Einrichtungen beklagen zunehmende Gewalt. Schon kleine Kinder verletzen sich gegenseitig. Sind die Eltern schuld oder liegt das Problem im System?
Das Gute-KiTa-Gesetz wollte einst die Qualität in der Kindertagesbetreuung verbessern.
Beißen, treten, kratzen – ein Einzelfall?
Beißen, treten, kratzen, Haare ausreißen: in nicht wenigen Kitas geht es offenbar immer brutaler zu. Die Vorstellung von der Kita als sicherem Ort, an dem Kinder in beschützter Umgebung spielen und frühkindliche Bildung genießen können – wie viele Verantwortliche in Politik und Gesellschaft gern versprechen –, scheint mit der Realität in vielen Einrichtungen nichts mehr zu tun zu haben. So sollen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr über 2.500 Kinder gewalttätig gegen andere Kinder und Erzieher:innen geworden sein. Darüber berichtete, nachdem die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag bereits im Januar eine entsprechende Anfrage gestellt hatte, kürzlich auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR).
Die Erzieherin, die in dem WDR-Beitrag zu Wort kam und in einem Kindergarten in Südwestfalen arbeitet, sei „noch immer geschockt von dem Moment“, als ein Kind plötzlich massiv auf ein anderes eingeschlagen und getreten habe. Bei dem Versuch, die Situation zu deeskalieren, habe das aggressive Kind sie dann aber auch noch angegriffen. Blaue Flecke an Armen und Waden seien die Folge gewesen.
Ein Einzelfall? Offenbar nicht. Binnen vier Jahren sind die Zahlen um 1.600 Prozent und damit um das 17-Fache gestiegen. Während in ganz NRW im Jahr 2021 nur 150 solcher Fälle bei den Landesjugendämtern gemeldet wurden, waren es 2025 bereits 2.537. Und die Zahlen gehen weiter nach oben. So habe es im Rheinland und in Westfalen-Lippe allein bis September 2026 schon über 2.000 solcher Meldungen aus den einzelnen Kitas gegeben.
Wenn Erzieherinnen an ihre Grenzen kommen
Die Träger bekommen zunehmend von den Einrichtungen die Rückmeldungen, dass die Erzieherinnen in dieser Art und Weise nicht mehr arbeiten können und sich überfordert fühlen. Hinzu komme für viele die Sorge, falsch zu reagieren und sich strafbar zu machen. So hätten Eltern etwa eine Erzieherin angezeigt, die einen Jungen leicht geohrfeigt hätte, weil er ihr gegenüber zuvor selbst körperlich übergriffig geworden sei.
Wenn bedürfnisorientierte Erziehung missverstanden wird
Auf die Frage, warum Kita-Kinder immer öfter so aggressiv reagieren, zitiert der WDR die Kinderpsychotherapeutin und ehemalige Grünen-Politikerin Inés Brock-Harder, selbst vierfache Mutter und seit vier Jahren Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichentherapie e.V. Ihre Hypothese: Eltern gelinge es „zunehmend weniger, das Bedürfnis nach Orientierung, nach Grenzen, nach Strukturen bei ihren kleinen Kindern durchzusetzen“. Die sogenannte „bedürfnisorientierte Erziehung“ werde von manchen Eltern „falsch verstanden“. Den Kindern werde „sehr viel Selbstbestimmung übergeben“ und „ihr Bedürfnis nach Begrenzung übersehen“. Eltern müssten ihrem Kind „deutliche Signale geben und es auch liebevoll in den Arm nehmen, wenn es außer sich ist, aber eben auch diese Grenzen deutlich aufzeigen“.

Ursachenforschung statt Schuldzuweisung
Fragen wir nach bei Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Bestseller-Autor („Kinder verstehen“): Wie sieht er die Rolle der Eltern und welche Gründe hält er für plausibel, weshalb Kita-Kinder zunehmend aggressiv werden? Zunächst einmal findet der Experte die Zahlen „tatsächlich exorbitant“. Sie seien aber „nicht so einfach zu interpretieren“. Man müsse prüfen, ob sie auch „einen realen, im Alltag de facto stattfindenden Anstieg widergeben“.
- So habe sich etwa 2024 in NRW wohl die Meldepraxis geändert: man konnte fortan auch online melden. Da seien dann womöglich „jetzt auch Meldungen dazu gekommen, die im Jahr zuvor umständehalber unterblieben waren“, gibt Renz-Polster zu bedenken.
- „Noch schwieriger“ findet er die Ursachenklärung. Hier gebe man allzu schnell die Schuld den Eltern: zu wenig Grenzsetzung, falsche Erziehung („bedürfnisorientiert“). Aber auch den Kindern gebe man eine Schuld: sie hätten sich nicht im Griff, es gebe zu wenig Selbstregulation, und so weiter.
Das könnten zwar mögliche Gründe sein, betont der Erziehungsexperte, aber es gebe „auch andere plausible Gründe, die dann wiederum Hintergründe haben“.
- Zum Beispiel kann es bei Kindern aus häuslich-familiären Gründen „ein hohes Stress-Niveau“ geben, weil die Eltern überlastet sind.
- „Oder das Stress-Niveau in den Einrichtungen ist zu hoch, das überträgt sich ja auf die Kinder.“
Als mögliche Gründe nennt Renz-Polster:
Personalmangel,
Überlastung der Fachkräfte,
inadäquate Pädagogik, etwa inadäquate Umsetzung offener Konzepte,
zu wenig Eingehen auf belastete Kinder,
zu lange Betreuungszeiten,
zu wenig Freispiel und Bewegung,
zu lange Zeiten in den Innenräumen,
zu rigorose Unterbindung des aggressiven „Übungsspiels“ („Balgen“), und so weiter.
„Damit gäbe es doch einige mögliche Ursachen, die mit der jetzigen Erklärung – fehlende Grenzen – unter den Tisch fallen würden.“ Interessant wären zudem auch weitere Auswertungen der Statistik, die zeigen könnten: Wird die Zunahme von Gewalt durch die Bank beobachtet oder nur in bestimmten Kitas? „All das wissen wir jedoch nicht, ein Grund mehr also für möglichst vorsichtige und wenig pauschale Erklärungen.“
Quellen
Instagramkanal kinderverstehen.de von Dr. med. Herbert Renz-Polster
Mehr Übergriffe in Kitas: Kinder beißen und schlagen ihre Erzieherinnen, WDR, 08.10.2026
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Gewalt gegen Erzieherinnen in Kitas, WDR aktuell, 02:13 Min. verfügbar bis 08.10.2028
