Vor kurzem erfreute ich mich daran, wie toll ein kleines Mädchen schon durch den Hof lief und ihre Welt zu entdecken versuchte. Ich sagte der Mutter, wie wunderbar ich es finde, dass ihre Tochter laufen könne und mutig immer wieder aufs Neue losgehe. Sie freute sich auch, entgegnete mir dann aber in einem entschuldigenden Tonfall: „Sie ist aber ein Spätzünder. Sie läuft ja jetzt erst, mit 16 Monaten …“
Viele Eltern haben ein schlechtes Gewissen, weil ihre Kinder nicht den vorgegebenen Zeiten entsprechen, wann sie angeblich eine Fertigkeit erworben haben müssen. Diesen Druck können sie sich ersparen. Mit 16 Monaten können rund 90 % der Kinder laufen. Ja und? Sind die anderen 10 % deshalb schlechtere Kinder? Oder deren Eltern schlechtere Eltern? Nein, sind sie nicht.
Monatsangaben für Entwicklungsschritte sind ungefähre Orientierungen mit viel Spielraum nach vorn und nach hinten. Mehr nicht.
Kinder bestimmen, wann sie auf Töpfchen gehen, wann sie sprechen, wann sie laufen.
Jedes schlechte Gewissen in dieser Hinsicht ist unnötig, jeder Druck auf das Kind oder sich selbst ist fatal. Streichen Sie das Wort „Spätzünder“! Ein afrikanisches Sprichwort sagt:
Ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
von Udo Baer
Erstveröffentlichung: „Spätzünder?“ Semnos I Pädagogisches Institut Berlin (PIB), 28.09.2018
Sind Eltern zufrieden und glücklich entwickeln sich ihre Kinder zu kleinen Persönlichkeiten mit einer großen Portion gesundem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Doch was brauchen Familien, damit Spannungen und Konflikte gar nicht erst aufkommen und wie gestalten sie ihre Beziehung und erhalten sie aufrecht? Was wäre nötig, damit Väter selbstbewusst die Vaterrolle annehmen, die Verteilung der Familienarbeit gerecht aufgeteilt ist und die Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Kindererziehung nicht ständig Thema sind. Kann Familie gelingen, wenn geschlechtsspezifisches Denken, Wahrnehmen und Verhalten im täglichen Miteinander berücksichtigt wird – und welche konkrete Unterstützung können Familien von der Gesellschaft erwarten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?
