Der Jugend-Gewalt vorbeugen - Foto lassedesighen © fotoliaDie Kriminalstatistik weist für das vergangene Jahr einen Rückgang der jugendlichen Gewalttaten aus. Experten zweifeln an der Aussagekraft dieser Statistik. Zweifellos aber verändert sich der Charakter der Gewalt. Die Brutalität der Taten, der erschreckende Mangel an Mitgefühl mit den am Boden liegenden Opfern nimmt ständig zu. Die Hemmschwellen sinken.

„Was sind die Gründe für die „Verrohung“ und was kann – so früh wie möglich – getan werden, um schon das Entstehen der Gewaltbereitschaft zu verhindern?“ Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Symposium mit etwa 350 Teilnehmern und illustren Referenten in der Hanns-Seidel-Stiftung in München, veranstaltet vom Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V., iDAF

Bindung – Bildung – Gewaltprävention

In den per Video zugespielten Einleitungsworten setzte Christine Harderthauer vom bayerischen Arbeits- und Familienministerium den Ton der Veranstaltung: Die Gründe für Jugendgewalt verstehen und präventive statt Reparaturmaßnehmen entwerfen. Dabei, so die Ministerin, käme der Familie als „erstem und ursprünglichem Bildungsort“ eine entscheidende Rolle zu. Familienleben aber brauche „Zeit und Elternkompetenz“; „nichts und niemand kann Familie ersetzen“.

Bestandsaufnahme aus der Polizeipraxis

Der Jugend-Gewalt vorbeugen - Foto fresnel6 © FotoliaPeter Dathe, Präsident des Bayerischen Landeskriminalamts, wies vorab auf den Unterschied zwischen den realen Daten und der öffentlichen Wahrnehmung hin. Jugendgewalt spiele sich überwiegend im öffentlichen Raum ab und produziere entsprechend größere öffentliche Aufmerksamkeit. Typisch die „Gewaltkurve“ vor allem bei den Jungen und Männern. Die Zahl der Gewaltdelikte steige im Alter zwischen 12 und 14 Jahren um das Doppelte an, erreiche im Alter von 18-20 Jahren ihren Höhepunkt und sinke danach wieder ebenso steil ab.  Diese Kurve sei seit vielen Jahren praktisch unverändert. Die Behauptung, die Täter würden immer jünger sei daher nicht korrekt.

Keine Daten gäbe es für Mobbing und Cybermobbing. In einer Befragung bei Jugendlichen hätten 23 Prozent der Teilnehmer angegeben, Opfer von Cybermobbing zu kennen.

Besorgniserregend sei  die wachsende Rolle von Alkoholmissbrauch vor allem bei Gewaltdelikten Jugendlicher und junger Erwachsener, die bei den 18-20jährigen einen Anteil von über 50 Prozent an allen Straftaten ausmachten.

Die Polizei sei am Ende der Reaktionskette auf jugendliche Gewalt und ihr präventive Rolle daher eher eingeschränkt. Zudem würden 40 Prozent aller Straftaten von nur 5 Prozent „Intensivtätern“ begangen, bei denen in der Regel Verhaltensänderungen nicht zu erwarten seien.

Dennoch setzte sich auch die Polizei mit verschiedenen Interventions- und Aufklärungsprogrammen etwa an Schulen für die Verhinderung jugendlicher Straftaten ein, mit regionalen Schwerpunkten. In Bayern allein seien 400 Beamte speziell dafür geschult. Hilfreich sei die Beschleunigung der Strafverfahren, um die unmittelbare Verknüpfung von Tat und Strafe den Jugendlichen bewusster zu machen.

Dringend notwendig sei die Vernetzung der Verantwortlichen auf allen Ebenen. Vor allem die Eltern, „die in den Strafstatistiken nicht vorkommen“, müssten stärker einbezogen werden. Die Aufklärungsaktion mit der Frage an die Eltern: „Wissen Sie, wo Ihre Kinder sind?“ treffe den Kern des Problems. Nicht Strafe, sondern Persönlichkeitsbildung sei die Lösung.

Zerstörte Selbstbilder

Der Jugend-Gewalt vorbeugen - Foto iStock © Tatlana MorozovaQuelle von mitleidloser Gewalt ist die Verletzung und Zerstörung des Selbstbilds und der Selbstachtung, so Prof. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, Leiterin des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XV.

Wenn die Fähigkeit zur Bearbeitung und Bewältigung von Scham nicht gelernt würde oder verloren gehe, komme es bei „Beschämung“, bei Demütigung und dem Gefühl von Wertlosigkeit und Unterlegenheit zu „Übersprungshandlungen“, Gewalt und Zufügen von Leid als Kompensation.

Die Rolle der Scham und ihr Erlernen („wie Sprache“) in der Erziehung sei als „Bändigung der zentrifugalen Kräfte“ im Menschen, dem Auseinanderstreben von Körper und Selbst, für Gelingen von gesellschaftlicher Ordnung und die Einübung gemeinschaftlicher „Codes“, Normen, Regeln, Tabus unverzichtbar. Sie schütze den „kostbaren Kern“ des verletzlichen Selbst.

Die Scham in der Konfrontation mit der eigenen Tat, „maßvoll und in Liebe gesprochen“, der Täter-Opfer-Dialog und das Mitgefühl mit dem Leiden des anderen müsse gelernt werden, sei ein „Kulturgut“ und Schutz vor dem Verlust des Selbstwertgefühls. Nur das Erlernen von Mitgefühl verhindere die Lust an der Gewalt.

Selbstwert aber sei angewiesen auf die Zuweisung und Zuschreibung durch andere, etwa wenn Eltern ihren Kindern deutlich machen: „Wir wollen, dass Du da bist!“ Quelle des Selbstwerts und der Selbstachtung sei das Erleben und das sichere Wissen, geliebt zu sein.

Beschämung durch Fremde, die Degradierung zum Objekt ohne eigene Bedeutung führe, so Prof.  Gerl-Falkovitz, zu Gewalt zur Wiederherstellung der eigenen Identität, je mehr, je größer die Verletzung des Selbst und das Bewusstsein der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Angst und Gewalt

Der Jugend-Gewalt vorbeugen - Foto iStock © Debbie LundAuf völlig anderem Wege und mit anderer Fragestellung kam Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen, zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen.

In seinem Vortrag ging es um die neurobiologischen Grundlagen von Angst und Gewalt, das Zusammenspiel von ererbter Verletzlichkeit und Umwelteinflüssen in der Persönlichkeitsentwicklung, wie es sich im menschlichen Hirn darstellt und darstellen lässt.

Den Unterschied von Furcht und Angst, die Bewältigung von Stress und Trauma, das Wechselspiel von Erregung und Beruhigung in den verschiedenen Hirnregionen, das hochkomplexe System der Aktivierung, Steuerung und Blockierung von Nervenzellen im Cortisol-, Serotonin- und Oxytozin-„System“, zeichnete Prof. Roth in bildlich-anschaulicher Weise als Basis für die Frage nach den Ursachen von Fehlentwicklungen und Gewalt.

Das menschliche Gehirn und sein so beschriebenes Funktionieren sei nur zum geringeren Teil „erblich“, epigenetisch bestimmt, und werde im Zusammenspiel dieser Erbfaktoren mit Umwelteinflüssen durch Erfahrungen bereits im Mutterleib und in früher Kindheit geprägt. Selbstwert, Empathie, Verantwortlichkeit seien gelernte Ergebnisse einer liebevollen Zuwendung durch vertraute Personen und die sichere Bindung des noch „unfertigen“ Kindes an diese Personen.

Bindungsmangel und Bindungsverlust führten zu Angst, Depression und asozialem Verhalten – vor allem bei Männern. „Der Ausfall der Bindung ist die größte Bedrohung überhaupt.“ So vielfältig die Gründe für diesen Bindungsausfall, von mütterlicher Depression über Vernachlässigung, Missbrauch und gewaltsamer Trennung von Bindungspersonen, so schwer seien seine Auswirkungen nachträglich zu kompensieren.

In einer Typologie der Gewalttäter und der unterschiedlichen Gründen für ihre Gewaltimpulse arbeitete Prof. Roth die spezifischen Merkmale des Psychopathen als den mit Abstand gefährlichsten und nicht therapierbaren Typus des Gewaltverbrechers. Hirnphysiologisch zeichne sich der Psychopath durch eine hochentwickelte Intelligenz und das völlige Fehlen von Furcht, Empathie, Impulskontrolle, Lernfähigkeit und die Entwicklung der für diese Eigenschaften „zuständigen“ Gehirnregionen aus.

Als mögliche Gründe nannte Prof. Roth  – neben der genetischen Vorprägung und physischer Schädigungen des Hirns etwa durch einen Unfall – vor allem die unzureichende Ausbildung der „Resilienz“, der Widerstandskraft gegen widrige Umstände, in frühester Kindheit und die Fremdbeschämung und/oder sozialen Ausgrenzung.

Für die Vorbeugung einer Entwicklung zum psychopathologischen Gewaltverbrecher gebe es daher nur eine Maxime: „So früh wie möglich“

Rolle der Peer-Groups

Der Jugend-Gewalt vorbeugen - Foto 123RF © jmpagetDr. Albert Wunsch, Pädagoge und Psychologe an der Universität Düsseldorf, näherte sich dem gleichen Thema aus wieder einer anderen Richtung:

Die Bedingungen für ein Entwicklung zur selbstbestimmten Persönlichkeit – und die Rolle, die dabei die Bindung in Familie und Peer-Group spielt.

Gelingende Persönlichkeitsentwicklung bedürfe der intensiven Bindungs-Erfahrung, viel Zeit für Zuwendung, ein ermutigendes Umfeld und eine „nachhaltige Lebenschance durch Nähe“. Noch knapper gefasst in dem Pestalozzi-Zitat: „Erziehung ist Vorbild und Liebe, sonst nichts“

Diese Basis entscheide auch über die Auswirkungen der Peer-Group-Kontakte auf die Entwicklung vor allem im Jugendalter. Peer-Groups seien wichtig für die Entwicklung der eigenen Identität und ein Instrument für die Emanzipation vom Elternhaus. Dabei spiele die Gruppe eine umso größere prägende Rolle, je schwächer die Familienbindung sei – mit ungewissem Ausgang.

Eine funktionierende Familie in intensiver Wechselwirkung mit der Peer-Group schaffe die beste Voraussetzung für eine harmonische Persönlichkeitsentwicklung.

Schule und Gewalt

Wie schon der LKA-Präsident, Peter Dahte, reichte auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, OStD Josef Kraus, den „Schwarzen Peter“ an die Eltern zurück. Die Schule sei als Korrektur-Apparat für Fehlentwicklungen in früher Kindheit überfordert.

Eine gewälttätige Jugend gäbe es nicht. Jugendgewalt sei Spiegel der Gesellschaft mit ihren typischen Gewaltformen. Jugendliche Gewalttäter seien eine Minderheit, genau wie die 10 Prozent der Eltern, die sich um nichts kümmern und die 10 Prozent der Eltern, die sich zu viel kümmern. Aus beiden Milieus stammten überproportional viele der gewaltbereiten Jugendlichen.

Anders als die Statistiken ausweise, sei die Gewalt Jugendlicher nicht rückläufig. Entscheidender aber sei der veränderte Charakter der Gewalt mit zunehmend pathologischen Gewaltformen und sinkender Hemmschwelle. Dafür gebe es eine Menge unterschiedlicher Ursachen und daher keine einfachen Rezepte für die Problemlösung.

Die Familie sei zunächst in der Pflicht. Die Tendenz zur „Verstaatlichung“ von Erziehung sei eine gefährliche Fehlentwicklung. Zu Ende gedacht führe sie in den totalitären Staat.

Entscheidend sei die Zeit für die Erziehung, die ungezielte, unverplante, unstrukturierte Zuwendung, nicht das rundum geplante Betreuungsprogramm und nicht der „Beschleunigungswahn in der Bildung“. Die „Pisa-Hysterie“ lasse die Bildung verkommen zur zweckgerichteten Produktion von Humankapital und hinterlasse nur Bindungslosigkeit und Neigung zu Gewalt.

Für die Gewaltprophylaxe in der Schule brauche es nicht die totale Überwachung sondern die aufmerksame, individuelle Intervention durch professionelle Betreuer und Psychologen. Dafür aber seien immer weniger Mittel vorhanden.

Verlust von Bindung und Familie

Der Jugend-Gewalt vorbeugen - Foto 123RF © leminuitVom Veranstaltungsleiter als „Bindungs-Guru“ apostrophiert gab der bekannte Pädiater und Psychotherapeut Dr. Karl Brisch einen lebhaften, mit Video-Szenen illustrierten Überblick über die Formen und Verformungen frühkindlicher Bindung und die Rolle der Familie in ihren vielfältigen Erscheinungsformen heute.

Fazit: Ohne Bindung keine Bildung. Ohne den sicheren Hafen kein neugieriger Aufbruch zur Erkundung der Welt. Kinder wollten immer lernen, emotionale Sicherheit aber sei die Voraussetzung. „Bindung vor Chinesisch“.

Die  Art der Bindungssituation und die Feinfühligkeit der hauptsächlichen Bindungsperson (nicht zwingend die Mutter) bestimme den Grad und die Art der Bindung von der „sicheren Bindung“ der großen Mehrheit der Kinder bis hin zu einer „desorganisierten Bindung“ und den manifesten „Bindungsstörungen“, von denen eine direkte Linie zu den pathologischen Gewaltformen und dem Verlust von Mitleidsfähigkeit führten,

Da Ursache dieser Fehlentwicklung immer die Erwachsenen seien, müsse hier die korrigierenden Eingriffe so früh wie möglich erfolgen, Eltern zu feinfühligen Bindungspersonen befähigt werden. Das SAFE-Programm sei ein erfolgreicher Versuch einer solchen Intervention.

Gewalt – welchen Einfluss haben die Medien?

Heftig ist die Anklage des Gewalt- und Jugendpsychologen, Dr. Rudolf Hänsel, der aus eigener Anschauung als Mitglied von Kontrollgremien die „immer brutalere, heimtückischere und menschenverachtendere Formen der Gewalt“ durch Jugendliche beklagte und der die Video- und Spiele-Industrie mitverantwortlich macht für diesen Trend und die Hilflosigkeit der staatlichen Kontrollen anprangerte.

Immer wieder habe es, auch in Bayern, Anläufe für den Schutz von Jugendlichen vor Gewaltverherrlichung in Medien gegeben. Die Wirkung sei gering geblieben. Der Widerstand der Medienindustrie und die Kurzsichtigkeit von Politik und Justiz habe ein wirkungsvolles Eingreifen verhindert.

Musik gegen Gewalt

Gewaltprävention in der Praxis: Der Musiktherapeut Andreas Wölfl, schilderte mit aufmunternder Einbindung des Publikums einen Versuch, die Wirkung der Musik als „Sprache der Gefühle“ in den Dienst der Gewaltprävention zu stellen. Das musiktherapeutische Modellprojekt „Trommelpower – Gewaltprävention und soziale Integration mit Musik“, das der Musiktherapeut hier nicht nur beschrieb sondern demonstrierte, war zunächst in zwei bayerischen Mittelschulen getestet worden und ist inzwischen von etlichen Schulen aller Schularten übernommen worden.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Vortrag

Erziehung oder Peergroup: Wer ist stärker?, Dr. Albert Wunsch

Vortrag

„Angst und Gewalt“, Prof. Gerhard Roth