Das charmante und wirkungsstarke Buch erzählt acht entwicklungstypische und herausfordernde Geschichten für Kinder zwischen 3 und 8 Jahren und macht diese gleich im Bereich der „Elterninsel“ für Eltern und andere Bezugspersonen greif- und lösbar. Ziel der Autorin ist, mit ihrem Vorlese- und zugleich Ratgeberbuch das psychische Immunsystem des Kindes (und das der Eltern und anderer Bezugspersonen) zu stärken und greift Themen auf, denen jede Familie mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern einmal begegnet – zum Beispiel dem Grundbedürfnis nach Identität, Wutreaktionen, wenn das Kind sich mal „verirrt“ hat oder auch Hindernissen von außen, bei denen beim Kind tiefe Wunden entstehen können.
Wenn ein Kind zum Beispiel in dieser Welt ankommt bzw. das kleine Boot im Meer des Lebens, sucht es nach Sicherheit und Orientierung. Das findet es in einem sicheren Zuhause – im Hafen des kleinen Bootes. Fühlt es sich einmal nicht gut, braucht es die Aufmerksamkeit und Liebe seines Leuchtturms, der mit seinem Lichtstrahl den Weg zur Besserung ermöglicht, indem er seinen Bedürfnissen gerecht wird.
Wenn das Kind sich auf seine Bindungsperson(en) verlassen kann, kann es sich aufmachen und seine Welt „in kleinen Ausflügen“ erkunden.
Doch manchmal verliert es seinen sicheren Hafen aus dem Blick. Gut, wenn der Leuchtturm ihm dann den Weg zurück ausleuchtet …
Manchmal ist es aber auch so, dass die Mutter oder der Vater als Leuchtturm auf Notbeleuchtung schaltet, zum Beispiel, wenn sie sich vielleicht durch unangemessene Anklage, Vorwürfe oder abenteuerliche Vergleiche in die Defensive gedrängt fühlen. Das passiert, wie in der dritten Geschichte eindrucksvoll beschrieben, wenn Kinder in den „Piratenmodus“ schalten und uns mit gehisster Piratenflagge und Säbelrasseln begegnen. Dann haben wir als Erwachsene die Möglichkeit, uns zu sammeln, unsere Fassung wiederzuerlangen, gegebenenfalls mit einem anderen Erwachsenen zu sprechen, bevor wir unangemessen handeln.
Svenja Taubner hat für jede Geschichte, also für jede kindliche und auch gesamtfamiliäre Herausforderung eine „Elterninsel“ geschaffen, auf der es Wege, Skills und Lösungsvorschläge gibt, die auf dem Mentalisierungskonzept basieren. Mentalisieren ist die Fähigkeit, Empathie (und Mitgefühl) für die Gedanken und Gefühle einer anderen Person und sich selbst zu haben.
Am Ende (des Buches), nach vielen Erfahrungen und wachsender Zuversicht der eigenen Kraft gegenüber, wartet ein ganz besonderer Schatz auf das kleine Boot, nämlich der, dass es entdeckt, nun ein eigenes Licht zu haben, auf das es sich bei seinen Lebensreisen mit seinem starken Gefühl für sich selbst verlassen kann.
Zwischen Sicherheit und Abenteuer
Svenja Taubner nutzte für die Inhalte ihrer Geschichten die Erkenntnisse der Bindungsforschung über die Grundbedürfnisse von Menschen. Bindung und Identität sind solche zentralen Bedürfnisse, um sich letztlich als einzigartige Person entwickeln und erkennen zu können.
Das Geheimnis ihres Buches liegt in der Idee, das „Spiel“ zwischen dem Gefühl der Geborgenheit und der Fähigkeit, die Welt selbst für sich erkunden zu wollen – zwischen dem sicheren Hafen und der manchmal stürmischen See.
Das Buch entstand aus ihren persönlichen Erfahrungen als Mutter, ihrer therapeutischen Arbeit und ihren Erkenntnissen aus der Wissenschaft und verknüpft auf sehr ansprechende und verständliche Weise in den Geschichten die Erlebnisse des Kindes und im psychologisch fundierten Ratgeberteil, der „Elterninsel“, die Möglichkeiten für Erwachsene, damit umzugehen. Ihre Botschaft ist: „Kinder, die viel Geborgenheit mit ihren Eltern und dem sozialen Umfeld erleben und eine gute Vorstellung davon entwickeln, wer sie sind, haben es später in allen Lebenslagen leichter.“
Mentalisierung, Metaphern und Methoden
In den Geschichten steht der Leuchtturm als Metapher für ein Elternteil, der Leuchtstrahl für die Energie, die dem kleinen Boot, dem Kind, durch Mentalisierung Orientierung geben soll. Die metaphorische Bildgebung ist in Kooperation mit dem Mitautor Gerry Byrne entstanden, der bereits in den 80er Jahren sein Leuchtturm-Programm entwickelt hat. Dieses Programm „nutzt Bilder und Metaphern des Leuchtturms, der See, der Seereise und Küsten, um die Kernkonzepte des Mentalisierens, der Bindung und psychoanalytisch-fundierten Entwicklungspsychologie zu illustrieren. Die Metaphern beschreiben typische Bindungserfahrungen und Erfahrungen, die im Verlauf der Entwicklung des Kindes auftreten. Sie erleichtern es Eltern, bestimmte Erfahrungen mit ihren Kindern einordnen zu können. Damit können sie erfahren, dass Konflikte und Krisen ganz typisch für die Kindheit und die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern sind. Es soll Eltern darüber hinaus dabei unterstützen, ihren Leuchtstrahl (die Mentalisierungsfähigkeit) zu stabilisieren bzw. in Krisensituationen wieder herstellen zu können und feinfühlige Antworten auf die kindlichen Probleme zu finden, die starke Emotionen in den Eltern auslösen können, besonders wenn diese wenig sichere und haltende Erfahrungen in ihrer eigenen Kindheit machen konnten“. (Quelle: Gesellschaft für Mentalisierungsbasierte und Integrative Therapie mbH)
Manchmal ist der Leuchtstrahl schwächer, wenn der Erwachsene selbst zum Beispiel im Beruf, in einer Veränderungssituation oder mit dem Partner Stress hat und seine Strahlkraft überschattet wird. Der Elternratgeber zeigt nach jeder Geschichte nicht nur Wege im Umgang mit dem geschilderten Problem, sondern auch solche, die Eltern während einer eigenen Leuchtschwäche wieder Kraft geben.
Das Konzept, nach dem Svenja Taubner arbeitet, ist das des Mentalisierens, das auf den Erkenntnissen der Bindungstheorie, der „Theory of Mind“ sowie der Entwicklungspsychologie und Säuglingsforschung basiert. Es bildet die Basis für stabile Beziehungen, Impulskontrolle und soziale Intelligenz. Svenja Taubner beschreibt auch Unterschiede zwischen dem Mentalisieren und Empathie und Einfühlungsvermögen so: Letztere sind Fähigkeiten, die Gefühle anderer zu erkennen, während das Mentalisieren als psychologisches Konzept über das Erfühlen hinausgeht.
Ein kleiner Einschub über die Begrifflichkeiten soll ein wenig Klarheit verschaffen:
Auf den Punkt gebracht: Empathie, Mitgefühl, Mentalisierung
„Empathie heißt: Ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt.“ [1] „Sie ist eine Art sozialer Klebstoff, der uns dabei hilft, innerhalb von Sekunden zu erkennen, wie es der anderen Person geht. Das ist wichtig, um schnell handlungsbereit zu sein. Leider birgt die Empathie aber auch die Gefahr, dass die Unterscheidung zwischen eigener und fremder Emotion nicht mehr gelingt. Ist das der Fall, kommt es zu empathischem Stress, der auf lange Sicht zum Burnout führen kann.“ [2]
„Mitgefühl bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn.“ [1] „Mitgefühl ist (im Gegensatz zur Empathie) sehr viel resistenter und deshalb nachhaltiger. Es entspringt dem Care-System und ist damit altruistisch. Aus Mitgefühl kann man nicht ausbrennen. Gerade deshalb ist es so wichtig, von einer gesunden empathischen Reaktion ins Mitgefühl zu gehen. So können wir uns von anderen abgrenzen und über Zuneigung und Fürsorge etwas für uns selbst und unser Gegenüber tun. Das ist vor allem für Menschen in sozialen Berufen wichtig, die täglich mit dem Leid anderer konfrontiert sind. Durch die Schulung von Mitgefühl fördern wir ihr soziales Verhalten, können aber verhindern, dass sie in empathischen Stress geraten, der ihnen selbst langfristig schadet.“ [2]
Mentalisierung ist ein psychologisches Konzept, das die kognitive Fähigkeit, das eigene Verhalten und das Handeln anderer durch bewusste gedankliche Prozesse (Wünsche, Motive) zu erklären versucht. [3] Sie ist eine kognitive und emotionale Leistung, die sich bewusst macht, was in einem selbst und in anderen vorgeht, um dieses Wissen zur Erklärung von Verhalten zu nutzen. Nach einem der Begründer dieser Theorie, Peter Fonagy, kann diese Fähigkeit bereits in den Monaten nach der Geburt entwickelt und erworben werden. Auf der Basis einer sicheren Bindungsbeziehung entwickelt sich schließlich ein sozialer Austausch, der nach entwicklungstypischen Erfahrungen die grundlegenden Fähigkeiten des Mentalisierens bereits ab dem vierten Lebensjahr zeigt. [4]
Fazit
Das neue Buch von Svenja Taubner bietet in einer Zeit, in der Bindungen nicht mehr den Stellenwert haben, der dem natürlichen Menschsein entspricht, eine Insel der Hoffnung. Es zeigt, wie wir in einer Welt voller Möglichkeiten, Herausforderungen, aber auch Versuchungen, die uns mehr in Abschnitten als „im Ganzen“ leben lassen, wie Individualität im Spiegel und im Zusammen von Gemeinschaft gehen kann. Es kann jungen Eltern ein „Leuchtturm“ für ein Bewusstsein sein, dass jede Art von Bindung, aber besonders die zum eigenen Kind, ohne Netz und Versicherung und nur aus Liebe die Verantwortung für Zuwendung, Verständnis, Nachsicht, Rücksicht und vieles mehr ist.
von Beate-M. Dapper
weitere Informationen
Über die Buchautorin: Prof. Dr. Svenja Taubner
Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und Professorin für Psychosoziale Prävention und Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg
Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen zum emotionalen Erleben von Kindern, Jugendlichen und Familien. Als ausgewiesene Expertin für psychische Gesundheit entwickelt sie evidenzbasierte Präventions- und Interventionsprogramme, die international Anerkennung finden, darunter – gemeinsam mit Gerry Byrne – das Leuchtturm-Programm, ein innovatives Eltern-Kind-Training, das Familien dabei unterstützt, emotional herausfordernde Situationen sicher zu bewältigen. Svenja Taubner lebt und arbeitet in Heidelberg. Anstelle von Patentrezepten vermittelt sie mit Leidenschaft psychologische Fähigkeiten, in einer Form, die Familien unmittelbar erreicht und stärkt.
Leseprobe: Das kleine Boot und sein Leuchtturm
Über den Buchautor: Gerry Byrne
Beratender Psychoanalytiker für Kinder und Jugendliche sowie Psychotherapeut für Erwachsene.
Er ist zertifizierter Praktiker, Supervisor und Ausbilder für mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) für Erwachsene, Jugendliche, Eltern und Familien am Anna Freud Centre in London. Er war Leiter der Abteilung für Bindungs- und Perinataldienste in einem NHS Trust und arbeitet seit über 33 Jahren mit Familien, in denen schwerer Kindesmissbrauch stattgefunden hat. Er gründete in den 1980er-Jahren das Leuchtturm-Programm, um eine einfühlsame, sensible Erziehung zu fördern und Kindesmisshandlung in Risikofamilien zu verhindern.

