Familien leben - Foto iStock © YuriHannsjörg und Eva-Mareile Bachmann liegt ein erfülltes Familienleben am Herzen. Dafür sollten Eltern sich nicht von gesellschaftlichen Moden und wirtschaftlichen Interessen beeinflussen lassen, sondern lieber auf ihr eigenes Bauchgefühl und Herz hören.

Eine Rezension von Birgitta vom Lehn zum Buch: Familien leben. Wie Kinder und Eltern gemeinsam wachsen. Ein Grundlagenbuch.

Dieses „Grundlagenbuch“ darf gern als „Hausbibel“ daherkommen. Den beiden Autoren – Vater und Tochter – ist mit „Familienleben“ ein klar konzipiertes, gut verständliches, lehrreich und locker geschriebenes, sorgfältig gegliedertes Werk gelungen, das man jedem angehenden Eltern- und auch Großelternpaar wärmstens empfehlen möchte. Das Buch liest sich auch deshalb so spannend und flüssig, weil es nachweislich authentisch ist: der Autor Hannsjörg Bachmann leitete zwei Jahrzehnte lang eine Kinderklinik in Bremen, ist seit 50 Jahren verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und fünf Enkelkinder; seine Ko-Autorin Eva-Mareile Bachmann hat berufliche Erfahrung als Psychologische Psychotherapeutin und ist zudem vierfache Mutter.

Prägung durch Jesper Juul

Vater Bachmann gesteht in einer persönlichen Vorbemerkung, dass ihm (Jahrgang 1943) die damals gängige autoritäre Erziehung eindeutig geschadet habe. Und zwar nicht beruflich, „aber in der Beziehung zu mir selbst und in den Beziehungen zu den Menschen, die mir besonders wichtig waren und sind“. Er habe jedoch immer wieder „das Glück gehabt, mit Menschen umgeben zu sein, die mehr von Beziehung und Bindung verstanden als ich“. Und von diesen habe er lernen dürfen. Besonders intensiv habe ihn die Begegnung mit Jesper Juul geprägt, den der Autor 2009 persönlich kennenlernte. Seitdem gehört er auch zum family-lab-Team, er ist zudem Mitbegründer der Familienwerkstatt im Landkreis Verden e.V. Der inzwischen verstorbene Familientherapeut Juul habe ihn auch ermutigt, dieses Buch auf den Weg zu bringen.

Seine Tochter berichtet von dem Abenteuer, binnen zweieinhalb Jahren zweimal Mutter von Zwillingen geworden zu sein. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie und ihr Mann also vier Kinder. In dieser Zeit hätten sie nicht viel Gelegenheit gehabt, eine „Linie“ für ihr „Familienhaus“ zu finden. Gewünscht hätte sie sich damals ein „Buch, das alles Wichtige aus dieser Lebensphase zusammenfasst“. An diesem Buch hat sie nun selbst mitgewirkt.

Fünf große Themenkomplexe

  • Familie – Qualität der Beziehung
  • Paar – Wenn es den Partnern miteinander gut geht, geht es gewöhnlich auch der Familie gut
  • Eltern und Kind – Von Bindung, Beziehung, Persönlichkeitsentwicklung und Schlüsselkompetenzen
  • Rahmenbedingungen – Was wollen wir als Familie in den ersten Lebensjahren?
  • Exkurs – Familien mit außergewöhnlichen Belastungen

Jedes Thema ist noch einmal untergliedert in weitere Kapitel, diese wiederum sind angereichert mit zahlreichen Praxis-Beispielen, auch witzigen Cartoons und „Fragen und Anregungen zum Weiterdenken“. Man muss die Themenkomplexe und Kapitel nicht in einer bestimmten Reihenfolge lesen; man kann und soll sich je nach Interesse und Bedarf einzelne Themen „herauspicken“. Das macht das Buch so hilfreich und prädestiniert es zu einer Art „Hausbibel“.

Kita-Studie mit erschreckendem Ergebnis

Als Rezensentin interessierte ich mich bei der Lektüre zum Beispiel besonders dafür, was das Autorenduo zum Thema „Rahmenbedingungen“ zu sagen hat. Auch deshalb, weil in den Medien gerade über die neue Bertelsmann-Studie „Frühkindliche Bildungssysteme“ berichtet wird, die dem Großteil der Kitas in Deutschland eine miserable Qualität bescheinigt. Ergänzend zu dieser quantitativen Studie, die sich auf die Überprüfung der Personalschlüssel konzentriert, gibt es noch eine qualitative Untersuchung an der Fernuniversität (FU) Hagen, bei der 128 Pädagogen in Kitas und Krippen befragt wurden.

Die Ergebnisse auch dieser Studie sind zum Teil erschreckend: Das einzelne Kind gerät aus dem Blick, die (oft schlecht qualifizierten) Erzieherinnen könnten den Kindern nicht gerecht werden, ein sekundärer Bindungsaufbau gelinge nicht.

„Der Aufbau von tragfähigen, verlässlichen, kontinuierlichen und vertrauensvollen Beziehungskonstellationen ist dementsprechend insbesondere bei einem multifaktoriellen Personalmangel gefährdet“, lautet ein Fazit der Studie.

Befehlston in der Kita

Auf Spiegel-online berichtet Professorin Julia Schütz von der FU Hagen, die die qualitative Studie geleitet hat, über „Gänsehaut“, die sie bekommen habe angesichts der „fürchterlichen“ Dinge, die sie in ihren Gesprächen mit den Erzieherinnen erfahren habe. Anweisungen im Befehlston, ironische Bemerkungen und Herabsetzungen seien an der Kita-Tagesordnung. Es gehe im Alltag nur noch darum, „dass der Laden läuft“.

Stress bei Krippenkindern

Insider wie die Bachmanns benötigten natürlich keine weitere Studie, um über den desolaten Zustand im Krippen- und Kitaalltag informiert zu sein. Das Dilemma ist auch ihnen seit Jahr und Tag bewusst, aber es ist wohl noch nie so direkt und an prominenter Stelle benannt worden wie nun durch Bertelsmann und die FU Hagen. Auf den „Stress bei Krippenkindern“ und seine langfristigen Folgen weisen die Bachmanns in ihrem Buch in einem Extra-Kasten hin. Ansonsten sei ihnen „bewusst, dass dieses Thema ein ‚heißes‘ Eisen ist“. Man will sich deshalb nicht auf ein Schwarz-Weiß-Schema festlegen, sondern beschränkt sich bei der Betreuungsthematik auf Denkanstöße. So könnte man sich etwa fragen:

„Wie sind Sie selbst (und Ihr Partner) betreut worden?“ Wohl nur ein kleiner Teil der Leserschaft – zumindest in Westdeutschland – wird antworten: ich war ab dem zweiten Lebensjahr von morgens bis abends in der Kita.

Staatliche Lockmittel für Eltern

Anregung zu diesem heiklen, aber wichtigen Thema bietet der Absatz „Gesellschaftliche Einflüsse mit Ausstrahlung“. Hier entlarven die Autoren das Interesse von Wirtschaft und Politik, Eltern so schnell wie möglich für den Arbeitsmarkt zurückzugewinnen und sie dort langfristig einzubinden, was aber meist auf Kosten des privaten Lebensbereichs geht. Das Verzwickte daran:

Mit den diversen staatlichen Lockmitteln wie Elterngeld, Elterngeld Plus, Elternzeit, Rechtsanspruch auf Kita-Platz, Hort- und Ganztagsangebote wird Eltern suggeriert, dass ein früher Wiedereinstieg der Frauen in den Beruf und damit die beidseitige Berufstätigkeit der Eltern vollkommen „normal“ sei und auch gelingen kann.

Elternschaft verändert die Prioritäten

Rezension Familienleben - BachmannWenig bekannt sei die „Kehrseite“ dieser luxuriösen Angebote, betont das Autorenduo: Diese Angebote hätten nämlich „deutlichen Einfluss auf die Entscheidungen, die Eltern in dieser Lebensphase treffen.“ Es würde „suggeriert, dass die mit dem Elternsein verbundenen Abstriche und die Neuordnung der Prioritäten nur für diesen kurzen Zeitraum notwendig sind. Danach, so bekommen viele Eltern durch diese Vorgabe den Eindruck, scheint das ‚alte Leben‘ mit seinen gewohnten Prioritäten fortgesetzt werden zu können“. Und genau das sei eben nicht möglich.

Kinder und Erwachsene würden heute nur daran gemessen, ob sie gut „funktionieren“, nicht ob es ihnen „gut geht“.

Dieses ökonomische Denken setze sich mittlerweile auf allen Ebenen fort, kritisieren die Autoren:
„Partnerschaften werden darüber bewertet, ob sie einem ‚was bringen‘, Beziehungen fast durchweg taxiert, orientiert am Prinzip ‚Gegenwert und Gegenleistung‘ statt Bedingungslosigkeit. Lebensglück und -zufriedenheit scheinen vielfach an das Erreichen messbarer Erfolge geknüpft zu sein. Wie selbstverständlich wird heute von Männern und Frauen erwartet, dass sie Familie, Freunde und Wohnumfeld den beruflichen ‚Notwendigkeiten‘ unterordnen. Und: Auch Kinder werden optimiert, von Anfang an.“

„Vereinbarkeit“ bedeutet Doppelbelastung

Die Bachmanns entlarven daher die Sprache als wesentliches Trugmittel: „Die ‚Vereinbarkeit‘ von Beruf und Familie signalisiert, dass die Doppelbelastung im Normalfall gut und ohne Abstriche für alle Beteiligten leistbar sein sollte. Die Mutter von fünf Kindern, die neben Kinderbetreuung, Haushalt, Haus und Garten noch drei Ehrenämtern nachgeht, spiegelt mit ihrer Aussage, dass ‚sie nichts arbeite‘, den in unserer Gesellschaft gängigen Arbeitsbegriff wider – Arbeit als ausschließlicher Ausdruck für Erwerbstätigkeit, Wertschöpfung im definierten wirtschaftlichen Sinne.“

Das Problem: Immer mehr junge Erwachsene haben nicht den Mut, sich gegen den Mainstream zu entscheiden und auf ihr Bauchgefühl zu hören. Intuition scheint vielen abhanden gekommen zu sein. Das liege unter anderem daran, erläutern die Autoren, dass der Gruppendruck sich kontinuierlich erhöhe, auch weil „Anpassung mit Anerkennung und Abweichung mit Abwertung“ einhergehe und die Bedeutung der ersten Lebensjahre entgegen aller wissenschaftlicher Expertise immer noch „heruntergespielt“ würden.

Es gibt keine Patentlösung

Das Fazit der Bachmanns: Auch wenn der Wunsch, „alles auf einmal zu wollen“, nachvollziehbar sei und durch die euphemistische Formulierung von der „Vereinbarkeit“ gut erreichbar erscheine, sei dieser Wunsch „einfach nicht realisierbar“. Eine „Patentlösung“ für dieses Dilemma“ gebe es schlicht nicht. Das Autorenduo rät Eltern vielmehr, sich mit ähnlich Denkenden zusammenzutun und neue Rahmenbedingungen zu fordern, weil die gegenwärtigen sich als nicht praktikabel erwiesen hätten. Als Beispiele für solch gelungene Veränderungen nennt es das Rooming-in in den geburtshilflichen Kliniken und die G8/G9-„Rückabwicklung“ der Schulzeitverkürzung.

Verantwortlich sei man eben nicht nur für das, was man tue, sondern auch für das, was man nicht tue, erinnern die Bachmann an Laotse. Oder, um es mit Erich Kästner zu sagen: „An allem Unfug, der geschieht, sind nicht nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch diejenigen, die ihn nicht verhindern.“ Wer dieses Buch im Haus hat, dürfte bestens gerüstet sein für eigenständige Entscheidungen und gute Chancen haben, seinen Familienalltag selbstbewusst und zur Zufriedenheit aller Beteiligten zu gestalten.

von Birgitta vom Lehn

Links zum Thema

Studie

Bertelsmann-Studie „Frühkindliche Bildungssysteme, 08.2020

Studie

Personalsituation in Kitas belastet pädagogisch Tätige und Kinder, Fernuniversität (FU) Hagen, 08.2020
„Professionelles Handeln im System. Perspektiven pädagogischer Akteur*innen auf die Personalsituation in Kindertageseinrichtungen (HiSKiTa)“ pdf-Download

Presse

Personalsituation in Kitas „Die Ausstattung ist per se schon ungenügend, Spiegel-online, 25-08.2020, Interview mit Julia Schütz, Professorin für Empirische Bildungsforschung an der FU Hagen