„Empathie bedeutet, mit den Augen des anderen zu sehen, mit den Ohren des anderen zu hören und mit dem Herzen des anderen zu fühlen“, Alfred Adler.
In den letzten Wochen kamen immer mal wieder Meldungen in den Medien, dass gewisse Länder, wie etwa Dänemark, Empathie als Schulfach anbieten würden. Dort sollen Kinder Dinge wie soziale Kompetenzen, Zuhören, Konfliktlösung und den Umgang mit eigenen sowie fremden Gefühlen lernen. Eine tolle Sache also.
Doch kann man Empathie lernen, so wie man den Dreisatz oder den Salto lernen kann?
Genial, wenn es so einfach wäre … Doch leider ist das mit der Empathie nicht ganz vergleichbar mit Mathe oder Sport. Die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen und daraus Mitgefühl zu entwickeln, ist grundsätzlich viel mehr von der emotionalen Reifwerdung abhängig, als dass man sie kognitiv erlernen könnte.
Empathie ist nicht eine erlernbare Fähigkeit, sondern die natürliche Frucht von nährenden Beziehungen, sowie von emotionaler Gesundheit und Entwicklung.
Wie Empathie entsteht
Kleinkinder sind grundsätzlich noch unreif und haben keine gemischten Gefühle. Das ist auch der Grund, warum sie noch nicht fähig sind für echte Empathie. Wahrscheinlich haben wir aber alle schon 3-Jährige beobachtet, die sich rührend um ein weinendes Babygeschwister gekümmert haben und uns darüber gefreut. Fürsorglichkeit, also für Schwächere zu sorgen, ist ein Instinkt, der uns Menschen sozusagen angeboren ist. Selbst kleinste Kinder haben schon den Impuls, mit noch kleineren Geschöpfen feinfühlig umzugehen. Und diese Fürsorglichkeit ist auch die Wurzel, aus der später die Fähigkeit zur Empathie sich entwickelt. Nämlich dann, wenn das Kind gleichzeitig den Impuls der Fürsorglichkeit mit dem Impuls der Rücksichtnahme wahrnehmen kann.
Gemischte Gefühle brauchen Zeit zum Reifen
Die Fähigkeit, mehrere Impulse oder Emotionen gleichzeitig fühlen zu können, entwickelt sich frühestens zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr und braucht dann noch viel Zeit, um zu reifen und sich weiter zuentwickeln.
Selbstverständlich können wir als Eltern und Bezugspersonen einiges dazu beitragen, damit diese emotionale Reifwerdung gelingt:
- Tiefe und sichere Beziehungen zu fürsorglichen Erwachsenen sind das A und O für die Reifwerdung.
- Um verletzliche Emotionen fühlen zu können, brauchen Kinder weiche Herzen. Diese dürfen wir kultivieren.
- Natürlich dürfen wir unseren Kindern Fürsorglichkeit und Empathie vorleben und sie dazu einladen, sich in die Lage des anderen einzufühlen. Wir sollten spontane Empathie aber nicht zu früh von unseren Kindern erwarten.
- Empathiefähigkeit zu entwickeln, ist ein langer Weg, auf dem wir unsere Kinder begleiten dürfen.
Ein Erlebnis, dass die Reifung zeigt
Einmal kam eines meiner Kinder maximal genervt von der Schule nach Hause. Ein anderes Kind hatte sich wahrlich unmöglich benommen und mein Kind hatte keinerlei Verständnis dafür, wie man so blöd sein kann. Dieses Unverständnis und der Frust über die Situation brachte mein Kind lautstark zum Ausdruck und irgendwann fiel dieser Satz, der mich heute noch zum Lachen bringt: „Ich weiß Mami, dass du jetzt gleich sagst, dass es dieses Kind doch auch nicht immer einfach hat und dass es bestimmt einen Grund gibt, warum es sich so blöd verhalten hat. Aber ich will mich jetzt da nicht hineinfühlen. Ich will mich jetzt einfach nur aufregen und du sollst mich aufregen lassen!!!“
Empathie als Schulfach: Eine Einladung zur Empathie
Wenn Empathie also eine Sache der emotionalen Reifwerdung ist, kann man sie im Umkehrschluss also nicht in der Schule lernen. Gleichzeitig denke ich, dass so ein Schulfach im Sinne des „Einladens“ wie oben beschrieben, sicher nicht schädlich ist. Und es gibt ja auch noch die „kognitive Empathie“ bei der es vor allem darum geht, dass der Verstand begreift, was gerade im anderen vorgeht. Und hier kann man bestimmt mit Spielen und Übungen einiges erreichen.
Für die emotionale Reifwerdung sind aber in erster Linie immer noch wir Eltern und enge Bezugspersonen zuständig. Diese Aufgabe kann (zum Glück!) nicht an ein Schulfach delegiert werden.
von Angela Indermaur
Links zum Thema
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