Ohne Berufsstress vitaler im Alter - foto Souza © pixelioDer Druck vor allem auf die Mütter, nach der Geburt des Kindes möglichst rasch wieder in den Beruf zurückzukehren, wächst ständig. Karriereknick, Altersarmut, Verkümmerung geistiger Potentiale – die Liste der drohenden Konsequenzen bei längerer Auszeit vom Beruf ist lang. Als Patentlösung wird derzeit die Befreiung der Mütter von möglichst viel Kinderbetreuung durch die Ganztagsbetreuung der Kleinkinder und möglichst früher Rückkehr in den Beruf angeboten .

Längere Elternzeit ohne Berufsstress bremst den geistigen Abbau im Alter

Eines der häufig wiederholten Argumente dafür ist die angeblich gößere Zufriedenheit der Mütter durch die soziale Einbindung und die geistige Herausforderung im Beruf. Zufriedene, geistig rege und dadurch gesündere Mütter haben, nach dieser Ansicht, nicht nur glücklichere Kinder, sondern bleiben auch bis ins Alter geistig reger.

Stimmt nicht! So eine aktuelle Studie der Universität Luxemburg:

Ein Ausstieg aus dem Beruf über einen längeren Zeitraum zur Betreuung der eigenen Kinder zahlt sich im Alter durch eine größere geistige Fitness aus.

Andere Gründe dagegen für eine vorübergehende Berufsunterbrechung, wie erzwungene Arbeitslosigkeit oder krankheitsbedingte Arbeitsausfälle haben die gegenteilige Wirkung: beschleunigter geistiger Abbau im Alter. Diese gegensätzlichen Effekte zeigen sich unabhängig von der sozialen Stellung, dem Beruf und anderer Faktoren, die die geistige Entwicklung des Erwachsenen beeinflussen.

Das luxemburger Forschungsteam unter Leitung von Dr. Anja Leist analysierte die Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) Projekts aus 13 europäischen Ländern mit kompletten Lebensverläufen und zahlreichen Tests geistiger Leistungsfähigkeit im Alter.

Kinderbetreuung und Fortbildung vergrößern die geistigen Reserven

Es zeigte sich, dass längere Unterbrechungen der Berufskarrieren zu rascherem geistigen Abbau im Alter führten – mit zwei bedeutenden Ausnahmen: Auszeiten für Kinderbetreuung und für Fortbildung.

Tatsächlich zeigte sich, dass Frauen, die länger als sechs Monate für die Kinderbetreuung ihre Berufszeit unterbrachen, einen um 30 Prozent geringeren altersbedingten Abbau ihrer geistigen Fähigkeiten aufwiesen, als Frauen mit ununterbrochenen Arbeitsbiographien.

Anders als der vorübergehende Berufs-Ausstieg für die Kinderbetreuung konnte der positive Effekt auf die geistige Entwicklung bei den „Nur-Hausfrauen“ ohne eigene Berufskarrieren nicht nachgewiesen werden.

Forscher interpretieren diesen Elternzeit-Effekt auf die geistige Fitness im Alter als Folge der größeren Vielfältigkeit der Lebens-Aufgaben und -Tätigkeiten in einer Mischung aus Beruf und Kindereziehung. Ausserdem sei eine längere Eltern-Auszeit ein Schutz gegen den unvermeidlichen Stress beim Versuch, Kinderbetreuung, Partnerschaft und Beruf unter einen Hut zu bringen und schütze daher vor psychischen Überlastungen und Erkrankungen. Durch die Eltern-Auszeit blieben die geistigen Reserven bis ins Alter besser erhalten.

„Für mich war es aufregend zu sehen, dass man Auszeiten vom Beruf auch als Steigerung der geistigen Reserven im Arbeitsleben begreifen kann. Wie genau sich hier die Zusammenhänge  darstellen, muss Gegenstand weiterer Forschung sein“, so Dr. Anja Leist.

Ergebnisse dieser und anderer Forschungsprojekte werden ignoriert

Schon vor einigen Jahren war eine Gruppe von Wissenschaftlern an der Universität von Basel in einem Gutachten zur damals geplanten Verlängerung der Elternzeit in der Schweiz zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. In der Diskussion um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ in Deutschland wurden bisher wissenschaftliche Erkenntnisse wie diese systematisch ausgeblendet.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Studie

Anja K. Leist et al., Time away from work predicts later cognitive function: differences by activity during leave, Annals of Epidemiology, August 2013, 23/8, 455-462

Studie

Katharina Staehlin et al., Length of maternity leave and health of mother and child–a review, International Journal of Public Health. 2007;52(4):202-9.

Quelle: Eurekalert