Körperkontakt - Foto fotolia © Ana Blazic PavlovicWie wichtig Berührungen sind und in welcher distanzierten Gesellschaft wir bereits lange vor Corona lebten, wird in einer Krise wie dieser besonders deutlich.

Großeltern durften ihre Enkelkinder lange Zeit nicht in die Arme schließen, aus Angst, sich anzustecken. Erzieherinnen, die Kinder betreuen, und Lehrer, die Schulkinder unterrichten – alle sind gehalten die Hygienevorschriften einzuhalten. Das heißt vor allem auch wenig bis keine Berührungen!

Eine Zeitlang auf körperliche Distanz zu gehen, um die schlimmste Ausbreitung von Covid19 zu verhindern, war ohne Zweifel sinnvoll.

Können wir auf Dauer ohne Berührungen leben?

Nähe und Körperkontakt sind zentrale Elemente für das menschliche Wohlbefinden und von allen Sinnen ist der Tastsinn der einzige, der dauerhaft präsent ist. [1]

Berührungen haben zahlreiche positive und messbare Auswirkungen: unter anderem Stressreduktion, Entspannung, Senkung des Blutdrucks, Stärkung der Immunabwehr und das Auslösen von Glücksgefühlen. Der Wahrnehmungspsychologe und Leiter des Haptiklabors an der Universität Leipzig, Dr. Martin Grunwald ist überzeugt davon, dass Menschen nach längerer Zeit ohne Berührungen krank werden. [2]

Kurzfristig können Menschen damit zurechtkommen, aber langfristig hat ein Berührungsmangel negative Konsequenzen. „Deshalb sollte ein Lockdown wie der aktuelle aus psychologischer Sicht sicher nicht länger als ein halbes Jahr dauern“, so Grunwald. [3]

Er beschreibt in seinem Buch »Homo Hapticus« was im menschlichen Organismus bei Berührungen genau passiert. Eine Umarmung zum Beispiel stabilisiert das Immunsystem und wirkt entzündungshemmend: Beides Effekte, die insbesondere für Kleinstkinder und ältere Menschen von großem Nutzen sind. Und genau diese Schutzmechanismen fallen momentan für viele Menschen komplett weg.

Erhöhter Stress für Alleinerziehende und getrennt lebende Familien?

Körperkontakt - Foto unsplash © caroline-hernandezWer wie ich in einer Familie lebt, dem geht es vermutlich einigermaßen gut. Nach wie vor kann ich meinen Mann umarmen und mit unseren Kindern kuscheln. Wie aber sind Alleinerziehende und getrennt lebende Familien ohne Wärme durch zwischenmenschlichen Körperkontakt zurecht gekommen?

Sich selbst zu berühren oder digital mit anderen Menschen im Kontakt zu sein, hat nicht dieselben Auswirkungen wie die unmittelbare Nähe zu anderen, und sei es auch nur ein Händedruck oder eine kurze Umarmung.

In einer Studie der Universität der Bundeswehr in Neubiberg werden die psychischen Folgen des aktuellen Berührungsmangels untersucht. [4]

Professor Merle Fairhurst vom Lehrstuhl für biologische Psychologie, die diese Studie leitet, erkennt bereits einen ersten Trend: Die Menschen gleichen den Mangel an Berührung einerseits durch Musikhören und Sport, andererseits vor allem durch Essen aus.

Angenehme Berührungen führen sowohl zu einer Ausschüttung des Glückshormons Oxytocin und des Belohnungs-Botenstoffs Dopamin, als auch zu einer Reduktion des Stresshormons Cortisol.

Fehlen uns aufgrund eines Berührungsmangels diese »Wohlfühl-Prozesse«, neigen wir zu Antriebslosigkeit und suchen nach Ersatz. Frauen neigen in solchen Situationen dazu, mehr zu essen, sind bestenfalls aber eher in der Lage, sich selbst Gutes zu tun.

Männer hingegen sind auch im Normalfall zurückhaltender mit Berührungen – und dies obschon bereits männliche Säuglinge ein größeres Bedürfnis nach Berührung haben. Dieses Dilemma führt bei Männern zu einem größeren Risiko für Einsamkeit und Suizid. „Wir werden nach der Pandemie noch lange Zeit Angst vor Körperkontakt haben“, meint Merle Fairhurst. „Das bereitet mir Sorgen. Ich vermute, dass wir alle durch den Mangel an Berührung momentan mit mehr Stress und Aufregung umgehen müssen.“

Für Kinder ist Körperkontakt ein unverzichtbarer Faktor

Körperkontakt - Foto Pexels © Wendy WeijpgSäuglinge und Kleinkinder, die zu Hause betreut werden, erhalten von ihren Eltern idealerweise viel Nähe und Körperkontakt. [5] Auch zu Zeiten von Corona kann ihr Bedürfnis diesbezüglich erfüllt werden. In Familien mit größeren Kindern finden hoffentlich auch noch genügend Berührungen statt. Wie aber steht es um Kinder, die einen Großteil des Tages in Betreuungseinrichtungen verbringen, wo man sich strikt an die vorgeschriebenen Hygiene- und Abstandsregeln gehalten hat oder immer noch hält?

Berührungen sind zentral für den Beziehungsaufbau“, sagt Moritz Daum, Entwicklungspsychologe an der Universität Zürich. „Kinder bauen die sicherste Bindung unter anderem dadurch auf, dass sie in den Arm genommen werden.“

Der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich beim ungeborenen Kind entwickelt: Embryos reagieren bereits früh auf Berührungsreize. Die Haut ist nicht nur das größte Sinnesorgan des Menschen, sondern auch das erste, das sich entfaltet. Daum empfiehlt daher, Kinder gerade auch in der jetzigen Zeit oft zu umarmen. Auch Haptikforscher Grunwald betont: „Es darf auf keinen Fall wegen Corona auf die Körperkommunikation mit den Kindern verzichtet werden. Selbst die vorsichtigsten Familien müssen darauf achten, dass die Kinder genügend Interaktionen und körperliche Nähe erhalten – im Notfall mit Mundschutz oder Gummihandschuhen.“ [6]

Einsamkeit, soziale Isolation und Berührungsmangel – darunter litten in der westlichen Kultur schon vor der Coronazeit viel zu viele Menschen. Und gerade weil wir eine eh schon sehr distanzierte Gesellschaft sind, die im Vergleich zu anderen wenig Nähe und Körperkontakt zulässt, wird uns vielleicht gerade jetzt deutlich bewusst, wie wichtig liebevolle Berührungen für ein erfülltes Heranwachsen und Leben sind.

von Sibylle Lüpold

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Über Nähe und Berührung

weitere Informationen

[1] Ekmekcioglu C. & Ericson A.: “Der unberührte Mensch», edition a Verlag 2011

[2][6] Warum wir ohne Berührungen auf Dauer krank werden, Dr. Martin Grunwald, Haptikforscher, Domradio.de, 9.04.2020

[3] Forscher warnen: „Auf keinen Fall wegen Corona auf Körperkontakt mit Kindern verzichten“, Annika Bangerter

[4] Corona-Regeln zwingen zu Distanz: Studie untersucht psychische Folgen von Berührungsmangel, Josef Ametsbichler, Merkur.de, 6.05.2020

[5] Positive Auswirkungen des ausgedehnten Hautkontakts auf Reifgeborene, Anja Bier, IBCLC für den Newsletter des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation, Mai 2020