Die vielfältigen Einflüsse digitaler Medien auf Eltern und Erziehung führen heute zur Verunsicherung im Erziehungshandeln. Seit einiger Zeit wird beispielsweise die „bedürfnisorientierte Erziehung“ favorisiert. Diese passt nur zu einem kleinen Teil auf die kindliche Entwicklung, so dass Verunsicherung im Erziehungshandeln zwangsläufig auftritt. Das lässt sich vermeiden, wenn verstanden wird, dass kindliche Bedürfnisse und die Erziehung zwei verschiedene Bereiche sind, die nicht miteinander harmonieren.
Emotionale Bedürfnisse, Bindung und erste Grenzen
In den ersten drei Jahren sind die Befriedigung der tiefgreifenden psychischen und emotionalen Bedürfnisse und die angemessene Versorgung und Pflege des Kindes das Wichtigste. Denn eine sichere Bindung des Kindes an seine Eltern gelingt nur so. In dieser Zeit ist der bedürfnisorientierte Umgang mit dem Kind angemessen.
Die ersten Erziehungsmaßnahmen der Eltern setzen ein, wenn das Kind die Regeln der Gemeinschaft erlernen und sein aktuelles Bedürfnis zurückstellen muss.
Das Nein der Eltern beginnt bereits im zweiten Lebensjahr, in dem das Kind immer dann ein Nein der Eltern hören muss, wenn es etwas für sich selbst oder für andere Schädliches macht. Die Herdplatte oder der Kamin werden nicht angefasst. Anderen Kindern wird nichts weggenommen. In der Regel genügt ein einfaches, aber bestimmtes „Nein“. Das Kind versteht diese Regel zwar noch nicht, aber es muss die „Einschränkung“ immer wieder hören und erfahren. Wenn es jedoch zwischen Kindern zu Unfrieden kommt, kann es sinnvoll sein, die Kinder ruhig voneinander zu trennen. Damit wird die Grenze nicht nur ausgesprochen, sondern bei Bedarf auch unmittelbar durch das Handeln der Eltern gesetzt.
Mit zwei Jahren zeigen die meisten Kinder dann, dass sie das „Nein“ der Eltern verstehen.
Im dritten Lebensjahr, in dem die Ich-Bezogenheit des Kindes am stärksten ist, muss die Einhaltung der Regeln zunehmend gefordert werden, ohne zu erwarten, dass dies zuverlässig funktioniert. Denn das Kind versteht den Sinn der Regel noch lange nicht, muss aber lernen, sich daran zu halten.
Das bedeutet, Erziehende müssen die Regel immer wieder benennen, ohne das Kind zu kritisieren oder gar zu strafen.
Eine ruhige Wiederholung ohne lange Erklärungen kann helfen, die Situation zu entspannen und das Kind nicht zusätzlich zu belasten. Die Erziehung steht ab jetzt im Vordergrund, damit sich die entwicklungsbedingte Ich-Bezogenheit der ersten drei Jahre aufgliedert und das Kind lernt, Grenzen einzuhalten.
Bedürfnisorientierung sollte sich dann auf Notsituationen und grundlegende Bedürfnisse des Kindes beschränken, beispielsweise wenn das Kind die Nähe oder den Trost seiner Mutter oder seines Vaters sucht.
Von der Fremdregulation zur Selbstdisziplin
Auch am Beispiel der immer wieder geforderten „Erziehung zur Disziplin“ lässt sich aufzeigen, wann und wie diese in die natürlichen Entwicklungsverläufe hineinpasst.
Während die bedürfnisorientierte Erziehung in den ersten drei Jahren entlang der Entwicklungsbedürfnisse des Kindes angemessen ist, kommt die Erziehung zur Disziplin erst zum Einsatz, wenn die Kinder ausreichend die Regeln verstanden haben. Das ist erst zwischen fünf und sechs Jahren der Fall.
Bei diszipliniertem, anstrengungs- und leistungsbereitem Verhalten der Kinder spielen natürlich viele Aspekte eine Rolle, die über die Erziehung zur Disziplin hinausgehen. Dazu gehört wie immer die sichere Eltern-Kind-Bindung, die ein stabiles Selbstwertgefühl zur Folge hat und die Motivationsgrundlage für Selbstdisziplin darstellt.
Über diese Wege entwickelt sich Selbstdisziplin, die auf ein frühes Diszipliniertwerden verzichten kann. Die Selbstdisziplin, die sich über die natürliche Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft bei einer sicheren Bindung in den ersten vier bis fünf Jahren aufbaut, verträgt dann auch Forderungen von außen nach Disziplin und Anstrengungsbemühungen. Diese können somit in die Selbstdisziplin integriert werden.
Die sichere Eltern-Kind-Bindung fördert ein stabiles Selbstwertgefühl und bildet damit eine wesentliche Motivationsgrundlage für die Entwicklung von Selbstdisziplin.
Auf diesem Weg kann die wissenschaftlich favorisierte autoritative Erziehung gelingen. So werden die Grundbedürfnisse der Kinder berücksichtigt, klare kindgemäße Regeln aufgestellt und Grenzen gesetzt. Die von Vorschulkindern naturgemäß akzeptierte Autorität der Erwachsenen kann damit in liebevoller Weise umgesetzt werden.
Erziehung als Orientierung in einer sich verändernden Welt
Erziehung ermöglicht es, dass Kinder in die Welt der Erwachsenen hineinwachsen und sich das kulturelle Erbe aneignen.
Unsicherheiten im Erziehungshandeln vertragen Kinder nicht. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen sagen, wo es lang geht, an denen sie sich reiben und messen können. Sie brauchen Erwachsene, die bei ihrem Erziehungshandeln die Selbstbildungskräfte der Kinder beachten und ihnen helfen, ihre besondere Persönlichkeit mit den unterschiedlichen Talenten auszubilden.
Vor dem Hintergrund einer sich stetig verändernden Welt suchen Kinder bei den Erwachsenen nach Anhalts- und Orientierungspunkten. Da dies in unserer durchdigitalisierten hoch beschleunigten Welt immer schwieriger wird, ist das Freischaffen von Zeit für die Kinder und eine bewusste Konzentration auf die Beziehung und die Erziehung notwendig; denn für eine funktionierende demokratische Gesellschaft ist beides hoch bedeutsam.
Darüber hinaus bereichert eine bewusste Gestaltung von Beziehung und Erziehung das Leben der Eltern auch in der Zeit, wenn die Kinder bereits aus dem Haus sind.
von Erika Butzmann
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