Unsere Gesellschaft ist gegenwärtig von globaler Vielfalt, sozialen Ungleichheiten und zunehmenden Unsicherheiten geprägt, die sich in besonderem Maße auf das Aufwachsen von Kindern auswirken. Diese Entwicklungen beeinflussen sowohl familiäre Erziehungspraktiken als auch die außerfamiliäre Betreuung und wirken sich auf die physische und psychische Entwicklung von Kindern aus. Mit dieser veränderten Wahrnehmung wandelt sich zugleich der Blick auf Kindheit. Zentrale Aspekte dieser Entwicklungen standen im Mittelpunkt des Forums Frühe Kindheit 2026.
Der Kongress widmete sich unter anderem aktuellen Erziehungsdiskursen im Kontext sozialer Medien, dem Umgang mit kultureller Vielfalt und rechtspopulistischen Einflüssen sowie Fragen des Kinderschutzes und der Traumabewältigung. Darüber hinaus wurden klinische Themen wie Aggressionsstörungen und ADHS im Vorschulalter behandelt, auf die wir in gesonderten Beiträgen näher eingehen werden.
Im Folgenden stellen wir zunächst ausgewählte Vorträge vor, darunter den Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll sowie den Beitrag zum Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt, die zu einem späteren Zeitpunkt vertiefend dargestellt werden.
Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Erika Butzmann berichtet im Auftrag der Stiftung über den Kongress.
Bindungstheorie und bedürfnisorientierte Erziehung
In dem Eröffnungsvortrag zur Entwicklung der Bindungstheorie und ihrer Bedeutung für den Alltag zeigte Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP) in Amberg auf, wie sich die wissenschaftlichen Grundlagen der Bindungstheorie zu einem alltagspraktischen Erziehungsstil entwickelt haben – insbesondere im Hinblick auf eine bedürfnisorientierte Erziehung. Dabei wurde deutlich, dass gesellschaftliche Veränderungen durch Medien als tiefgreifender Strukturwandel zu einer erheblichen Verunsicherung und Belastung von Familien beitragen können.
Eine vertiefte Darstellung dieses Vortrags folgt im weiteren Verlauf des Berichts.
Kinder in extrem rechten Familien
Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung lag auf dem Umgang mit demokratie- und menschenfeindlichen Ideologien im Kita-Kontext. Ein Beitrag der Fachstelle Rechtsextremismus und Familie (RuF) aus Bremen thematisierte die Situation von Kindern, die in extrem rechten Familien aufwachsen. Dabei wurde aufgezeigt, dass diese Kinder mitunter massiven Einschränkungen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten ausgesetzt sind. Der Vortrag gab Einblicke in deren Lebensrealität und zeigte auf, wann das Kindeswohl gefährdet sein kann und welche Handlungsansätze helfen können, um extrem rechtem Gedankengut in der Kita zu begegnen.
Über die Fachstelle können Interessierte Näheres zu den Programmen erfahren.
Transkulturelle Kompetenz in den Frühen Hilfen
Mit Blick auf eine zunehmend diverse Gesellschaft stellte Mareike Paulus (M.A.), Deutsches Jugendinstitut, München, das Qualifizierungsmodul „Transkulturell kompetentes Handeln in den Frühen Hilfen“ des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen vor. Ziel des Moduls ist es, Fachkräfte zu befähigen, offen und empathisch auf Familien zuzugehen und dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede und deren Einfluss auf die Begegnung zu reflektieren. Eine zentrale Herausforderung für Fachkräfte besteht darin, dass im Zusammenspiel unterschiedlicher kultureller Hintergründe etwas Neues entsteht.
Das Qualifizierungsmodul für Fachkräfte in den Frühen Hilfen wird im weiteren Verlauf des Berichts vertiefend dargestellt werden.
Unsicherheiten in der Gefährdungseinschätzung
Anne Gottwald vom Kinderschutzbund in Paderborn berichtete in ihrem Vortrag „Risiko und Gefährdungseinschätzungen im Kontext von Inobhutnahme: Auswirkungen auf die Kinder“ über den Anstieg von Kindeswohlgefährdungen und Inobhutnahmen seit 2019. Gleichzeitig stellte sie fest, dass es bei den Fachkräften eine große Unsicherheit im Hinblick auf die Einschätzung von Gefahrenlagen gibt. Es ist ein sehr schwieriges Thema für die Fachkräfte, weil einerseits die Folgen sehr vielfältig sind und andererseits die Komplexität kaum zu überschauen ist. Sie müssen die Erziehungsfähigkeit von Eltern einschätzen und eine akute Gefahrenlage oder eine latente erkennen können. Oft sei es nur ein Unbehagen, ein komisches Bauchgefühl, was nicht zu deuten ist.
Fachkräfte können sich einen Überblick über diesen Themenbereich beim Kinderschutzbund beschaffen. Häufig haben auch die Kommunen Handreichungen dazu.
Begleitung von Kindern im Spannungsfeld von Trauma und Trauer
Tina Kern (M.Sc. Psychotraumatologie) und Simon Finkeldei (AETAS Kinderstiftung KinderKrisenIntervention, München) hoben insbesondere die Bedeutung stabiler Bezugspersonen und verlässlicher Strukturen hervor. Sie stellten Auszüge aus ihrem Konzept der Krisenintervention im Rettungsdienst vor, das sich auch in Projekten wie „Kurswechsel – Lebensstürme meistern“ widerspiegelt.
Der plötzliche Verlust eines geliebten Menschen, die Konfrontation mit dem Thema Suizid oder das Erleben anderer extremer Situationen sind für Kinder und Eltern Herausforderungen, die Grenzen berühren. Im Spannungsfeld zwischen Trauma und Trauer können verlorene Sicherheit, das Infragestellen des Verständnisses der eigenen Welt, sich aufdrängende Bilder und schwierige Fragen die ganze Familie in ungewohnte und ängstigende Situationen bringen. Dabei befinden sich Kinder in einer grundlegend anderen Position als Erwachsene. Das hat Auswirkungen für die konkrete Begleitung von Kindern und Bezugspersonen in einer extremen Situation.
Bei einem traumatischen Verlust durch Tod zieht sich eine Krisenintervention bis zu einem Jahr hin. Zuerst geht es um die Stabilisierung der betroffenen Personen. Kinder sind dabei abhängig von den Bezugspersonen, die ihnen helfen müssen, die überwältigenden Gefühle zu regulieren, indem sie darüber sprechen, was passiert ist. Nach Aussagen der Referierenden hätten Kinder immer etwas, was sie herausholt aus dem Drama, von dem Heilung ausgehen kann.
Die Bindungssicherheit ist dabei wesentlich und die Kompetenz der Bezugsperson, bei der Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen den Kindern zu helfen.
Sie müssen Leuchtturm sein und in Führung gehen, was häufig nicht gelingt, wenn sie selbst traumatisiert sind. Hier wurde Charly Chaplin zitiert mit dem Satz: „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser!“
Die Eltern werden bei der Begleitung der Kinder durch die Rettungspersonen unterstützt. Das Würdigen der Situation, Zuversicht und Hoffnung vermitteln, hilft den Betroffenen. Die Fragen der Kinder müssen immer beantwortet werden. Ablenkung wäre verstörend; denn Kinder spüren, was die Erwachsenen umtreibt. Die Angst der Kinder, bei Verlust eines Elternteils auch den anderen noch zu verlieren, ist in solchen Situationen immens. Beruhigung, Regeln und Strukturen helfen den Kindern bei der Verarbeitung solcher Ängste.
Den Prozess der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen veranschaulichten die Referierenden mit einigen Comic-Videos. In einem war ein kleiner Junge allein in einem Boot auf stürmischer See. Es kamen ständig neue Gefahren und das Kind versuchte, mit allen umzugehen. Das war auch als Beispiel für die Möglichkeit der Selbstregulation gedacht, statt der Vermeidung.
Die Trauerphase nach Abklingen der Traumatisierung wurde als Schleusen-, Janus-, Labyrinth- und Regenbogenzeiten beschrieben, die wie Ebbe und Flut kommen und gehen. Eltern müssen damit rechnen, dass Trigger bei ihnen selbst und bei den Kindern auftreten.
Nach einiger Zeit ist es den Betroffenen möglich, über die Wiederaufnahmen der gewohnten Dinge und Handlungen, die Trauer in das tägliche Leben zu integrieren.
Fazit
Insgesamt zeigte der Kongress eindrücklich, dass Fachkräfte heute in einem Spannungsfeld zwischen fachlichen Anforderungen, gesellschaftlichen Erwartungen und den individuellen Lebenslagen von Familien agieren. Idealisierte Vorstellungen von Elternschaft, hohe Sorgeverantwortung und der wachsende Einfluss sozialer Medien tragen zur Verunsicherung im Hinblick auf ein ausgewogenes Verhältnis von Bindung und Exploration bei. Die Tagung bot zahlreiche Impulse für neue Handlungsmöglichkeiten und verdeutlichte die Bedeutung professioneller Orientierung in einem zunehmend komplexen Feld.
von Erika Butzmann
Links zum Thema
Mentale Dauerbelastung verstehen und bewältigen, Umfrage 04/2026 der INNOFACT AG im Auftrag der R+V Allgemeine Versicherung AG,
inkl. Dokumentation „Raus aus dem Gedankenkreisel“, in dem Familien offen von ihren Sorgen, Herausforderungen erzählen.
„Verlorene“ Kinder in sozialen Brennpunkten
Wenn Eltern ihren Kindern schaden. Deutschlandfunk Kultur, Susanne Nessler und Christine Westerhaus, 24.01.2016
Traumata beeinflussen die Gesellschaft, Bericht der 39. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und politische Psychologie (GPPP)
