So weit ist es also schon gekommen: Unter Pseudonym muss man einen solchen Artikel heute verfassen, zumindest wenn man ihn bei einem renommierten Medium wie Zeit-online veröffentlicht. Der aufrüttelnde Beitrag „So eine bist du?“ von Anne Altenbokum (Pseudonym) handelt von „Kinderbetreuung“. Aber diesmal eben nicht so, wie man es von den Mainstream-Medien gewöhnt ist – Kind in der Krippe? Alles klar, wunderbar! -, sondern mit äußerst kritischer Haltung zu früher Fremdbetreuung.

Frühe Trennung und die Angst

Die Autorin beschreibt sozusagen ihre eigene Leidensgeschichte: Zunächst beugt sie sich dem gesellschaftlichen Druck, glaubt, der tatsächlich ergatterte Kitaplatz um die Ecke für ihr einjähriges Kind sei ein „Luxus“ und wie ein „Sechser im Lotto“, stellt aber schnell fest, dass ihrem Kind dieser angebliche Luxus überhaupt nicht schmeckt und der Mutter auch nicht.

Schon die Eingewöhnungsphase geht in die Hose, das Kind schreit und will sich nicht beruhigen. Die Erzieherinnen ermahnen die Mutter, ihnen das Kind doch bitte einfach schreiend zu überlassen, damit sie es beruhigen können. Dann gewöhne es sich schnell in der Kita ein und obendrein an die Erzieherinnen. Nebenbei wurde seitens der Kita gemäkelt, mit einem Jahr sei das Kind eigentlich schon „zu spät dran“, es sei „zu alt“ und daher die „Schuld“ der Mutter, die es so spät in die Kita gebracht habe, so dass es die „Mama-Abgewöhnung so leicht nicht mehr mitmachen kann“.

Es kommt zum Streit, die Autorin ist aber klug und selbstbewusst genug, nicht auch noch ihren eigenen Kopf in der Kita abzugeben und fragt stattdessen halb frustriert, halb empört: „Was soll das heißen? Dass ich mein Baby so früh abgebe, dass es sich nicht wehren kann?“ Nach wenigen Tagen gibt sie den Kita-Platz wieder auf. Was folgt, ist eine schonungslose Abrechnung mit einem System, das Mütter schnellstmöglich an den Arbeitsplatz schicken und Kinder rigoros in Krippe und Kita schicken will. Nebenbei: Die schmerzhafte und zu frühe Trennung von Mutterkuh und Kälbchen oder Hundemama und Welpen ist mittlerweile bei Tierschützern ein Mega-Thema – die frühe Trennung von Menschenmutter und Menschenkind wird dagegen weiterhin als notwendig und normal verkauft.

Stress nicht nur für Kleinstkinder

Wie die Normalität in einer Berliner Kita ausschaut, schildert die Autorin so: da liegen kranke Kinder mit 40 Grad Fieber „neben der Erzieherin auf einer Matratze, und statt dass es am nächsten Tag zu Hause bleibt, landet es am nächstem Morgen wieder krank mit Medikamenten auf der Matratze“. Sie berichtet von einem jungen Mädchen, das seinen Berufswunsch Erzieherin wieder aufgegeben habe nach einem Praktikum in der Krippe: Schreiende Babys seien dort einfach in den Nebenraum gelegt worden, „damit man das Schreien nicht aushalten musste“, weil „für eine liebevolle Zuwendung schlicht keine Zeit war“. Seinen Berufswunsch hat das Mädchen nach dieser Erfahrung wieder aufgegeben.

Zu Hause – entspannt und ruhig

Mit drei Jahren hat die (alleinerziehende) Autorin ihre Tochter dann in einen Kindergarten gegeben – aber nur für wenige Stunden am Vormittag. Ihre Umwelt „stößt sich im Moment daran, dass ich es mir erlaube, ein ‚Mittagskind‘ zu haben“. Dabei warte ihre Tochter nun „täglich um 12 Uhr auf der Bank an der Kindergartentür auf mich und fällt mir um den Hals, sobald sie mich sieht“. Es sei ihr eben nicht „egal“, schreibt die Mutter, ob ihr Kind in der Kita oder zuhause schlafe, denn: „Ich wünsche mir, dass meine Tochter mittags zu Hause schläft, weil ich es liebe, sie beim Schlafen zu sehen, und weil ich es wunderschön finde, wenn sie hier bei uns in der Wohnung aufwacht und verschlafen meine Nähe sucht. Ich finde diese Zeit kostbar und kann auch noch mal zwei Stunden konzentriert arbeiten, wenn sie eingeschlafen ist.“

Zeit zum Kuscheln, Kitzeln, Toben

Kaum jemand traut sich heute noch zu sagen als Vater oder Mutter, dass er oder sie sein Kind „körperlich“ vermisst. Das natürliche Bedürfnis von Eltern und Kinder nach körperlicher Nähe – Kuscheln, Kitzeln, Toben – soll tagsüber ignoriert und unterdrückt werden. In Kitas kann eine Erzieherin nicht mit 20 Kindern kuscheln. Die wenigsten Kinder wollen – nebenbei bemerkt – mit ihrer Erzieherin, sondern lieber mit Mama oder Papa kuscheln. „Ich halte es im Moment noch nicht gut aus, wenn wir länger als ein paar Stunden getrennt sind. Ich fange an, meine Tochter körperlich zu vermissen. Bin ich denn so anders?“ fragt die Autorin.

Es braucht heute offenbar „Mut“ und gilt als „Luxus“, als Mutter das Bedürfnis nach Nähe zum eigenen Kind zu gestehen und auszuleben. Das „Umfeld“ reagiert meist gereizt und verständnislos, wenn Mütter diesen „Mut“ beweisen und sich diesen „Luxus“ nehmen.

Abschließend ein paar Szenen aus dem persönlichen Umfeld:

Voneinander lernen

Szene 1: In einem Linienbus saß kürzlich eine afrikanische Mutter. Sie hatte den Kinderwagen in der Mitte des Busses abgestellt, ihr wenige Wochen altes Baby herausgenommen und hielt es die ganze Fahrt lang strahlend im Arm. Ihr stolzer und glücklicher Blick war frappierend. Die ganze Fahrt über beschäftigte sie sich mit dem Kleinen, erkundete seine winzigen Fingerchen, tastete jedes einzelne liebevoll ab und streichelte es. Keine Minute wendete sie den Blick von ihm ab. Das Baby lag zufrieden und ruhig in ihren Armen und schien alles sichtlich zu genießen.

Plötzlich geschah etwas Überraschendes: die Mutter legte ihr Baby spontan einem älteren Herrn, der ihr gegenübersaß (ohne dazuzugehören), in den Arm und lachte belustigt auf. Der Herr wirkte natürlich überrascht, hatte aber offensichtlich seine Freude an diesem „Überfall“. Mein Eindruck: Für die Afrikanerin schien es völlig normal, a) seinem Kind körperlich nah zu sein, sich zärtlich mit ihm zu beschäftigen und dies auch öffentlich zu zeigen, und b) sein Umfeld in diese Lieblingsbeschäftigung mit einzubeziehen. Das afrikanische Sprichwort, für die Erziehung eines Kindes brauche man ein ganzes Dorf, schien die junge Mutter einfach kurzerhand in den Bus zu übertragen. Köstlich.

Derweil war eine zweite (deutsche) Mutter mit Kinderwagen zugestiegen. Sie ließ ihr unruhiges Kind während der Fahrt im Wagen liegen und versuchte es nur mit der einen Hand mit einem Schnuller zu beruhigen, während sie mit der anderen ihr Handy befingerte. Die Aufmerksamkeit der jungen Mutter blieb die ganze Fahrt über geteilt – und das Baby unruhig.

Zeit ist ein kostbares Gut

Szene 2: Während ich frühmorgens diese Zeilen schreibe, sitze ich auf unserer Gartenterrasse. Auf der Straße ziehen viele Kinder vorbei zu Kita und Schule, oft in Begleitung der Eltern. Eben höre ich eine Mutter zu ihrer kleinen Tochter rufen „Nun mach schon etwas schneller, du verplemperst meine kostbare Zeit.“ Ich frage mich irritiert: welche kostbare Zeit? Ist die Zeit in Büro oder Haushalt kostbarer als die Zeit mit dem Kind?

Wo ist das Lachen geblieben?

Szene 3: Unsere junge, noch recht neue Nachbarin – eine studierte Erzieherin übrigens – fiel mir auf, weil sie sich so rührend und aufmerksam um ihre zwei kleinen Kinder kümmerte. Sie spielte und werkelte viel mit ihnen im Garten, die Kinder schienen gut zu gedeihen. Seit kurzem ist der „Kinderlärm“ dort nun aber auf wenige Stunden am Nachmittag begrenzt, denn die junge Mutter arbeitet wieder, und die Kinder gehen in die Kita. „Mich fragen schon alle, warum ich nur 14 Stunden pro Woche arbeite“, erzählt sie mir am Gartenzaun, selbst ein wenig ratlos darüber, wie sie damit umgehen soll. Der Druck, ja, der sei schon da seitens der Umgebung, sagt sie.

Zu beobachten ist aber noch etwas anderes: während sich vormals das ganztägige Spielen der Kinder im Garten belebend, natürlich und entspannt zugleich anhörte, jedenfalls nie unangenehm, so dominieren jetzt in den wenigen häuslichen Gartenstunden am Nachmittag Schreien, Jammern und Zanken. Die Mutter wirkt oft gereizt und gestresst, die Kinder ebenfalls. Nebenbei: Das schöne große Haus mit Garten, Schaukel, Sandkasten steht tagsüber weitgehend leer.

Gesunde Ernährung zu Hause und in der Kita?

Szene 4: Ich sitze mit Ulrike von Aufschnaiter auf der Terrasse ihres Bremer Elternhauses, in das sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern (7 und 5 Jahre) nach mehreren Berufsjahren in Frankfurt und zuletzt London zurückgekehrt ist. Die gelernte Investmentbankerin hat ein Buch mit dem Titel „Deutschlands kranke Kinder“ geschrieben und im Eigenverlag veröffentlicht. Aufhänger dafür war die Zahnerkrankung „Kreidezähne“ bei ihrem Sohn. Diese Krankheit, so recherchierte sie, sei der schlechten Ernährung in frühkindlichen Betreuungseinrichtungen, also Krippen und Kitas, geschuldet.

Die Familie – beide Eltern waren bis vor kurzem voll außerhäusig berufstätig und haben ihre Kinder ganztägig fremdbetreuen lassen, was sie heute für einen „großen Fehler“ halten – hat ihren Lebensstil komplett umgestellt. Beide Eltern arbeiten jetzt „nur noch“ selbständig von zuhause aus. Gegessen wird, was selbst gepflanzt, gepflückt, gekocht, gekeimt oder gebacken wurde. „Wie auf Anweisung der Regierung Kitas und Schulen die Gesundheit unserer Kinder schädigen“, heißt der Untertitel des Buches. Ihre Kritik: Junge Eltern würden seitens der Politik in einen Teufelskreislauf geschleust, der ihnen nicht mehr gestattet, sich ausreichend selbst um ihre Kinder zu kümmern. Sie hätten auch darauf vertraut – so wie viele andere Eltern -, dass alles seine Richtigkeit habe und die Kinder in den Krippen und Kitas gut versorgt seien. Dies sei jedoch definitiv nicht der Fall. Die Recherchen der Autorin sind mutig und erschreckend. Sie müssten jeden wachrütteln, der sich mit dem Thema Ganztagsverpflegung und -betreuung noch nicht beschäftigt hat. Die FAZ zitierte kürzlich einen Kinderarzt mit den Worten, die Ernährung in vielen Kindergärten sei teilweise „grauenhaft“, es bestehe „Handlungsbedarf“.

Ärgerlich für Eltern, die ihre Kinder lieber selbst frisch zuhause mittags bekochen wollen, ist zudem, dass viele Kitas nur noch Kinder bis 14 Uhr annehmen, also einschließlich Mittagessen. Aus „planungstechnischen“ Gründen. Man kann sein Kind zwar vorher abholen, muss aber trotzdem den vollen Tarif zahlen. Aus Sicht einer Mutter, die gelernte Hauswirtschafterin ist und sich selbst um die Ernährung ihres Kindes kümmern möchte, ist das eine echte Zumutung.

Ein kurzer Auszug aus diesem sehr lesenswerten Buch von Ulrike von Aufschnaiter: „Seit Sommer 2017 besucht unser Sohn eine Grundschule. Wir hatten ihn dort ursprünglich für die Ganztagsbetreuung angemeldet. Schnell war klar, dass auch dort die Ernährungspläne alles andere als gesund sind. Wir haben daraus die Konsequenzen gezogen und ihn aus der Ganztagsbetreuung wieder herausgenommen. Er isst nun jeden Mittag zu Hause. (…) Neben der Umstellung unserer Ernährung versuchen wir inzwischen auch, die Zeit mit unseren Kindern insgesamt bewusster zu gestalten. Zeitdruck und Hektik waren bei uns früher an der Tagesordnung. Uns war nicht klar, dass auch die ständig mehr oder weniger präsente Eile eine hohe Belastung für den Körper bedeutet. (…) Wir nehmen uns mehr Zeit für die Bedürfnisse unserer Kinder nach Körperkontakt: Wir kuscheln viel, was ihnen und auch uns sichtlich guttut.“

von Birgitta vom Lehn

Links zum Thema

Presse

Kinderbetreuung: „So eine bist du?“, Anne Altenbokum (Pseudonym), Zeit-online

Lesetipp

„Deutschlands kranke Kinder“, Ulrike von Aufschnaiter, Eigenverlag
Mit einer umfangreichen Tabelle zum Basiswissen: Nährstoffe (für Kinder)