Bindungswege zu kindlichem Wohlbefinden - Foto iStock © ErstudiostokAufgeregt erzählt Sophie ihrer Mama auf dem Nachhauseweg von der Kita: „Heute war ein doofer Tag. Max hat sich mit Timo gezankt, weil Timo gesagt hat, dass Max ein Vollpfosten ist. Da hat Max mit Lego nach Timo geworfen und gebrüllt, dass er ein Looser ist und ihm auf die Eier geht. – Ich weiß ja nicht genau, was die Wörter bedeuten, aber sie klangen richtig böse.“

Wir können nur darüber spekulieren, ob die beiden ihre Schimpfwörter im Elternhaus oder woanders aufgeschnappt haben, aber Fakt ist, dass ausgrenzende und erniedrigende Worte wehtun. Schimpfen, Zurückweisung, Ausgrenzung und Verachtung werden aus Sicht des Gehirns wie körperlicher Schmerz wahrgenommen. Diese Erkenntnis verändert, so Naomi Eisenberger, US-amerikanische Hirnforscherin, das Verständnis der menschlichen Aggression. Es gäbe nämlich keinen Aggressionstrieb, vielmehr sei Aggression eine Reaktion darauf, wenn unser Bindungssystem bedroht ist und Bedürfnisse frustriert sind. Joachim Bauer schreibt in seinem Buch „Schmerzgrenze“:

Das Schmerzsystem reagiert auch dann, wenn ein Mensch sozial ausgegrenzt, gedemütigt wird und wenn er wichtige Bindungen verliert.

Menschen sind Verbundenheitswesen

Ob Timo und Max derartige Schmerzen am eigenen Leib erfahren (haben), oder ob sie andere im Streit beobachteten, wissen wir nicht, aber alles, was wir mit eigenen Gefühlen erleben oder tun, verändert unser Gehirn (Plastizität). Wir haben ein neuromodularisches Motivationssystem, welches Botenstoffe (Hormone und Neurotransmitter) produziert und das uns belohnt, wenn wir Gutes und Sinnvolles tun, jedoch auch, wenn wir uns ohnmächtig fühlen und in eine Antihaltung gehen. Dieses parallele Motivationssystem beschützt uns in gefährlichen sowie stressigen Situationen und belohnt uns, wenn Ereignisse gelingen. Je nachdem, was wir erleben, werden entweder Bindungs- und Wohlfühlbotenstoffe (Serotonin, Dopamin, Oxytocin …) oder Abwehrhormone bzw. Unwohlbotenstoffe (Toxine, Adrenalin, Cortisol …) ausgeschüttet.

Es ist wichtig zu wissen, dass sich für das Gehirn Aggression ohne Provokation nicht lohnt.

Das lohnende Motivationssystem des Gehirns ist also unser Bindungssystem oder Fürsorgesystem. Vertrauen, Zuwendung, Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe, Wärme, Geborgenheit, Willkommensein … alle Werte können hier mit dem Überbegriff der „sozialen Anerkennung“ zusammengefasst werden. Sie sind das motivationale Triebziel unseres Gehirns. Wir sind demnach Verbundenheitswesen und keine Aggressionswesen.

Erwachsene können im Gegensatz zu Kindern reflektiert-reifer damit umgehen. Am besten gelingt es, wenn sie konstruktive und positive Strategien im Umgang mit Wut, Aggression, Hass, Rache … verinnerlichen. So lernen und erfahren auch Kinder, wie sie z. B. lösungsorientiert streiten können, ohne sich zu verletzen – physisch wie psychisch.

Stress ist ansteckend

Die Neurowissenschaft hat schon lange belegt, dass Stress ansteckend ist. Scheinbar sind die Resonanznervensysteme im Emotionsgehirn dafür verantwortlich. Wir gehen in Resonanz mit den Emotionen anderer Menschen – ob sie positiv oder negativ sind. Bei Stress wird hauptsächlich das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Wenn die Bezugsperson eines Kindes, z. B. die Mutter, Stress empfindet und sauer oder wütend-genervt reagiert, dann hat auch der Beobachter, hier das Kind, Cortisol im Blut und wird sich nicht unbedingt den Vorstellungen der Mutter entsprechend verhalten können. Wenn dazu noch bedacht wird, dass Kleinkinder noch nicht gefühlsreguliert handeln können, sind sie diesem inneren Stress und der affektiven Wut hilflos ausgeliefert.

In der Praxis bedeutet das: Wenn Eltern Stress haben, dann wird dieser Stress auf die Kinder übertragen, und gerade in einer Wutsituation werden sie noch wütender oder frustrierter.

Die Basis für alles: Mitfühlende Kommunikation

Andrew B. Newberg und Mark Robert Waldman, Autoren des Buches „Die Kraft der Mitfühlenden Kommunikation – Wie Worte unser Leben ändern können, haben in ihrer Forschungsarbeit 12 Strategien herausgefiltert, die eine „mitfühlende Kommunikation“ mit Kindern gewährleisten. Das Interessante daran ist, dass die ersten 6 von 12 Strategien VOR der Kommunikation in uns selbst stattfinden und gegebenenfalls einen Prozess zum Umdenken darstellen.

  1. Entspann dich: „Bleib ruhig und achte auf dich selbst.“
  2. Sei im gegenwärtigen Moment (verbundene Präsenz)
  3. Erzeuge innere Stille. Atme, Gähne, Atme. Gähne …
  4. Steigere deine Positivität
  5. Denk an deine tiefsten Werte
  6. Denk an etwas Schönes

  7. Achte auf neutrale Signale
  8. Drück Anerkennung der Bedürfnisse aus
  9. Sprich im herzlichen Ton
  10. Sprich langsam
  11. Fass dich kurz
  12. Hör interessiert hin

Diese 12 Strategien bedürfen einer persönlichen, bewusst getroffenen Entscheidung und können Punkt für Punkt unsere Einstellung und unsere selbst erlernten Gewohnheiten verändern, denn Gefühle kennen kein Alter, der Umgang mit ihnen schon.

Bei Kindern ist die Vernetzung der Gefühls- und Bedürfnissteuerung auf dem präfrontalen Cortex noch nicht abgeschlossen. Doch auch der empathischste und reflektierteste Erwachsene spürt in Stresssituationen Ungeduld mit anderen. Ist „der andere“ dann auch noch jünger, also ein Kind oder ein junger Mensch, setzt an solchen inneren Ungeduldsgrenzen fast automatisch eine Art „Ich bin älter und weiß es besser-Arroganz“ ein (übrigens – je nach Vorerfahrung – auch bei Kindern: „Ich bin schon in der ersten Klasse, und du bist noch ein Baby.“ Dieses als Adultismus definierte Phänomen lässt sich für uns Erwachsene nur mit Bewusstheit begegnen. Der Grund? Wir tragen diese Denkweise fast alle (noch) in uns – aus eigener Erfahrung, denn wir wissen emotional sehr genau, wie es sich anfühlt, von oben herab mundtot und handlungsunfähig gemacht worden zu sein.

In einer mitfühlenden Weise erkennen wir, dass die damalig Erwachsenen entweder selbst hilflos waren oder mit ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen nicht erwachsen umgehen konnten. Heute – und mit diesem Bewusstsein – können Sie diese Gewohnheit verändern.

Bewusstsein über die Wirkung der eigenen Worte und zugewandte Momente der Verbundenheit schaffen eine positive Resonanz, der wie ein Muskel trainiert werden kann und Auswirkungen bis auf die Zellebene hat.

Bindungswege zu kindlichem Wohlbefinden - Foto iStock © bymuratdenizEin Beispiel: Sie müssen dringend noch eine Mail schreiben, und ihr Kind will unbedingt mit Ihnen auf den Spielplatz gehen, und zwar jetzt. Mit aller Dramatik steht es vor Ihnen und zeigt seine Wut. Sie schauen es mit neutralem Blick an, begeben sich am besten noch vor dem Kind in die Hocke, also auf Augenhöhe, und sagen langsam und mit herzlichem Ton: „Es ist ok, dass du wütend bist. Du möchtest jetzt auf den Spielplatz gehen. Das tun wir auch, sobald ich diese Mail zu Ende geschrieben habe. Versprochen.“

Auf diese Weise schaffen Sie …

Mikromomente der Verbundenheit

In der Regel wollen Kinder, so Jesper Juul, kooperieren. Wer gelassen die Wutphase seines Kindes begleitet, erlebt, dass der Ausbruch schneller vom Kind aus reguliert werden kann, als wenn wir mit dem Kind schimpfen oder es in anderer Art und Weise manipulieren oder sanktionieren.

Sobald wir beginnen zu sagen, was wir möchten, und nicht, was wir nicht möchten, ist das immer der Beginn einer gemeinsamen Lösung. Die „Mikromomente der Verbundenheit“ sind dann selbst in einer stressigen Wutsituation gegeben, und das ist es, was Kinder brauchen, damit sie die Welt von morgen empathisch-mitfühlender gestalten können. Probieren Sie es einmal aus.

Wenn wir wohlwollender denken, hören wir anders hin, und wenn wir freundliche und klare Worte finden, schaffen wir gute Gefühle und offenherzige Situationen.

Damit das gelingt, ist die empathisch-mitfühlende Kommunikation als Teil der Positiven Psychologie in allen Systemen – insbesondere im Familiensystem – wichtig. Jeder Mikromoment der Verbundenheit, jede positive Frequenz zählt, damit Kinder beschützt, sicher und frei aufwachsen können.

Darüber hinaus ist die sprachliche Kommunikation eine wichtige Basis für das Gesamtkonzept „Familie“. Bei Kindern führt eine empathisch-mitfühlende Kommunikation grundsätzlich zu mehr Wohlbefinden, welches mit mehr Leichtigkeit und einer natürlichen Lernfreude einhergeht.

PERMA-family

PERMA ist ein englisches Akronym. Die Anfangsbuchstaben der fünf Säulen bzw. Merkmale ergeben das Merkwort PERMA. Es ist ein Modell, das Martin Seligman im Rahmen seines Konzeptes der Positiven Psychologie erarbeitet hat und das nachweislich zu psychischem Wohlbefinden beiträgt.

P – Positive Emotionen

E – Engagement (Überzeugtes Handeln im Flow-Zustand)

R – Relationship (soziale Beziehungen)

M – Meaning (Sinn und Bedeutung)

A – Accomplishment (Selbstwirksamkeit und Ziele)

PERMA-Kinder werden schon früh befähigt, in der Zukunft gesellschaftliche Verantwortung übernehmen zu können, weil sie ein Stärkenbewusstsein haben, Werteglück und freundliches Handeln in sich selbst tragen, und von Anfang an den Sinn hinter den Dingen erkennen, sich Ziele setzen und auf die Botschaft der Sprache in sozialen Beziehungen zu achten.

Kleine Impulse zur Umsetzung

P – Wie viele positive Emotionen haben Sie heute mit Ihrem Kind geteilt? Gab es schon einen Anlass für Freude, Begeisterung, Stolz, Dankbarkeit, Liebe und anderes? Gab es vielleicht schon einen kleinen Konflikt, den Sie mit Ihrem Kind zusammen gelöst haben, und haben Sie sich gemeinsam und dankbar gefreut, dass sie eine gute Lösung gefunden haben?

E – Hat sich Ihr Kind heute schon gedankenverloren und zeitvergessend in ein Bilderbuch vertieft oder mit etwas anderem beschäftigt? Dann war es heute schon im „Flow“. Und auch wenn Sie vielleicht in Zeitstress geraten: Würdigen Sie dies positiv, denn es ist eine Stärke.

R – Gab es heute schon einen Anlass für gemeinsames Lachen und Freuen, für ein vertrauensvolles Gespräch oder für (zeitloses) Trösten? Solche Bindungsmomente stärken Sie und ihr Kind deutlich und nachhaltig.

M – Alles, was wir im Herzen mit uns tragen (im Positiven wie im Negativen) und als Erinnerung ein ganzes Leben immer wieder präsent wird, hatte einmal eine Bedeutung. Es ist also wichtig, Ereignisse zu schaffen, die eine positive Bedeutung bzw. einen Sinn ins Kinderherz pflanzen: ein Bilderbuch gemeinsam zu lesen, einen Moment der Zuwendung zu genießen, wenn alles um einen herum gerade nicht gut läuft, oder auch Spiele zu spielen, die „zusammenschweißen“.

A – Ihr Kind liebt sein Glockenspiel und möchte ein ganzes Lied darauf spielen können. Das Ziel ist also klar. Der Weg ist aber steiniger als erwartet, und so können Sie mit Geduld, Motivation und kleinen Hilfestellungen die Selbstwirksamkeit Ihres Kindes stärken, damit es sein Ziel erreicht und stolz auf seinen Erfolg sein kann.

Diese kleinen Impulse zu „PERMA-family“ schaffen Mikromomente der Verbundenheit, die zu einem harmonischen Familienleben beitragen und Erfahrungen ermöglichen, die zu positiven Erinnerungen führen – Schritt für Schritt.

von Theresia Friesinger

Weitere Informationen

Bauer, Joachim (2011): Schmerzgrenze, Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München: Karl Blessing Verlag.

Brown, Brené (2017): Verletzlichkeit macht stark: Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden. Goldman Verlag.

Eisenberger, Gable und Lieberman (2007): Magnetic Resonance Imaging Responses Relate to Differences in Real-World Social Experience.

Fredrickson, I. Barbara (2011): Die Macht der guten Gefühle, Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Newberg, Andrew & Waldman M. Robert (2012): Words can change your brain, 12 Conversation Strategies to Build Trust, Resolve Conflict, and Increase Intimacy. New York: Random House.

Peterson, C., & Seligman, E. P. Martin (2004): Character strengths and virtues: A handbook and classification. Oxford: Oxford University Press.

Rosenberg, Marshall B. (2010): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Gestalten Sie Ihr Leben, Ihre Beziehungen und Ihre Welt in Übereinstimmung mit Ihren Werten. Paderborn: Junfermann Verlag, 9. Auflage.

Seligman, E. P. Martin (2014): Der Glücks-Faktor, Warum Optimisten länger leben. Köln: Bastei Lübbe, 10. Auflage.

Links zum Thema

Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, Prof. Dr. med. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Internist, Psychiater und Psychotherapeut, im Gespräch mit Dr. Franz-Josef Köb, AK Vorarlberg.

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