeld-Kursleiterin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?
