2026-02 Demokratie braucht Erziehung

Herbert Renz-Polster u. Ulrich Renz
Demokratie braucht Erziehung
Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt
Kösel-Verlag, München
ISBN: 978-3-466-31246-7
176 Seiten
15,00 Euro

Herbert Renz-Polster: „Ist es nicht die Kindheit, in der jeder Mensch auch die ersten Erfahrungen macht, was Regiertwerden bedeutet?“

Die vier „Kleeblattfragen“ kindlicher Entwicklung

Renz-Polster beschreibt die Bindungsbedürfnisse des jungen Kindes in Form von vier zentralen Entwicklungsfragen, von ihm auch „Kleeblattfragen“ genannt, die es seinen wichtigen Bezugspersonen stellt. Es sind dies die Fragen nach Sicherheit, Wertschätzung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Er stellt hierzu fest:

„Die Entwicklungspsychologie ist sich absolut einig, dass Kinder ihre grundlegenden Persönlichkeitskompetenzen – ihr Selbstvertrauen, ihre Selbstkontrolle, ihre Empathie, ihre soziale Kompetenz, ihre emotionale Reife, ihre Resilienz, ihre Kreativität – am besten entfalten, wenn sie diese grundlegenden Entwicklungsfragen ausreichend gut beantwortet bekommen.“

Drei Beziehungssprachen – und ihre gesellschaftlichen Folgen

Bindungsangebote würden Kindern im Wesentlichen in drei „Beziehungssprachen“ vermittelt:

In der eher bindungsfeindlichen autoritären Beziehungssprache gelte das Kind von Natur aus als unkooperativ, undiszipliniert und selbstsüchtig.

In der bindungsorientierten fürsorglich-mitfühlenden Beziehungssprache erscheine das Kind als von Natur aus gutwillig und lernbereit, die Erwachsenen ließen sich deshalb gern auf eine tiefere Beziehung zu ihm ein.

In der pädagogischen Beziehungssprache stünden hingegen die Funktionen im Mittelpunkt, die das Kind in der jeweiligen Gesellschaft einmal ausüben solle, „die Kindheit als nicht enden wollender Förderkurs, die Exzellenz des Wirtschaftsstandortes immer vor Augen“. Es werde oft unterschätzt, wie schwer Kinder in ihrer Entwicklung leiden können, wenn sie überwiegend diese Sprache hören.

Renz-Polster fokussiert seine Analysen auf die USA und Deutschland, er hat in beiden Ländern gelebt und wissenschaftlich gearbeitet. Nach seiner Einschätzung handelt es sich aber letztlich um drei grundsätzlich verschiedene Gesellschaften, da er in den westlichen und östlichen Bundesländern Deutschlands fundamentale Unterschiede feststellt.

In den USA herrschten, weit mehr als in vielen europäischen Ländern, autoritäre Erziehungsstile vor. Ferner fänden dort die Eltern aufgrund unterentwickelter sozialer Sicherungssysteme kaum die Möglichkeit angemessener zeitlicher Zuwendung zu ihren Kindern, so dass umfangreiche außerfamiliäre Betreuung bereits im Alter weniger Monate den Regelfall darstelle.

Wegetrennungen in Ost und West

Als entscheidende Wegetrennungen in Deutschland sieht er einerseits

die frühe und umfassende Eltern-Kind-Trennung in der DDR, v. a. in Tages- und Wochenkrippen,

sowie die „Erziehungswende“ ab den 60er und 70er Jahren hin zu einer fürsorglich-mitfühlenden Beziehungssprache, die kaum irgendwo intensiver gewesen sei als in der damaligen BRD. Hierzu trug in Westdeutschland auch eine heute „fast schon radikal anmutende pädagogische Zurückhaltung“ bei:

Schule nur bis zum Mittag, komplette Schulbefreiung des Wochenendes, Kindergarten freiwillig ab 3 Jahren, Kinderkrippen gab es kaum.

Im Gegensatz hierzu fanden sich im Osten

frühe Ganztagskita und Ganztagsschule, Samstage eingeschlossen, oft noch ergänzt durch Aktivitäten der Partei-Nachwuchsorganisationen.

Hier dominierte völlig die besagte pädagogische Beziehungssprache, die vielfach das Kleeblatt der zentralen kindlichen Entwicklungsfragen zum Welken gebracht habe. Auf diese östlichen Kindheiten „und auf den langen blauen Schatten, den sie bis heute über unser Gemeinwesen werfen“, geht Renz-Polster ausführlich ein.

Frühe Fremdbetreuung, Stress und Autoritarismus

Nicht nur nämlich die autoritäre Beziehungssprache, sondern auch die pädagogische Beziehungssprache könne Kinder erheblichen Stressbelastungen aussetzen. Und dies gilt ganz besonders für die ersten drei Lebensjahre. Der Autor weist darauf hin, dass u. a. die Autoritarismusforschung aufgedeckt hat,

„dass Kinder, deren Entwicklung von Situationen geprägt ist, die ihre Möglichkeiten zur Stressbewältigung übersteigen, ihr Leben lang dazu neigen, auf Verunsicherungen oder Bedrohungen mit übersteigerter Wachsamkeit, Ängstlichkeit und Feindseligkeit zu reagieren.“ Jungen seien dabei noch stärker betroffen als Mädchen.

Zu ergänzen ist hier, dass internationale neurobiologische Studien bestätigen konnten, dass insbesondere die Pädagogik früher und umfangreicher außerfamiliärer Gruppenbetreuung in den ersten drei Lebensjahren bei vielen Kindern chronische, toxische Stressbelastungen auslöst.

Bindungsorientierung als demokratische Prävention

„Dort, wo früher die DDR-Flagge wehte, wählen heute, gut eine Menschengeneration nach der Wiedervereinigung, 34,6 Prozent eine rechtspopulistische, in Teilen antidemokratische, rechtsradikale Partei“ stellt Renz-Polster mit Blick auf die letzte Bundestagswahl fest. Für die Bundesländer der alten BRD gelte indes: „Unter dem Strich hat Westdeutschland eine stabile demokratische Mitte, um die es die aufgeklärte Welt beneidet.“

Es wäre dringend notwendig, seine gut lesbaren, stichhaltigen und verdienstvollen Analysen, ebenso wie die von Claus Koch in seinem Buch „Schutzfaktor Bindung – Wie eine bindungsfreundliche Erziehung vor Fremdenhass und Rechtsextremismus schützt“ den gängigen soziologischen, ökonomischen und politischen Interpretationsmustern zur Seite zu stellen, und präventive zukunftsorientierte Ansätze hieraus abzuleiten.

von Rainer Böhm

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Über den Buchautor: Dr. Herbert Renz Polster

Jahrgang 1960, verheiratet und Vater von vier Kindern. Medizinstudium in Gießen, München und Tübingen, Facharztausbildung als Kinderarzt und Forschungstätigkeit in den USA, Forschungspreis für Arbeiten im Bereich der Epidemiologie allergischer Erkrankungen. Seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Institut für Public Health (MIPH) der Universität Heidelberg mit Forschungsschwerpunkt Gesundheitsförderung im Kindesalter. Autor mehrerer Sachbücher und Elternratgeber zum Thema kindliche Entwicklung und Gesundheit – www.kinder-verstehen.de