Zwischen zwei Welten - Foto iStock © M-ProductionMein Alltag spielt sich oft zwischen zwei Welten ab. Auf der einen Seite mein Beruf, auf der anderen Seite meine Familie. Beides ist mir wichtig, beides verlangt Verantwortung, Aufmerksamkeit und Präsenz. Und manchmal fühlt es sich an, als würde ich ständig versuchen, zwischen diesen beiden Welten hin- und herzupendeln, wie auf einem schmalen Drahtseil.

Der Tag beginnt meist früh. Noch bevor ich selbst richtig wach bin, läuft der Morgen schon: Frühstück vorbereiten, Brotdosen packen, daran denken, was heute alles ansteht. Nebenbei versuche ich, meinen Kindern einen guten Start in den Tag zu geben – ein paar ruhige Minuten am Tisch, ein freundliches Nicken, ein kurzer Austausch darüber, was heute in der Schule passiert oder worauf man sich freut. Gleichzeitig ist mein Kopf oft schon bei der Arbeit: Termine, Gespräche, Aufgaben, die erledigt werden müssen.

Mit einem Bein im anderen Leben

Wenn ich dann das Haus verlasse, begleitet mich oft dieses Gefühl, dass zwei wichtige Teile meines Lebens gleichzeitig meine Aufmerksamkeit brauchen. Als Mutter möchte ich präsent sein, zuhören, Zeit haben, Krisen zu überwinden und Glücksmomente zu teilen. Im Beruf möchte ich zuverlässig sein, konzentriert arbeiten und meinen Aufgaben gerecht werden. Doch der Tag hat nur eine begrenzte Anzahl von Stunden, und manchmal entsteht dieses Gefühl, zwischen beiden Rollen zu stehen und doch keiner ganz gerecht zu werden.

Es gibt Momente, in denen ich auf der Arbeit bin und mich frage, ob zu Hause alles gut läuft. Ob der Schultag gelungen ist, ob mein Kind vielleicht gerade etwas erlebt, das ich gern hören würde. Und es gibt Momente zu Hause, in denen ich merke, dass meine Gedanken noch bei der Arbeit sind. Bei einem Gespräch, das mich beschäftigt, oder bei Aufgaben, die noch erledigt werden müssen. Dieses Hin- und Her gehört zum Alltag vieler berufstätiger Eltern und es zerrt oftmals an den Kräften.

Als Alleinerziehende spüre ich es noch intensiver, weil es keinen zweiten Erwachsenen gibt, der Dinge auffängt oder Verantwortung mitträgt. Entscheidungen, Organisation, Sorgen und Verantwortung liegen oft allein bei mir. Das erfordert viel Kraft, Struktur und Durchhaltevermögen. Einfach einmal die Seele baumeln lassen – das fällt mir schwer.

Manchmal denke ich auch darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn ich meine beiden Kinder schon als Alleinerziehende hätte großziehen müssen, als sie noch ganz klein waren.

Ich erinnere mich daran, wie sie morgens nach dem Aufstehen gern erst einmal gespielt haben. Wie viel Geduld hätte ich aufbringen müssen, wie viele kreative Lösungen finden müssen, um sie trotzdem rechtzeitig in die Kita zu bringen – noch vor dem Morgenkreis. Und wie viel Druck hätte ich gespürt, sie mittags pünktlich wieder abzuholen? Oder wie hätte ich es überhaupt ausgehalten, den ganzen Tag ohne sie zu sein, während sie noch so klein waren?

Kinder schaffen Kompetenz – auch im Beruf 

Doch gleichzeitig habe ich gelernt, dass Familie und Beruf nicht nur Gegensätze sind. Meine Kinder erinnern mich jeden Tag daran, was wirklich zählt:

Einfühlungsvermögen, Zeit für unbeschränktes Zuhören, füreinander da sein und die kleinen Momente wie ein liebevoller Blick, ein „Danke Mama“.

Diese Erfahrungen nehme ich auch mit in meinen beruflichen Alltag. Und umgekehrt gibt mir meine Arbeit Struktur, Sinn und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und etwas zu bewirken.

Es gibt Tage, an denen dieser Spagat gut gelingt und sich alles erstaunlich stimmig anfühlt. Und es gibt Tage, an denen ich spüre, wie groß die Herausforderung sein kann, beiden Welten gerecht zu werden. Gerade dann merke ich, wie stark dieses Gefühl sein kann, immer ein bisschen zwischen den Rollen zu stehen. Mit dem Wunsch, überall gleichzeitig genug zu sein.

Vielleicht geht es am Ende aber gar nicht darum, alles perfekt zu schaffen. Vielleicht geht es darum, jeden Tag wieder neu zu versuchen, beiden Welten Raum zu geben – der Familie, die mein Herz ist, und der Arbeit, die ein wichtiger Teil meines Lebens und meiner Verantwortung ist.

Und vielleicht sehen meine Kinder irgendwann vor allem eines: dass ich mich bemüht habe, für sie da zu sein, während ich gleichzeitig gelernt habe, zwischen den Welten zu balancieren und meinen eigenen Weg im Leben zu gehen.

von Liane Heller*

* Anmerkung der Redaktion: Der Name wurde geändert.

Aus der Wissenschaft

Psychologie: Studie zeigt Grenzen des Multitasking, Pressemitteilung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Nummer 020/2026 vom 11. März 2026

Ein Beitrag aus unserer Praxis-Rubrik:

FamilieLeben – besser verstehen


Sind Eltern zufrieden und glücklich entwickeln sich ihre Kinder zu kleinen Persönlichkeiten mit einer großen Portion gesundem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Doch was brauchen Familien, damit Spannungen und Konflikte gar nicht erst aufkommen und wie gestalten sie ihre Beziehung und erhalten sie aufrecht? Was wäre nötig, damit Väter selbstbewusst die Vaterrolle annehmen, die Verteilung der Familienarbeit gerecht aufgeteilt ist und die Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Kindererziehung nicht ständig Thema sind. Kann Familie gelingen, wenn geschlechtsspezifisches Denken, Wahrnehmen und Verhalten im täglichen Miteinander berücksichtigt wird – und welche konkrete Unterstützung können Familien von der Gesellschaft erwarten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?