2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind

Jessica Joelle Alexander & Iben Dissing Sandahl
Warum dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind
Die Erziehungsgeheimnisse des glücklichsten Volks der Welt
Goldmann Verlag
ISBN: 978-3-442-17705-9
224 Seiten
12,00 Euro

Seit 1973 wird Dänemark von der OECD fast jedes Jahr zu einem der Länder mit den glücklichsten Menschen gewählt. Auch im World Happiness Report liegt das Land seit vielen Jahren unter den ersten Plätzen. Deutschland hat es immerhin von Platz 22 im Jahr 2025 auf Platz 17 im Jahr 2026 unter rund 150 Ländern geschafft. Doch was genau macht die Dänen so glücklich? Und wie kam es zu diesem wunderbaren Buch, das die Türen zu weiteren Büchern, Vorträgen und Workshops geöffnet hat? Jessica Joelle Alexander sagt von sich selbst in ihrem Vorwort: „Wissen Sie, ich wurde nicht mit all den fürsorglichen mütterlichen Fähigkeiten und Instinkten geboren, mit denen angeblich alle Frauen ausgestattet sind. (… Doch) ironischerweise hat gerade mein Mangel an angeborenen mütterlichen Fähigkeiten überhaupt erst mein Interesse am dänischen Erziehungsstil geweckt. (…) Zum Glück war ich mit einem Dänen verheiratet.“

Schauen wir erst einmal auf andere Länder: Da stiegen bereits vor knapp 20 Jahren die psychischen Erkrankungen bei Kindern um 400 % an, da nahmen Millionen von Kindern Ritalin wegen Aufmerksamkeitsdefizitstörungen und da kämpfen Gesellschaften mit pharmazeutischer Hilfe gegen Übergewicht, Konzentrationsschwierigkeiten und vieles mehr. Da stehen die Kinder aber auch unter hohem Druck! Sie haben „fördernde und wertvolle“ Hobbys, jede (Nach-)Hilfe, die Erwachsene für ihre Kinder bekommen können, viele Konkurrenten und das alles vom ersten Lebensjahr an. Immerhin „gehen“ bereits fast 40 % ab diesem Alter in die Krippe und 98 % in die Kita. Es scheint klar zu sein, dass all diese Strömungen möglicherweise Erfolg bringen, aber machen sie auch glücklich?

In Dänemark ist seit 1993 das Schulfach Empathie Pflicht, und zwar für alle Kinder zwischen 6 und 16 Jahren. Eine Stunde pro Woche, in der sie über ihre Probleme reden, wirklich zuhören und vor allem durch Zuwendung und Verstehen Lösungen finden – alle gemeinsam. Und wenn es keine Probleme gibt, genießen sie einfach Hygge. Das ist das Wort für absichtlich geschaffene Nähe in einer einladenden, intimen Umgebung. Das entspricht dem K im Wort Glück. Da wären nämlich das G für Gutes Spiel, das L für Lernorientierung, das U für Umdeuten, das E für Empathie, das C für Coolbleiben und eben das K für Kuscheln (im Sinne von Hygge).

Manchmal vergessen wir, dass „erziehen“ genau wie „lieben“ ein Tunwort (Verb) ist.

Gutes Spiel

2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind 1Wie oft höre ich in Deutschland, dass die Kinder aus der Öffentlichkeit auf seltsame Weise verschwunden sind. Ja, denn sie „spielen“ wahrscheinlich irgendwo unter der Kontrolle von Erwachsenen Fußball, Geige, Schwimmen, Tanzen und was es sonst noch so an Freizeitangeboten für Kinder gibt. In Dänemark wird Kindern so viel Raum wie möglich gelassen, mit Freunden loszuziehen und „in Echt“ zu spielen – ganz ohne Beobachtung, ganz ohne Zeit und vor allem ganz ohne Druck. Die Autorinnen betonen: „In Dänemark versuchen Eltern, sich nicht einzumischen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Sie vertrauen darauf, dass ihre Kinder in der Lage sind, neue Dinge auszuprobieren, und geben ihnen Raum, um zu lernen, sich selbst zu vertrauen. Sie geben ihnen ein Gerüst für ihre Entwicklung und helfen ihnen, ihr Selbstwertgefühl aufzubauen, was sehr wichtig für das ‚ganze Kind‘ ist.“

Lernorientierung

2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind 2Bei diesem Wort beginnt doch jedes nicht-dänische Herz zu schwingen, denn endlich dürfen wir uns mit unseren wohlüberdachten Listen mit Möglichkeiten, was es alles so zu lernen gäbe, vor unser Kind setzen und es damit vollstopfen, um es vielleicht vor die Wahl zu stellen, dass es sich nun zwei der fünfzehn Vorschläge aussuchen dürfe – ganz frei natürlich. – „Für die Dänen beginnt Authentizität mit dem Verständnis der eigenen Emotionen. Wenn wir unsere Kinder lehren, ihre wahren Gefühle, ob positiv oder negativ, zu akzeptieren und im Einklang mit ihren Werten zu handeln, werden sie von den Herausforderungen und den schwierigen Phasen in ihrem Leben nicht zu Fall gebracht.“ – Eine lernorientierte Haltung ist nicht, wenn Sie sagen „Wow, du musst intelligent sein, wenn du diese Aufgabe lösen kannst“, sondern einen freien, nicht fixierendenden Satz wie „Du musst hart gearbeitet haben, um diese Aufgabe zu lösen“ wählen.

Kinder mit der fixierten Haltung verlieren das Selbstvertrauen und den Spaß, sobald sie bei der Problemlösung auf Schwierigkeiten stoßen.

Umdeutung

2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind 3Die Autorinnen haben in ihrem einzigartigen Stil, Dinge (be)greifbar zu machen, mit Metaphern und Beispielen gespickt. So auch im Fall „Umdeuten“ oder Perspektivwechsel: „Fragen Sie einen Dänen, was er vom Wetter hält, wenn es draußen kalt, grau und regnerisch ist, und er wird ganz ernsthaft antworten: ‚Wie angenehm, dass ich hier drinnen im Büro sitze.‘ oder ‚Gut, dass ich jetzt keinen Urlaub habe.‘“ – Dieser „realistische Optimismus“ wird Kindern in Dänemark von Anfang an beigebracht. Totschlagsätze wie „Ich kann das nicht“, „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich mag das nicht“. – Dänen verwenden eine nicht derart einschränkende Sprache, sondern geben ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Gefühle in eigene Worte zu fassen – mit den Vorbildern aus der Erwachsenenwelt natürlich. Wie das genau geht, lesen Sie am besten direkt von den Autorinnen in deren Buch.

Empathie

2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind 4Mit der Industrialisierung begann die vor allem westliche Welt in großem Stil ihr Wesen zu verändern, und zwar in eine egoistische, aggressive und auf Konkurrenz basierende Grundschwingung einzustimmen. „Das Problem“, so die Autorinnen, „bei ständigem Verurteilen und Streben nach Überlegenheit ist, dass wir uns unbehaglich und ängstlich fühlen, wenn sich unsere eigenen Gefühle der Verletzlichkeit und Unsicherheit bemerkbar machen. Und was tun die meisten Menschen, wenn sie Unbehagen oder Angst verspüren? Sie betäuben diese Gefühle mit Essen, Fernsehen, Einkaufen, Medikamenten, Drogen oder Alkohol.“

Was wäre, wenn wir versuchen würden, uns mehr mit anderen Menschen zu verbinden?

Die Antwort der Dänen auf dieses Problem ist (wie oben schon angesprochen) unter anderem wöchentliches Empathietraining in Schulen für alle zwischen 6 und 16. – „Ein (…) Beispiel für Empathietraining an dänischen Schulen ist das Konzept, Kinder mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen in einer Klasse zu mischen. Schüler mit besseren schulischen Leistungen werden zusammen mit schwächeren Schülern unterrichtet, schüchtere mit geselligeren Kindern und so weiter. Dabei wird sehr subtil vorgegangen. Die Lehrer lernen die Schüler im Laufe der Zeit kennen und setzen sie dann entsprechend nebeneinander. Dabei sollen die Schüler lernen, dass jeder positive Eigenschaften hat, und einander helfen, die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen. Das Mathematikgenie ist vielleicht ein schlechter Fußballspieler und umgekehrt. Dieses System fördert Kooperation, Teamarbeit und Respekt.“

Coolbleiben

2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind 5Nun sind auch dänische Kinder natürlich ganz normale Kinder mit Wutanfällen und Machtkämpfen. Wie gehen denn dänische Eltern damit um? „Die meisten Dänen halten es für extrem befremdlich, ja fast undenkbar, Schlagen zum Disziplinieren von Kindern einzusetzen. (… Sie) stellen Regeln und Richtlinien für ihre Kinder auf und erwarten von ihnen, dass sie sie einhalten. Aber sie gehen sehr auf die Kinder ein, wenn diese Fragen zu Regeln stellen.“ Ruhig zu bleiben und das Thema freundlich, aber bestimmt auszudiskutieren – natürlich auch mithilfe des Umdenkens (s. o.) – und die Kontrolle über die Situation behalten, sind Mittel dänischer Eltern. Sie wollen, dass Kinder respektvoll sind, und müssen ihnen natürlich auch dementsprechend respektvoll begegnen, denken sie. Die im Buch beschriebenen Methoden, sich z. B. den Spiegel vorzuhalten, zu entspannen und das große Ganze im Blick zu behalten sowie Auswege anzubieten, sind zweifellos anregend für die eigene Erziehungsvorstellung.

Für die Dänen sind Kinder von Natur aus gut.

Kuscheliges Zusammensein (hygge)

2026-07 Warum Dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind 6„Das Konzept des gemütlichen Zusammenseins hat viele Implikationen, aber im Wesentlichen bedeutet es, sich selbst zugunsten des Ganzen zurückzunehmen.“ – Zweifellos ist dieser Punkt in unserer Gesellschaft ein heikler. Jetzt haben sie uns jahrzehntelang gelehrt, das „Self“ in den Vordergrund zu stellen, und jetzt kommen die Dänen mit ihrem funktionierenden Erziehungskonzept und leben das „Wir“? Die eigenen Wünsche hintanstellen, um das Zusammensein friedlicher und angenehmer zu gestalten und zu erleben? „Wie viele würden den Erfolg unserer Kinder nicht daran messen, wie gut sie gespielt haben, sondern daran, wie gut sie andere Kinder bei Spiel unterstützt haben? – Doch genau dieser Team- und Kooperationsgeist der Dänen ist es, der sie erfolgreich macht, denn soziale Bindungen sind gesund, schaffen ein gutes Immunsystem und eine sehr natürliche Resilienz sowie das Gefühl: Und was ich nicht allein schaffe, schaffen wir zusammen!

Nur an sich selbst zu denken, ist nicht hyggeligt.

Fazit

Mein Fazit als Rezensentin dieses wundervollen Buches ist eher ein Wunsch. Das C und das L in Glück können wir als Eltern ja irgendwie noch familiär bewerkstelligen, aber zu allem anderen brauchen wir alle oder zumindest viele, die „mitmachen“. Und da ich einige Mütter und Väter kenne, deren Kinder mangels anderer Kinder, die sich ihrerseits gut bewacht im „Förderkreis“ hiesiger Vorstellungen befinden, gar nicht erst z. B. zum „Guten Spiel“ oder zum „kuscheligen Zusammensein“ kommen, wäre eine gesellschaftliche Neuorientierung vonnöten, die ein „Zusammen“ als Basis definiert.

von Beate M. Dapper

Über die Buchautorin: Jessica Joelle Alexander

Autorin und amerikanische Kolumnistin. Sie hat einen Bachelor of Science in Psychologie und schreibt unter anderem für New York Times, Vanity Fair, The Huffington Post und The Copenhagen Post

Sie ist seit mehr als 17 Jahren (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des vorliegenden Buches) mit einem Dänen verheiratet, mit dem sie zwei gemeinsame Kinder hat.

Über den Buchautor: Iben Dissing Sandahl

Coach, Autorin, Psychotherapeutin und Familienberaterin mit eigener Praxis in der Nähe von Kopenhagen

In ihrer Arbeit spezialisierte sie sich auf Familien und Kinder. Sie arbeitete zehn Jahre lang als Lehrerin in Dänemark, bevor sie narrative Psychotherapie studierte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Dänemark.