Manche Kinder entwickeln sich anders als Gleichaltrige: Sie drücken sich sprachlich besonders gewandt aus, entwickeln sprachliche Fähigkeiten ungewöhnlich früh oder verspätet, reagieren empfindlich auf Geräusche oder zeigen motorische Unsicherheiten. Kinder, die von typischen Entwicklungsverläufen abweichen, werfen bei Eltern oft viele Fragen und Sorgen auf.
Hinter solchen Auffälligkeiten können seltene angeborene oder erworbene neurologische Erkrankungen stehen. Obwohl jede einzelne Erkrankung selten ist, betrifft die große Zahl unterschiedlicher Erkrankungen insgesamt viele Kinder und Familien. Prof. apl. Dr. med. Ute Thyen aus Lübeck berichtete im Rahmen der Jahrestagung des Forums Frühe Kindheit 2026, wie vielfältig diese Entwicklungsverläufe sein können, welche Ursachen infrage kommen und warum eine ganzheitliche Betrachtung der Kinder besonders wichtig ist.
Wenn seltene Erkrankungen die Entwicklung beeinflussen
Angeborene Fehlbildungen und Erkrankungen des Nervensystems gelten in der Regel als Seltene Erkrankungen (SE), wenn nicht mehr als 2 von 1.000 geborenen Kindern betroffen sind. Obwohl jede einzelne Erkrankung selten ist, leben insgesamt viele Kinder und Familien mit den Folgen seltener Erkrankungen. Weltweit sind mehr als 6.000 unterschiedliche Krankheitsbilder bekannt. In Deutschland sind schätzungsweise etwa vier Millionen Menschen betroffen [1].
Viele dieser Erkrankungen zeigen sich bereits im Kindesalter und fast immer handelt es sich um Entwicklungsstörungen, die sowohl neurologische als auch psychische Symptome zeigen [2]. Das Beispiel des William-Beuren-Syndroms verdeutlicht die komplexen Auswirkungen dieser genetischen Entwicklungsstörung:
Die Erkrankung ist äußerlich nicht immer sofort erkennbar. Typisch sind jedoch häufig Kleinwuchs und bestimmte charakteristische Gesichtszüge. Die Kinder fangen früh an zu lesen, sind ausdrucksstark und häufig musikalisch begabt. Andererseits fällt die langsame motorische Entwicklung auf, Lernschwierigkeiten, Geräuschempfindlichkeit sowie eine Ess- und Trinkschwäche. Auch eine Distanzlosigkeit gegenüber fremden Menschen kann typisch sein. Zudem ist bei diesen Kindern der Calciumstoffwechsel gestört.
Ursachen in der Schwangerschaft und frühen Kindheit
Als mögliche Ursachen für angeborene Entwicklungsstörungen nannte Prof. Thyen unter anderem Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, der die Entwicklung neuronaler Funktionen beeinträchtigen kann. Auch Infektionen in der Schwangerschaft, etwa durch Herpesviren oder Röteln, bestimmte Medikamente sowie Umweltgifte können die Entwicklung des Kindes beeinflussen. Darüber hinaus spielen nach heutigen Erkenntnissen auch sogenannte transgenerationale Aspekte eine Rolle. Damit sind Einflüsse gemeint, die über mehrere Generationen hinweg auf die Regulation neurologischer, hormoneller und immunologischer Prozesse wirken können.
Zu den erworbenen neurologischen Schäden im frühen Kindesalter gehört: Das Schütteltrauma.
Werden Säuglinge heftig geschüttelt, können schwere Verletzungen im Gehirn entstehen, die zur langsameren Entwicklung und zu unklaren Entwicklungsdefiziten führen können. Schütteltraumas entstehen oft aus Überforderung, beispielsweise wenn ein Baby lange schreit und Eltern Schwierigkeiten haben, ihr Kind zu beruhigen.
Zu den erworbenen entzündlichen Erkrankungen gehören Infektionen wie Herpes, Masern oder durch Zecken übertragende Erkrankungen sowie das postvirale Erschöpfungssyndrom nach Covid-19. Bei einer limbischen Enzephalitis, einer Autoimmunerkrankung des Gehirns, kommt es zu Bewegungs-, Verhaltens- und Gedächtnisstörungen, die jedoch gut behandelt werden können.
Die Diagnose: Ganzheitliche Betrachtung unerlässlich
Bei der Erstellung einer Diagnose müssen körperliche und psychische Befunde erhoben werden, ebenso müssen eine Sozial- und Familienanamnese sowie pränatale Erfahrungen einbezogen werden. Eine vorschnelle oder einseitige Bewertung könne leicht zu Fehleinschätzungen führen, so Prof. Thyen. Beispielsweise haben Kinder mit körperlichen Erkrankungen eher Verhaltensstörungen. Zudem müsse die Wechselwirkung körperlicher, seelischer und sozialer Faktoren berücksichtigt werden, so etwa, wenn Kinder aus Familien kommen, die weitere Probleme bei der Regulation des Säuglings haben. Bei vielen Kindern bleibt dennoch die genaue Ursache trotz einer umfassenden Diagnostik unklar.
Unterstützung finden Familien unter anderem in Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) sowie Zentren für Seltene Erkrankungen (ZSE). Dort arbeiten Fachkräfte verschiedener medizinischer, therapeutischer und sozialer Bereiche zusammen. Da körperliche, geistige und psychische Entwicklungsstörungen häufig gemeinsam auftreten, sei eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit besonders wichtig.
von Erika Butzmann
weitere Informationen
Literatur
Thyen U, Spiegler J, Konrad K. „Das biopsychosoziale Verständnis von Gesundheitsstörungen und Beeinträchtigungen bei Kindern mit Fokus auf entwicklungsneurologische Zusammenhänge“, Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2023 Jul;66(7):736-744.
Roth, Sandra, Lotta Wundertüte – Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl, S. Fischer Verlag, 2015
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