Kindheit heute - Foto istock © ljubaphoto

„Was ist nur mit den Teenagern los? Allein in meiner näheren Umgebung hat sich ein Mädchen umgebracht, ein weiteres versuchte es, und ein drittes ritzte sich“, schreibt die schweizerische Journalistin Daniela Niederberger in der Weltwoche und betont:

„Es sind keine tragischen Einzelfälle. Die psychiatrischen Kliniken aus der ganzen Schweiz berichten von markant mehr Kindern und Jugendlichen, die behandelt werden. Sie klagen über Stress und Einsamkeit. Ist die Schule schuld? Das Internet? Oder ist es gar das Elternhaus?

Was plagt die jungen Menschen?

In Zürich etwa zählte man in den Jahren 2014 bis 2016 rund 400 Notfallkonsultationen pro Jahr; die letzten beiden Jahre waren es durchschnittlich 700. Vier Fünftel der Hilfesuchenden wollen nicht mehr leben oder verletzen sich selber. An der Berner Universitätsklinik wuchs die Zahl der ambulanten Konsultationen in den letzten zehn Jahren um das Zweieinhalbfache, am Notfallzentrum verdreifachte sich die Zahl. In der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW) werden 50 Prozent mehr Jugendliche und junge Erwachsene ambulant behandelt als noch vor vier Jahren, stationär liegt das Plus bei über 60 Prozent.

Man nimmt heute zwar schneller psychologische Hilfe in Anspruch als früher. „Wir haben nicht dreimal mehr psychisch kranke Kinder“, sagt Michael Kaess, Chefarzt der Berner Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Aber auch so bleibe eine deutliche, reale Zunahme des Leidens. Was plagt die jungen Menschen?

„Viele klagen über starken Druck“, sagt Dagmar Pauli, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich. „Besonders stark merken wir das vor Zeugnissen und während Probezeiten.“ Laut einer Studie der Jacobs Foundation von 2015 ist die Hälfte der befragten Jugendlichen häufig bis sehr häufig gestresst. „Sie sind ehrgeizig, haben hohe Ansprüche an sich und klagen über Zeitmangel“, sagt Alain Di Gallo, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. „Alles ist eng getaktet. Dazu kommt ein riesiger Druck, an der Schule gute Leistungen zu bringen.“ Das wirkt sich auch auf die Eltern aus. Statt mit dem Kind zu reden und zu lachen, treibt man es vom Morgen bis am Abend an. Als neuster Stressfaktor kommt noch die Angst mancher Kinder ums Klima dazu.

Verstärkt wird all dies durch eine Ursache, die gerne verschwiegen wird: Nicht selten fällt heute die Familie weg. „Die Familiensysteme sind instabiler geworden. Die Ressourcen und die Bereitschaft in Familien, psychische Erkrankungen auszuhalten, sind geschwunden“, sagt Michael Kaess. Großfamilien gibt es schon lange nicht mehr, und auch die Kleinfamilie erodiert. „Je geringer die Anzahl potenziell unterstützender Menschen, desto instabiler ist das System“, so Kaess. Trennungen seien ein Risikofaktor.

Kontaktstörung

Kindheit heute - Foto 123RF © jmpagetBei der Notrufnummer 147 der Pro Juventute melden sich jeden Tag zwei bis drei Teenager, die suizidale Gedanken haben oder Angst, die Freundin sei gefährdet. Was laut Thomas Brunner, Leiter der Telefonhilfe 147, in den Gesprächen oft Thema ist: Die Betroffenen sind mit Kollegen zusammen und doch allein. „Sehr viel hören wir, dass sich Jugendliche in der Klasse einsam fühlen.“ Suizidalität könne unter anderem auch eine Kontaktstörung sein. Man möchte gesehen werden, eingebunden sein, ja, geliebt werden.

„Nach einem Selbstmordversuch“, so Brunner, „sagt das Umfeld oft: »Wenn sie doch nur etwas gesagt hätte!« Doch die Jugendliche sagt: »Ich versuchte so stark, Signale zu geben.«“ Das sind Sätze wie: »Euch ginge es besser, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich möchte nur noch schlafen.« Oder man spielt mit Symbolen wie Totenköpfen. Warum merken die Eltern nichts? Brunner: „Wir alle filtern. Wir nehmen nie alles wahr. Wir möchten vor allem das Gute sehen, Erfolge. Viele junge Menschen sagen: »Ich werde nicht wahrgenommen, es interessiert eh niemanden.«“ Die Eltern sind oft eher mit sich selber beschäftigt, mit dem Job, dem Alltag, dem Handy.

Auch die Medien spielen eine Rolle. „In den siebziger Jahren war Magersucht ein wichtiges Thema, heute nicht mehr so stark“, sagt Stephan Kupferschmid, Chefarzt der Psychiatrie für Jugendliche und junge Erwachsene an der IPW in Winterthur. »In den Achtzigern standen Drogenprobleme im Fokus; heute nimmt die Jugend weniger Drogen, dafür sind die Themen der Zeit Depressionen, Selbstverletzungen und Suizid.« Als Beispiel nennt er die Netflix-Serie »13 Reasons Why« (»Tote Mädchen lügen nicht«) um ein Teenagermädchen, das sich das Leben nahm. Nach der Ausstrahlung der Serie stieg in den USA die Suizidrate an. Popstars wie Billie Eilish, Ava Max (»Sweet but Psycho«), Bebe Rexha (»I’m a Mess«) und Sia spielen offen mit einer Irrenhausästhetik.

Beziehung zu den Eltern

Eine Gefahr können die sozialen Medien darstellen, „mit ihren Räumen und Chats, wo über Suizid und Selbstverletzungen kommuniziert wird, wo man sich noch gegenseitig anheizt“, sagt Dagmar Pauli. Aber nicht, dass jetzt alle Eltern Angst kriegen. „Es ist nicht wie bei der Grippe, wo es jeden treffen kann“, sagt Michael Kaess. »Es stecken sich nur Jugendliche im Internet an, die in einer psychischen Krise sind. Als gesunder Jugendlicher wird man von einem Video über Selbstverletzung nicht zur Nachahmung animiert.« Dagmar Pauli legt den Eltern ans Herz, sich nicht nur anzuschauen, was das Kind für Freunde hat, sondern auch, was es im Internet macht. Das geht natürlich bei Kindern besser als bei Teenies in voller Blüte. (Gucken Sie mal Ihrer 14-jährigen Tochter über die Schulter aufs Handy und fragen harmlos: „Was schaust du?“)

Ein Trost ist auch Folgendes: Zwar stiegen die Selbstmordversuche in den letzten Jahren massiv an, vor allem bei Mädchen; doch die vollzogenen Suizide junger Menschen stagnieren seit Jahren bei um die dreißig im Jahr. Zwei Drittel davon werden von jungen Männern ausgeführt.

Der Druck in Schule und Alltag ist für viele Kinder hoch, aber nicht alle werden krank. Was schützt?

Beziehungsnähe zu den Eltern
funktionierende, unterstützende Erwachsene
ein familiäres Umfeld, das nicht nur Druck macht, sondern stützt
Vertrauen ins Kind

sagen die Psychiater.

Das zeigt auch eine Studie der Universität Cambridge von 2016 bei 800 Teenagern, die eine belastete Kindheit hatten (erzieherisches Versagen und wenig Wärme, Missbrauch, Finanzprobleme, Verlust eines Elternteils) – was als größtes Risiko gilt für eine Depression im Teenie-Alter. Ein anderer Risikofaktor ist Mobbing; die Studie zeigte: Wer ein schwieriges Familienumfeld hat, wird in der Schule eher gemobbt. Wer aber in der frühen Adoleszenz gut von der Familie und von Freunden unterstützt wird (die Eltern haben dazugelernt, oder die Krise ist überwunden), läuft weniger Gefahr, depressiv zu werden.

Quality time-Mütter

Die Eltern spielen also eine eminent wichtige Rolle. Nun sind die Mütter immer öfter bei der Arbeit statt zu Hause. Die Gründerin des englischen Kinder-Sorgentelefons Childline, Esther Rantzen, warnte, dass das Verschwinden der Vollzeithausfrau bei einer Generation von Kindern zu Depressionen und Ängsten führe. Sie sagte, die Kinder telefonierten Childline, weil sie niemanden zum Reden hätten. Ein Junge mit ernsthaften Problemen habe ihr gesagt, seine Mutter sei abends zu müde, um mit ihm zu sprechen.

Rantzen sprach ihre Warnung vor zwei Jahren im britischen Telegraph aus. Sie erwähnte ihre eigene Mutter, die sich »mit Stolz« als Hausfrau bezeichnet hatte und ihre Töchter immer spüren ließ, dass sie zuerst kamen. Sie stach in ein Wespennest.

Die Kolumnistin Sarah Vine gab in der Daily Mail noch einen drauf und schrieb: „Die brutale Wahrheit: Das Verschwinden der Hausfrau ist schädlich für Kinder.“ Sie selber sei so schuldig wie jede arbeitende Mutter. Objektiv darüber zu sprechen, sei unmöglich, weil die Mütter natürlich »höchst sensibel« reagierten und sich verteidigten: Man mache die Zeit, die man weg sei, mit quality time gut, man sei erfüllt und folglich die bessere Mama et cetera. Und doch: „Wie oft war ich zu müde, um meinen Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen? Oder zu gestresst, um diese leise innere Stimme zu hören? Die simple Wahrheit: Im 21. Jahrhundert brauchen die Kinder ihre Mütter mehr denn je, aber wir sind schlicht nicht da für sie.“

Sind abwesende Mütter ein Grund, weshalb sich viele Teenies so schlecht fühlen? In der Schweiz haben 80 Prozent der Mütter einen Job. Man hört die befragten Psychiater am Telefon tief einatmen. Er habe Mühe mit diesem »mother blaming«, sagt Professor Di Gallo. Dagmar Pauli sagt, das habe »ganz und gar nichts damit zu tun«. Sie selber hat auch Kinder. Man könne sehr wohl auf Tuchfühlung mit den Kindern sein, wenn man arbeite. Umgekehrt könne es einem passieren, dass man immer zu Hause sei und nicht an die Kinder herankomme.

Überforderte Mütter und Väter

Kindheit heute - Foto Unsplash © Sharon Mc Cutcheon„Die Erfahrungen der ersten Lebensjahre spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Angststörungen und Depressionen“, sagt Di Gallo. Gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht ein Drittel der psychischen Krankheiten auf negative Erlebnisse in der frühen Kindheit zurück. 2010 zeigte eine Meta-Analyse von 69 Studien, dass sich die Werktätigkeit der Mutter im ersten Lebensjahr negativ auf das Kind auswirkt. Nur bei arbeitslosen oder alleinerziehenden Müttern ist die frühe Kita-Betreuung gut fürs Kind. Bei Mittelstandsfamilien gab es einen Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit der Mutter und Problemen der Kinder.

In der Schweiz geben die Frauen ihre Babys mit vier oder sechs Monaten in die Krippe, weil der Mutterschaftsurlaub nicht länger dauert. Sicher, es werden nicht alle Kinder von arbeitenden Müttern psychisch krank. Es ist nie bloß ein Faktor ausschlaggebend. Aber kommt noch etwas dazu, etwa Suchtprobleme in der Familie, kann es für alle zu viel werden. Das zeigen auch die beunruhigenden Zahlen der Kinderspitäler. Seit Jahren steigt die Zahl der misshandelten Kleinkinder. Es gibt nicht so viele böse Eltern. Aber Mütter und Väter, die überfordert sind.

von Daniela Niederberger

Quelle Erstveröffentlichung:

Abwesende Mütter, kranke Kinder, Daniela Niederberger, Die Weltwoche, 19.06.2019

Links zum Thema

Studie

Psychische Störungen in der frühen Kindheit, Klitzing, Kai von et.al., PP 14, Ausgabe Juni 2015, Seite 269,  ärzteblatt online, 4.9.20

Studie

Jacobs Foundation, Zu viel Stress- zu viel Druck. Wie Schweizer Jugendliche mit Stress und Leistungsdruck umgehen, Zürich, 2015

Studie

Friendships and Family Support Reduce Subsequent Depressive Symptoms in At-Risk Adolescents, Anne-Laura van Harmelen et.al., Cambridge, 2016​

Presse

MOTHER SUPERIOR? The biological effects of day care, Dr. Aric Sigman, The Biologist 2011 Vol 58 No 3