Anlässlich des Kongresses des Forums Frühe Kindheit 2026 hielt Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP) einen Vortrag mit dem Titel „Von der Bindungstheorie zum Hype um die bedürfnisorientierte Erziehung („Attachment Parenting“). Eine kritische Betrachtung.“
Veränderte Anforderungen an Eltern
Fabienne Becker-Stoll bezog sich auf den Familienbericht von 2021, der schon damals eine tiefgreifende Veränderung der Erziehungsmaximen und einen hohen Abstimmungsbedarf bei gleichzeitig wachsender Sorgeverantwortung feststellte. Das spiegelt sich auch darin wider, dass insbesondere Eltern in Armut Erziehung zu 50 % für schwierig halten.
Den Grund dafür sieht sie darin, dass sich die wissenschaftlichen Grundlagen der Bindungstheorie in einen alltagspraktischen Erziehungsstil verwandelt haben, der jedoch häufig idealisierte Vorstellungen von Elternschaft transportiert. Diese Entwicklung wird zusätzlich durch soziale Medien verstärkt.
Einfluss sozialer Medien
Gleichzeitig nimmt der Einfluss sozialer Medien so zu, so dass Eltern zwischen Intensivierung ihrer Erziehung und einer starken Mediatisierung feststecken. Eltern mit kleinen Kindern sind mit digitalen Medien sehr gut ausgestattet.
Es gibt eine Vielzahl von Baby-Tracking-Apps, die Nahrung, Schlafverhalten des Babys, Windelwechsel, Gewicht und mehr erfassen. Sie machen Vorschläge zur Optimierung, üben Druck auf die Eltern aus, das Baby perfekt zu managen.
Zusätzlich erhöhen zahlreiche Videos auf YouTube, TikTok und Instagram diesen Druck. Mom Influencerinnen erklären in wenigen Minuten neue Erziehungstrends. Sie sind Normgeber für Eltern und transportieren ein materiell geprägtes Bild von Familie, in der alles perfekt ist.
Kritische Perspektive auf aktuelle Erziehungspraktiken
Becker-Stoll stellt die Popularisierung fragwürdigen Wissens über die sozialen Medien fest. Sie beleuchtete kritisch die Überbetonung bestimmter Praktiken wie das Langzeitstillen, das häufige Tragen oder das langfristige Schlafen im Elternbett, das zwar wichtig für die Kinder ist, im Übermaß aber die kindliche Autonomie-Entwicklung einschränkt. Zudem erhöht es die psychische Belastung von Eltern, besonders von Müttern. Sie führte diese Entwicklung auf eine falsch verstandene bedürfnisorientierte Erziehung zurück und forderte die Rückbesinnung auf das eigentliche Kernprinzip der Bindungstheorie:
Feinfühlige Bindungspersonen, die sowohl die Bindungs- als auch die Explorationsbedürfnisse des Kindes unterstützen.
Kernprinzipien der Bindungstheorie
Dazu erinnerte sie noch einmal an die biologischen Grundlagen von Bindung aufseiten des Kindes mit seinem Bindungs- und dem Explorationsverhaltenssystem, die das Leben des Babys absichern. Aufseiten der Eltern ist es das Pflegeverhaltenssystem und die Fähigkeit, das Explorationsverhalten des Kindes zu begleiten. Damit hat das Kind den besten Start, für das ganze Leben zu lernen.
Fabienne Becker-Stoll betonte die Verantwortung, die Bindungspersonen als Erwachsene für das Kind haben: es zu schützen, zu trösten, die kindlichen Bedürfnisse zu regulieren, freundlich zu bleiben, schimpfen unterlassen, Wohlergehen ermöglichen.
Feinfühligkeit und kindliche Entwicklung
Wenn Kinder weinen, sind sie nicht aufnahmefähig. Sie zeigen bei Überforderung Stress, den sie selbst nicht regulieren können. Das zu berücksichtigen, wäre für Eltern erlernbar. Aus dieser Feinfühligkeit entsteht der Kreis der Sicherheit, der zur inneren Sicherheit beim Kind führt, zu Vertrauen in sich selbst und zu Vertrauen in die Welt.
Abgrenzung: Bedürfnis oder Wunsch?
Zur bedürfnisorientierten Erziehungsmethode merkte Sie zum Schluss an, dass zu beachten ist, ob es sich um ein grundlegendes Bedürfnis oder eher um einen situativen Wunsch handelt.
von Erika Butzmann
Hinweis auf weiterführenden Beitrag
Lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Erziehung in unserer durchdigitalisierten Gesellschaft“. Er setzt sich kritisch mit Bindung, Grenzen, Bedürfnisorientierung und der Entwicklung von Selbstdisziplin auseinander.
