Krippenkinder - Foto markusspiske ©photocase„In der Krippe meiner Tochter ist jetzt die Farbe Blau dran“ erzählte mir neulich eine junge Mutter, „sie versuchen das den Kindern einzutrichtern, aber meine Tochter kann das einfach noch nicht. Muss man das mit gerade zwei Jahren überhaupt schon?“ „Meiner Erfahrung nach nicht“ bestätigte ich ihre Skepsis.

Bildung in der Krippe ist das Schlagwort, mit dem die ganze Gesellschaft darauf eingeschworen werden soll, dass es ohne eine institutionelle Kinderbetreuung von klein an gar nicht mehr geht. Scheint es doch so, als würde man seinem Kind den Start in sein späteres berufliches Fortkommen gleich von vornherein vermasseln, wenn man sein kleines Kind lieber selbst betreuen möchte.

Eltern werden verunsichert und müssen sich zunehmend dafür rechtfertigen. Aber wie vollzieht sich denn Bildung im Kleinkindalter? Etwa in Physik- oder Englischkursen für Krabbelkinder? Dazu lohnt sich ein Blick in die Innenwelt eines Kleinkindes sowie auf deren organische Basis – das Gehirn.

Am Anfang geht es um die Grundbedürfnisse

Die seelisch-körperliche Situation eines Babys  wird zunächst von instinktiv vorgegebenen Grundbedürfnissen bestimmt, die es mit auf die Welt bringt.  Es ist die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe. In seinem frühen Reifegrad ist das Kind vorerst nur in der Lage, Liebe ausschließlich hautnah über die Sinneswahrnehmungen zu spüren. Es ist durch die neun Monate währende Schwangerschaft auf eine vollkommen umschließende Geborgenheit in der Mutter geprägt. Nach der Geburt in eine kalte, helle, laute und unendlich weite Welt – der Ent-Bindung – braucht es sofort wieder Bindung. Es braucht die unmittelbare Nähe zu genau dieser Person, eben seiner Mama: ihre Wärme, ihre Haut, ihren Herzschlag, ihre Stimme, ihr liebes Gesicht und die gute warme Milch aus ihrer Brust für das bis dahin unbekannte Hungergefühl im Bauch.

Dann kommt in seinem Innersten an: Ich werde geliebt. Ich bin wertvoll.

Um diese Botschaft dauerhaft in seiner Seele  zu  verankern, muss dieses Wohlgefühl immer und immer wieder hergestellt werden. Die sensorischen Impulse, die das kindliche Gehirn bereits im Mutterleib empfangen hat, müssten für seine optimale Entfaltung fortwirken können. Das Kind braucht die elementare körperliche Mutterwahrnehmung, führte die Stillberaterin Renate Fegter in einem Artikel über frühe sensorische Stimulation aus. Das kleine Kind sehnt sich nach der Mütterlichkeit seiner Mutter. Nur aus der beständigen Nähe heraus können die Mutter und ihr kleines Kind eine sichere Bindung zueinander entwickeln; vertraute Zwiesprache halten sowie emotionale Botschaften einander senden und widerspiegeln. Das ist eine wichtige Erkenntnis der Bindungs- und Hirnforschung.

Sichere Bindung ist die Grundlage

Die sichere Primärbindung ist die Basis für die altersentsprechende Reifeentwicklung des Gefühlslebens.  Die innere Sicherheit macht es dem Kind möglich, Sekundärbindungen, zum Beispiel, zum Vater und zu den Geschwistern aufzubauen sowie allmählich erste Schrittchen in die Selbstständigkeit zu unternehmen. Ein solcher Reifeprozess muss und kann nicht trainiert werden, sondern er vollzieht sich von selbst bei guter Bindung. Ein Kind, das nichts tun muss, um an  Liebe satt  zu werden, fühlt sich frei und geborgen, die Welt zu entdecken. So beschreibt es der kanadische Bindungsforscher Gordon Neufeld in seinem Buch “Unsere Kinder brauchen uns“.

Allerdings braucht der Reifeprozess, für ein paar Stunden angst- und damit stressfrei ohne Mama oder Papa auszukommen, länger, als unsere Gesellschaft es den kleinen Kindern zugestehen will. Sowohl von der Bindungs- als auch von der Hirnforschung her spricht alles dafür, dass dieser Zeitpunkt nicht eher als um die Dreijährigkeit herum angesiedelt ist.

Der Bindungsforscher Richard Bowlby stellte fest, dass bei Kindern bis zum 30. Lebensmonat die rechte Hirnhälfte (zuständig für die Emotionen) größer als die linke Hirnhälfte ist; erst mit etwa 36 Monaten würde die linke Seite dominant. Dies fördere dann die Entwicklung von komplexer Sprache und von Zeitgefühl, was einem Kleinkind noch fehlt. Bowlby schlussfolgert, dass „qualitativ gute Vorschulerziehung den meisten Kindern (hilft), die älter als 36 Monate sind, ihre kognitiven Fähigkeiten und eine soziale Unabhängigkeit zu entwickeln. Forscher haben keine dieser Vorteile für Kinder, die jünger als 24 Monate waren, gefunden. Aus diesem Grund sollte die individuelle Fähigkeit von Kleinkindern zwischen 24 und 36 Monaten, mit dem Trennungsstress fertig zu werden, sehr sorgfältig untersucht werden. Das Durchschnittsalter von etwa 30 Monaten kann dabei nur als grober Richtwert dienen.“

Die Entwicklung des „emotionalen Gehirns“

Der amerikanische Hirnforscher Alan Schore ist auf der Kinderärztlichen Tagung in Bielefeld 2011 der Frage nachgegangen, wie die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind die Gehirnentwicklung beeinflusst. Er stellte fest: Der kontinuierliche Gefühlsaustausch zwischen Mutter und Kind konstituiere das sogenannte emotionale Gehirn  des Kindes. Er bewirke maßgeblich eine optimale Affekt- und Stressregulation, die Grundlage dafür, später ausgeglichen, dass heißt stressfest und seelisch stabil, die „Stürme“ des Lebens zu bestehen. Indem also eine sichere Bindung zwischen  Mutter und Kleinkind gelebt wird, entstehen sichere Bindungsmuster. Darauf basieren im späteren Leben Sozialkompetenz und Beziehungsfähigkeit einerseits sowie andererseits Lernbereitschaft, Interesse, Neugier, Beharrlichkeit, Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Konzentration, was für jede Bildung wichtig ist.

Für die frühkindliche Bildung gilt insbesondere: Das Lernen – das Einspeichern von Erfahrungen im Gehirn – ist noch unmittelbar und direkt an das Glück im sicheren Bindungszusammenhang gekoppelt, da wo die Eltern da sind und die Freude am ersten Entdecken der Welt widerspiegeln und bestätigen, folgert die Familientherapeutin Erika Butzmann aus den Ergebnissen der Hirnforschung.

Hemmfaktor „Krippen-Stress“

Kann das die Betreuung in Krippen annähernd leisten? Durch die Trennung von ihrer Mutter stehen die Kinder unter einem extremen Stress, den man ihnen äußerlich nicht immer anmerkt. Zu diesem Hauptstressfaktor kommen weitere, wie die hohe Kinderzahl, der zu hohe Geräuschpegel, der Erzieherwechsel, die Anpassung an den Kripprnrhythmus sowie an die Arbeitszeiten der Eltern.

Die von 2007 bis 2012 laufende „Wiener Krippenstudie“  erhärtete das durch Messungen des Stresshormons Cortisol im Speichel. Auch sicher an ihre Erzieherin gebundene Kinder mit bester Betreuungsqualität blieben davon nicht verschont, so ein erstaunliches Ergebnis dieser Studie.

Die veränderten Cortisolwerte bewirken auch die sichtbar hohe Anfälligkeit der Krippenkinder für Infekte jeder Art. Die amerikanische Langzeitstudie NICHD ergab ferner, dass dauerhaft veränderte Cortisolwerte die Stressregulationsfähigkeit lebenslang beeinträchtigen können, sowie dass außerdem Krippenbesuch und ggf. vernachlässigender Familienhintergrund diesbezüglich additiv wirken. Eine verschlechterte Stressregulationsfähigkeit ist als Risiko für alle seelischen und psychosomatischen Erkrankungen einzustufen. Zu diesem Ergebnis kam der Hirnforscher Alan Schore.

Alle Indizien weisen daraufhin,  dass die Situation für die Krippenkinder selbst bei bestem Betreuungsschlüssel emotional strapaziös ist. Die Mehrheit der Kitas erfüllt indes nicht einmal ansatzweise eine solche Qualität. Auf eine katastrophale Personalsituation wies der Bundesverband der Kinderärzte 2013 hin. Es gibt in Deutschland keinen verbindlichen Betreuungsschlüssel für Kleinkinder. Während Experten etwa 3 bis allerhöchstens 5 Kinder pro Erzieherin für verantwortbar halten, sind es wohl bundesweit 3-4mal so viel.

„Kaum jemand versteht die Notsignale der Kinder“

Eine Erzieherin beschrieb mir ihren Berufsalltag so:  „Typische Stresssituationen sind zum Beispiel das An- und Ausziehen, wenn man mit den Kindern ´rausgehen will: Viele Kinder auf engem Raum – die einen schwitzen schon – die anderen sind noch nicht angezogen. Danach zur  Mittagszeit: Essen, Füttern, Fertigmachen zum Schlafenlegen – alle sind müde, viele schreien. Das Schlafengehen kann nicht individuell gestaltet werden. Wird ein Kind zu früh wach – kriegen die anderen nicht genug Schlaf. Am Nachmittag  löst sich die Gruppe auf, weil einige Kinder abgeholt werden. Die Kinder, die länger bleiben müssen, kommen mit den anderen Kindern der Einrichtung in den Spätdienst: Das bedeutet: wieder neue Kinder, wieder eine neue Erzieherin.

Ab einer gewissen Zeit stehen die Kinder zum Beispiel am Zaun und warten nur noch oder weinen schon nach der Mama. Wenn sie kommt, sieht man oft erst die Bedürftigkeit nach Nähe und Liebe und ihre Erschöpfung. Die Kinder schmiegen sich an, wollen ihre Kuschelsachen haben, oder sie sind völlig überdreht und schreien nur noch als Druckventil. Kaum jemand versteht die Notsignale der Kinder.“

Sie könne das alles nicht mehr, so die Erzieherin weiter, sie gebe diesen Beruf auf. Auf die Bildungsaufgabe der Krippe hin angesprochen, winkt sie nur ab und erklärt: „Wenn die Grunderfahrung der Geborgenheit nicht gegeben ist, lernt ein Kind auch nicht. Viel effektiver wäre es für die Bildung, die Kinder wären zu Hause und die Eltern würden auf sie eingehen, mit ihnen ein Bilderbuch ansehen, spazierengehen, sie einfach ruhig vor sich hin spielen lassen.“

Es bleibt nur die Frage, warum unsere Gesellschaft vorwiegend in eine teure Ersatzbetreuung investiert, und nicht in das Original – die Betreuung in der Familie.

von Hanne K. Götze

Links zum Thema

Studie

Gestresst? oder glücklich? oder beides? Jedes fünfte Kind ist laut Studie überfordert. Was wir aus Umfragen bei Kindern und Jugendlichen lernen können und was eben nicht: Kinder in Deutschland – Stress – „Von wegen ausgebrannt“.