Wie Erfahrungen uns prägen 1 - 123rf © jackf„Einen anderen Ton bitte!“, fährt mich mein Vorgesetzter an, als ich mich zugegebenermaßen lautstark beim ihm beschwere. Eine Freundin äußert genervt: „Kannst du eigentlich noch was anderes als zu jammern?“ Und mein Mann flüchtet in seine Gartenarbeit, wenn ich – wie er sagt – wie ein Vorschlaghammer klinge, wenn ich meinem Ärger Luft mache.

Seltsamerweise sind das alles Verhaltensweisen, die ich meiner Mutter vorwerfe …

Alles beginnt früher, als wir denken

Es begann schon weit vor dem ersten Tag der Geburt. Im fünften Schwangerschaftsmonat ist das Gehör des Ungeborenen bereits ausgebildet und beginnt, die Stimme und die damit verbundenen Stimmungen der Mutter zu unterscheiden. Es hört den Rhythmus ihres Herzens, das Rauschen ihres Blutkreislaufs und vieles mehr. Während der Schwangerschaft werden zentrale Regelkreise im Gehirn und in den Genen geformt und schaffen eine fetale Programmierung, die ein Leben lang eine Wirkung auf das Verhalten des Kindes hat.

Ob wir also wollen oder nicht: Von Anfang an und unser ganzes Leben lang sind wir den Einflüssen unserer direkten Bezugspersonen und aller für uns wichtigen Personen in unserem Leben ausgesetzt. Die gute Seite ist, dass wir selbst den größten Einfluss darauf haben, wie wir nach außen wirken und uns somit stimmig oder auch gegensätzlich zu anderen verhalten (wollen).

Gänsehautmomente bleiben

Wir hören ein Wort, einen Ton, ein Geräusch, einen Klang, sehen dazu eine Geste, eine Mimik, einen Gegenstand, einen Ort und nehmen darüber hinaus vielleicht noch einen Geruch wahr. Ohne Vorerfahrungen sind all diese Botschaften allein oder in beliebigen Kombinationen zunächst neutral. Erst, wenn wir eine Erfahrung damit verknüpfen, die für uns eine Bedeutung hat, entfaltet sich eine persönliche Wirkung.

Vom ersten Tag unseres Lebens sammeln wir Erfahrungen, bewerten sie als Ganzes sowie in ihren Teilen, wägen sie mit unserer Persönlichkeit ab und legen den Grundstein für unser ureigenes, inneres Bild und eine eigene Ansicht.

Mit jeder Wiederholung gleicher oder ähnlicher Ereignisse manifestiert sich das Erfahrene. Zuvor unbekannte Erlebnisse bilden neue Erfahrungsgrundlagen und gesellen sich zu den älteren, werden in ihren Einzelteilen abgeglichen, ergänzt und manchmal ausgetauscht. Da liegt übrigens auch der Grund, warum unsere Erinnerung manchmal eine leicht andere ist, als die von einer anderen Person, die dabei gewesen ist.

Wie sich Erfahrungen schließlich auf das eigene Leben auswirken, ist von der Persönlichkeit des Kindes abhängig. Stille, zurückhaltende Kinder werden andere „Resultate“ aus gleichen Erfahrungen ziehen als forschere, aufgeschlossene. Während bei dem einen Kind das Berühren eines spitzen Gegenstandes mit der Folge einer kleinen Verletzung im schlimmsten Fall eine Phobie auslösen kann, probiert ein anderes Kind viele Male aus, wie es den Gegenstand berühren kann, ohne sich zu verletzen. Auch in diesen Fällen spielen eigene und beobachtete Vorerfahrungen eine erhebliche Rolle.

Ein grundsätzlich aufmerksamer, positiver und liebevoller Umgang mit dem Kind, stabile soziale Kontakte und lösungsorientiertes Verhalten bei Konflikten helfen, um im Rahmen der eigenen Persönlichkeitsstruktur neugierig zu bleiben und sich neuen Erfahrungen offen zu zeigen.

Wie Erfahrungen prägen 2 - Foto Brebca © AdobeStockIn Erinnerung bleibt zum Beispiel ein Bilderbuch, das in kuscheliger Atmosphäre immer wieder vorgelesen wird, das Puppenhaus, mithilfe dessen wir Situationen nachgespielt haben, die für uns eine Bedeutung hatten, oder das Erlernen eines Geburtstagsliedes in der Kita oder der Musikalischen Früherziehung, mit dem wir unsere Mutter berührt haben.

Jede Wahrnehmung, die mit einem emotionalen Ereignis verbunden ist, bleibt – positiv wie negativ!

Übrigens: Das gilt nicht nur für Kinder, die ihren Erfahrungsschatz erst aufbauen, sondern auch für Ältere, die bereit sind, Neues zu entdecken. Wir kaufen nach dem Zoobesuch den Zooführer aus dem Bedürfnis heraus, das Erlebte mit nach Hause zu nehmen …

von Beate M. Dapper

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